"Online sind Namen zweitrangig" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Professor Clark, Sie haben kürzlich gesagt, dass wir eine große Debatte über die Zukunft des Netzes brauchen.

David D. Clark: Ach was, diese Debatte läuft in Wahrheit schon längst. Und es ist eine sehr notwendige Debatte. Die Weiterentwicklung des Netzes kann nur gelingen, wenn sie sich an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfordernissen orientiert ...

ZEIT ONLINE: Das sagen Sie als Ingenieur?

Clark: Und zwar aus Erfahrung. Ende der neunziger Jahre habe ich gelernt, dass ökonomische Fragen im Mittelpunkt stehen müssen, wenn man überhaupt etwas weiterentwickeln will: Da muss jemand investieren wollen, man muss sich Geld davon versprechen. Wir wollten damals schon sehr frühzeitig so genannte Streaming-Protokolle im Internet verankern, für die bessere Übertragung von Ton und Bildern. Aber als wir damit auf die Internetprovider zugingen, sagten die: Um Gottes Willen! Die hatten damals keine Geschäftsmodelle, die dazu gepasst hätten, und verweigerten sich schlichtweg.

ZEIT ONLINE: Ohne den Rest der Gesellschaft gehe es auch nicht, sagen Sie neuerdings.

Clark: Richtig, es geht auch nicht ohne die Gesellschaft, und erst recht nicht ohne die Politik. Ohne die nationale Politik, wohlgemerkt.

ZEIT ONLINE: Ist das Internet nicht ein internationaler Raum?

Clark: Lassen Sie mich erklären, warum das nur teilweise stimmt. Ein besonders einschneidender Fall war der Prozess in Frankreich gegen Yahoo!...

ZEIT ONLINE: Das war Anfang der 2000er Jahre, als der amerikanische Yahoo!-Dienst Nazi-Andenken an französische Kunden verkauft hatte, und die französische Regierung das stoppen wollte.

Clark: ... ja, und das war ein tiefer kultureller Konflikt. Aus amerikanischer Sicht ging er sehr gegen die Tradition, freie Meinungsäußerung zuzulassen, auch wenn die Meinung in diesem Fall eine sehr unangenehme war. Und trotzdem war die französische Regierung hinterher siegreich und konnte sich durchsetzen. Yahoo! entschloss sich am Ende sogar, dass es wohl einfacher sei, solche Dinge gleich auch in den USA nicht mehr zu verkaufen.

ZEIT ONLINE: Was wollen Sie mit diesem Beispiel jetzt genau sagen?

Clark: Man kann hier der Meinung sein, das sei keine besonders wichtige Angelegenheit, und da würden wohl auch viele Leute zustimmen. Aber gleich dahinter stehen sehr grundsätzliche Fragen. Was darf man im Internet machen? Welche Jurisdiktion gilt in welchem Fall? In welchem Umfang dürfen französische Nutzer auf ausländischen Computersystemen Dienste nutzen, in welchem Fall darf ihr Datenverkehr über Landesgrenzen weitergeleitet werden? Der Yahoo!-Fall hat gezeigt, dass dies keinesfalls eine technische Frage ist, sondern letztlich im politischen Raum entschieden wird.

Früher wollten wir grenzenlosen Datenverkehr

ZEIT ONLINE: Im nationalen politischen Raum sogar! Das klingt jetzt aber gar nicht nach der Ursprungsidee des Internet. Damals war der Gedanke doch: grenzenloser, freier Datenverkehr für jeden, der einen Computer anschließt. Und Sie haben mal gesagt: Könige, Präsidenten und Wahlen lehnen wir im Internet ab!

Clark: Als wir das Internet entwarfen, hatten wir tatsächlich diese äußerst simplen Einfall: universelle Konnektivität.

ZEIT ONLINE: Sie wollten, dass alle Computer und alle damals schon bestehenden Netze untereinander Daten austauschen konnten.

Clark: Eben. Seither haben viele Leute gefragt: War das als politisches Statement gemeint? Nein! Wir waren damals einfach nicht in der Lage, ein komplizierter konstruiertes Netz in die Welt zu setzen.

ZEIT ONLINE: Wie stehen Sie heute dazu?

Clark: Im Rückblick muss man sich fragen, ob das damals eine gute oder eine schlechte Entscheidung war. Und wenn ich heute Dinge wie Elektrizitätswerke sehe, die am Internet hängen und von jeder Internetadresse dieser Welt Daten geschickt bekommen können, muss ich sagen: Das ist eine ziemlich dumme Idee. Das Netzwerk sollte zumindest in der Lage sein, zu authentifizieren, woher im Einzelfall die Daten kommen und wohin sie gehen.

ZEIT ONLINE: Das Internet soll sicherstellen, dass Sender und Empfänger stets bekannt sind?

Clark: Nein, das meine ich damit nicht. Nicht generell. Im Fall von Elektrizitätswerken sollte es so sein, ja. Auch im Fall einer Bank. Es gibt aber viele andere Beispiele, in denen eine solche Authentifizierung der Benutzer unerwünscht ist; im Gegenteil: Denken Sie an bestimmte Informationsseiten zu Gesundheitsfragen. Solche Dienste würden ja überhaupt nicht mehr funktionieren, wenn jeder seine Identität preisgeben müsste.

ZEIT ONLINE: Aber was denn nun – soll das Internet seine Benutzer authentifizieren, oder soll es ein anonymes Medium sein?

Clark: Wir brauchen beides. Wir müssen den Benutzern des Netzes die Wahl geben. Meiner Meinung nach sollten wir zusätzliche Services in das Netz einbauen, die wahlweise eine sehr gut gemachte Form der Authentifizierung anbieten.

ZEIT ONLINE: Um die zu nutzen, muss man sich dann ausweisen. Surfen mit dem Personalausweis, sozusagen.

Clark: Naja, so stellt es sich die amerikanische Regierung bisweilen vor, es gibt hier solche Vorschläge, dass von einer zentralen Internetstelle Zertifikate ausgegeben werden, mit denen man sich dann im Netz ausweisen kann. Das ist aber lächerlich. Für die meisten Funktionen im Netz reicht es aus, wenn man sich selber ein Identifizierungszertifikat ausstellt und es dann kontinuierlich einsetzt.

Die digitale Identität kennenlernen

ZEIT ONLINE: Das klingt wie ein Votum für die so genannte Pseudonymität im Internet.

Clark: Wenn Sie eine solche digitale Identität kontinuierlich benutzen, werden die anderen Internetbesucher Sie im Lauf der Zeit kennenlernen. Ihnen vertrauen lernen oder auch nicht; das entspricht dem menschlichen Verhalten außerhalb des Internet sehr gut. Wie der Name dieser Person nun im richtigen Leben lautet, ist zweitrangig.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, das Internet muss lernen, die Wirklichkeit der Menschen besser abzubilden?

Clark: Ja, aber mir ist klar, dass das eine ziemlich große Herausforderung ist. Das ist ein bisschen so wie die Aufgabe: Schreiben Sie bitte das Rezept dafür auf, wie man einen schönen Tag erlebt.

ZEIT ONLINE: Jetzt sind wir vom Ausgangsthema, der Konstruktionsweise des Internet, ganz schön weit weggekommen...

Clark: Nein, das glaube ich nicht. Wenn wir von der Weiterentwicklung des Internets reden, dreht sich das insbesondere auch um sehr hohe Serviceebenen wie eben die neuen sozialen Netzwerke. Und je mehr solche neuen Funktionen entstehen, beobachten wir auch ganz klar, dass das Internet manch unerwünschte Form der Interaktion befördert.

ZEIT ONLINE: ...so wie Kriminalität, Sabotagemöglichkeiten, Verlust von Privatsphäre und so weiter. Daran ist aber nicht das Internet schuld, das Sie damals entwickelt haben, sondern es sind all diese neuen Dienste, die wir oben drauf stapeln.

Clark: Das ist richtig – aber ich sollte sagen: fast richtig. Wenn wir nun nach Lösungen für einige dieser Probleme suchen, kann es auch Leute geben, die sagen: Wir haben damals die Sache mit den Grundlagen des Internet nicht ganz richtig gemacht.

ZEIT ONLINE: Die fehlende Authentifizierung zum Beispiel, oder der absolut ungehinderte Datenversand über Landesgrenzen hinaus. Daran lässt sich aber ja sowieso nichts mehr ändern.

Clark: Das kommt sehr darauf an. Wenn Sie sich heute einige unternehmensinterne Netzwerke anschauen, da wird zwar die von uns geschaffene Technologie verwendet, aber teilweise erheblich abgeändert. Teilweise gibt es da Restriktionen der nutzbaren Dienste oder des Weiterversands von Daten, und die gehen bis runter an die Basis der Internetdienste. Funktionieren tun diese Netze trotzdem. So etwas kann auch länderweise oder nach Regionen geschehen. Sie können Dienste blockieren, Sie können tief in jedes Datenpaket hineinschauen und bestimmte Arten von Datenverkehr dabei aussortieren.

ZEIT ONLINE: Ja genau. Absolutistische Regimes nutzen solche Techniken.

Clark: Und ich sage auch überhaupt nicht, dass ich dafür bin. Wenn Sie mich aber als Ingenieur fragen, antworte ich: Wenn Sie das wirklich wollen, gibt es Veränderungen in der Funktionsweise des Internet, die können einzelne Länder unilateral vornehmen.