Lehrer scheuen sich immer weniger davor, auch online auf ihre Schüler zuzugehen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bei Hausaufgaben zu helfen und Ratschläge zu verteilen. Manche gehen sogar noch weiter: Sie verwenden soziale Netzwerke nicht nur nachmittags nach dem Pausengong, sondern mitten im Unterricht, vor versammelter Klasse.

Früher sammelten Lehrer Mobiltelefone vor dem Unterricht ein, um Ablenkungen zu vermeiden. Inzwischen raten Pädagogen dazu, sich den Herausforderungen des medialen Wandels zu stellen. Der Koblenzer Geschichtslehrer Daniel Eisenmenger etwa setzt GoogleMaps, YouTube und auch Twitter bewusst im Unterricht ein und bloggt über seine Erfahrungen.

Und gerade Twitter lässt sich dafür nutzen. Ist es doch bestens dafür geeignet, im Unterricht Schüler für neue Diskussionsformen zu gewinnen. Wie, das hat beispielsweise der Medienpädagoge Björn Friedrich untersucht.

Die Versuchsanordnung sieht folgendermaßen aus: Im Unterricht wird ein klassisches Thema des Lehrplans verhandelt, etwa ein Gedicht von Henry Miller. Während der Lehrer über das Gedicht referiert, können die Schüler – allesamt vor Laptops sitzend – Kommentare abgeben und persönliche Meinungen artikulieren. Jeweils 140 Zeichen lang dürfen die Meldungen sein. Das fördert den Gesprächsverlauf, weil so die Schwelle in der Klasse niedriger ist, sich am Unterricht zu beteiligen und eigene Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Weise werden gerade zurückhaltende Schüler zum Diskutieren animiert, die sich im Normalfall heraushalten würden.

Auch kann es Aufgabe sein, eine Kurzgeschichte zu schreiben, die nicht mehr als eben diese 140 Zeichen hat, die beste wird prämiert. Der Twitterer @tiny_tales macht das seit einiger Zeit erfolgreich vor.

Wer sich an zähe Deutschstunden erinnert, wird sich ausmalen können, wie produktiv ein solches textbasiertes Gespräch sein kann. Natürlich trägt der digitale Unterricht nur dann zur Diskussion bei, wenn der Lehrer die auf dem Bildschirm erscheinenden Kommentare aufgreift und in seinen Unterricht integriert.

Gelingt das, können damit auch sonst eher stille Schüler erreicht werden, wie Nicholas Provenzano, Englisch-Lehrer an einer High-School in der Nähe von Detroit, in der New York Times berichtete. Bei Twitter und auf seiner Website nennt er sich "the nerdy teacher", der nerdige Lehrer. Er sagte demnach, dass bei einer dreißigköpfigen Schulklasse mindestens acht seiner Schüler, die normalerweise schweigen würden, sich auf diese Weise an der Diskussion beteiligten.

Vor Büchern hat ja auch niemand Angst

Soziale Medien im Unterricht sind ein Trend, auch wenn im Durchschnitt die Skepsis gegenüber dem Internet noch überwiegt. Das bestätigt eine jüngst veröffentlichte Studie der Babson Survey Research Group. Dort heißt es, dass nur zwei Prozent der Lehrer in den Vereinigten Staaten Twitter als Unterrichtsmedium verwendeten und mindestens fünfzig Prozent auf das Internet mit Skepsis reagierten, obwohl der positive Effekt für die Gesprächskultur durch Psychologen bewiesen sei.

Vor allem die Angst vor Zerstreuung ist immer noch groß. Da aber eine neue Generation von Lehrern heranreife, für die das Internet selbstverständlich sei, werde sich das Internet als Unterrichtsmedium in den kommenden Jahren durchsetzen, so die Prognose der Untersuchung. Warum auch nicht? Immerhin wollen Dienste wie Twitter Kommunikation so unkompliziert wie möglich machen – ein Ideal, das man auch im Unterricht nutzen kann, solange er nicht frontal abläuft.

Auch deutsche Erziehungswissenschaftler sind inzwischen der Ansicht, dass Schüler und Lehrer sich dringend mit sozialen Medien auseinandersetzen müssen. Eike Rösch, der das Blog Medienpädagogik betreibt, kann ebenfalls von positiven Erfahrungen berichten: "Ich kenne beispielsweise einen Geschichtslehrer, der mit Twitter die Kuba-Krise durchgespielt hat. Die eine Gruppe twitterte im Namen der Kubaner, die andere vertrat die Positionen der Amerikaner. Und so schaukelte sich die Situation von Tweet zu Tweet hoch – bis zur historischen Klimax."

Auf diese Weise würden die Geschichtsereignisse stärker im Gedächtnis haften bleiben, sagt Rösch. Und die Schüler profitieren von einem interessanten und abwechslungsreichen Unterricht.

Und was ist mit der Zerstreuung? Eike Rösch hält die Sorge für überbewertet. "Auch vor den sozialen Netzwerken konnte man sich leicht ablenken lassen. Nur die Möglichkeiten haben sich geändert." Der Medienexperte glaubt, dass die Skepsis vor allem auf Unwissenheit und Vorurteilen basiere: "Die Einführung des Social Web ist wie die Erfindung des Buchdrucks. Irgendwann wird man das Medium als selbstverständlich betrachten."

Ein Gedanke, den Lehrer sich häufiger bewusst machen sollten. Immerhin käme niemand auf die Idee, auf Bücher im Unterricht zu verzichten, nur weil sie auch ablenken können.