Ich gebe es zu: Tumblr hat eigentlich keinen Sinn. Vermutlich ist es wirklich keine Kunst, sondern pure Zeitverschwendung. Und doch, ich liebe es. Ich und 20 Millionen andere Internetnutzer auch.

Meine erste Begegnung mit Tumblr ist denkbar unspektakulär. Ein Freund hat seine Tumblr-Postings mit seinem Facebook-Profil verbunden, ich schaue die gesammelten Einträge durch. Das Prinzip ist einfach: Tumblr ist nichts weiter als eine große digitale Pinnwand, ausgestattet mit Inhalten aus dem Netz. Jeder angemeldete Nutzer kann Bilder, Videos oder Texte von anderen rebloggen und damit seinem eigenen Profil hinzufügen.

Ich registriere mich also. Zuerst flaniere ich gelassen, später scrolle ich hektisch durch die einzelnen Tumblogs und entdecke immer wieder große Kunst und Fotografie zwischen den Einträgen. Manchmal bewegt sie sich sogar; die sogenannten Gifs sind kurze Sequenzen aus Einzelbildern, mal prägnante Filmszenen, manchmal skurrile Pop-Art-Stücke, häufig aber auch einfach lustige Momentaufnahmen. Das Auge geht auf Weltreise: indische Landschaften, aktuelle Modestrecken aus Paris, Retro-Plakate aus den 1920er Jahren, aufgemotzte Fahrräder, gutes Essen und natürlich auch Sex. Selbst hier geht es – meistens – erstaunlich stilvoll zu, man stößt nicht selten auf Erotik-Fundstücke der letzten Jahrhunderte.

Nach zwei Tagen bin ich süchtig. Wie bei der Facebook-Sucht muss man sich dafür heute nicht mal schämen. Der Vorteil gegenüber traditionellen Blogs ist die einfache Nutzbarkeit. Wer schon immer bloggen wollte, aber nie Zeit dafür fand, ist hier genau richtig. Innerhalb von 35 Sekunden ist alles installiert und online – Microblogging ist die offizielle Bezeichnung. Tumblr ist nicht der einzige Dienst, aber der erfolgreichste.

Die meisten Tumbler, denen ich folge, sind zwischen 16 und 30 Jahren alt. Sie leben in Paris, Los Angeles oder Tokyo und sind alle besessen davon, ihren guten Geschmack zu teilen. Jenna Brinning, zuständig für International Development bei Tumblr, erklärt, dass es vor allem um Selbstmarketing geht: Was auch immer die Nutzer sich aus der Fülle auspicken, repräsentiert ihren persönlichen Stil und ihre Vorlieben. Viele sammeln thematisch, andere nach Bauchgefühl. Die Namen der Tumblogs lesen sich wie T-Shirt-Slogans: Raw like Sugar, NerdinLove, a little bit cool. Das Phänomen erinnert an einen virtuellen Museumsbesuch, es ist nur viel komplexer.

Doch nicht nur Kreative lieben das Depot für Schnipsel und Fundstücke, die sich wie über ein Schneeballsystem verbreiten. Die US-Regierung verwendet es ebenso wie die Magazine Elle, GQ, die New York Times und auch die Huffington Post. Tumblr hat zwischen traditionellen Blogs und sozialen Netzwerken seine Nische gefunden.

Ärgerlich ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, zu kommentieren. Auf der anderen Seite schätze ich die Privatsphäre, denn niemand fragt mich hier, wie alt ich bin und was ich mache. Wozu auch, manchmal sagen Bilder ja auch mehr als Worte.