Es war Ende Januar, als die Regierung um Präsident Hosni Mubarak kurzzeitig das Internet in Ägypten abschaltete . Im Gegenzug legten im Rahmen der " Operation Egypt " Unterstützer des Hacker-Kollektivs Anonymous mehrere staatliche Websites und die des Telefonanbieters Vodafone lahm. Keine große Aktion, wirklich gehackt wurde nichts, nur ein paar Seiten waren für einige Zeit nicht erreichbar. Eine nette kleine Geschichte am Rand der arabischen Revolten, mit der das Netz auf seine Weise zeigte, dass es die Jugend auf den Straßen Kairos unterstützt.

Koordinierte Angriffe im Netz sind auch nicht neu. Doch niemals waren sie so zahlreich wie in diesem Jahr. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Website, sei es die eines Unternehmens oder einer Behörde Ziel einer solchen Attacke ist.

Anonymous machte den Anfang und wollte mit Aktionen wie die gegen Ägypten oder die für Wikileaks libertären Graswurzel-Aktivismus leben. Längst aber ist diese Idee aus dem Ruder gelaufen. Gruppen wie Lulz Security nutzen die mutmaßliche Legitimierung solcher Cracker-Angriffe für ihre eigenen Aktionen. Dass dabei immer häufiger auch Unbeteiligte getroffen werden, stört sie nicht. Im Gegenteil: Viel Feind, viel Ehr, scheint die Idee zu sein.

Bestes Beispiel ist der erneute Angriff auf Sony , der den unrühmlichen Höhepunkt der diesjährigen Cracker-Welle darstellt. Nach einem Hack des Playstation-Netzwerks lag der Konzern bereits am Boden, seine fahrlässigen Sicherheitsvorkehrungen waren bereits aufgedeckt. LulzSec trat nicht nur nach und stahl Zehntausende E-Mail-Adressen und Passwörter, die Gruppe stellte sie anschließend auch ins Netz. Aber was können die Kunden dafür, dass das Unternehmen schlampt? Warum also sie durch eine solche Veröffentlichung bestrafen?

Die Euphorie über die mutmaßliche Macht blendet offensichtlich. Ein Blick auf die jüngsten Attacken zeigt, wie wahllos inzwischen die Ziele ausgesucht werden. Vergangene Woche war es Nintendo, am Montag die Seite des US-Senats . Dann eine Pornoseite, von der die Passwörter von 26.000 Kunden gestohlen und veröffentlicht wurden. Warum auch immer. Am Dienstag dann fielen die Server der beliebten – und von vielen Menschen geschätzten – Spiele Eve Online und Minecraft aus.

Die Haltung dahinter erinnert an die des "Bully", des Schlägers auf dem Schulhof: Wer das Opfer ist, ist eigentlich egal, solange nur genug dabei zuschauen. Und falls der Lehrer kommt, war doch alles bloß Spaß. Oder, wie die Cracker sagen würden:" only for the lulz ". Es gehe doch nur um Schabernack und Schadenfreude, um sonst nichts.

LulzSec macht keinen Hehl daraus, dass man keine lauteren Motive verfolgt: Es gehe allein um die "Unterhaltung auf eure Kosten", heißt es im Twitter-Profil . "Ihr" – das sind in diesem Fall nicht mehr bloß Unternehmen und Anbieter, sondern auch die Nutzer, deren Daten immer häufiger entwendet werden.