Kennt man einen Menschen, wenn man fast ausschließlich über das Internet mit ihm kommuniziert? Das Internet, mahnte 2007 der Medientheoretiker Michael Giesecke in seiner Studie Die Entdeckung der kommunikativen Welt , besitzt eine entscheidende Schwachstelle: Es fehlt ihm die persönliche Dimension. Während wir in der realen Welt den Subtext eines Dialogs am Verhalten unseres Gesprächspartners ablesen können, ist uns das im Internet verwehrt.

Ich könnte also nicht sagen: Ich habe Robin Meyer-Lucht gut gekannt. Und dennoch hat mich sein früher Tod sehr getroffen.

Robin Meyer-Lucht war eine unabhängige Größe im Netz, denn er gehörte keiner Fraktion an und keinem Zirkel. Er hatte bei einem Feuerkopf der öffentlichen Debatte promoviert: dem (ebenfalls zu früh verstorbenen) Medienwissenschaftler, Publizisten und politischen Vordenker Peter Glotz.

Unsentimental und engagiert wie dieser untersuchte Meyer-Lucht, welche Folgen das Internet für die künftige Öffentlichkeit haben würde; wie grundstürzend es die Rollen von Journalisten, Lesern und Verlegern verändert.

Und so wurde aus dem Medienökonomen und Strategieberater Meyer-Lucht kein hemdsärmeliger Erbsenzähler, sondern ein politischer Kopf – mit allen Zweifeln und Selbstzweifeln, die einen produktiven (und nicht nur reproduktiven) Intellektuellen auszeichnen.

Als theoretischen Praktiker (oder praktischen Theoretiker) reizte ihn genau diese Doppelrolle: aktiver Teil des Medienwandels zu sein und gleichzeitig den Struktur- und Bedeutungswandel der Öffentlichkeit zu erforschen.

Als wir uns im Herbst 2008 in der Gründungsphase des Mehrautoren-Blogs Carta am Telefon kennenlernten, imponierte mir vor allem seine Macher-Qualität. Er hatte große Pläne und ich Mühe, seiner schnellen, immer etwas zerstreuten Sprechweise zu folgen. Doch mich überzeugte sein unternehmerisches Urvertrauen: Erst mal anfangen, dann weitersehen.

Blogger und Netz-Verleger

Ich mochte seine Begeisterungsfähigkeit für die Leistungen anderer und seine geradezu buceriushafte Verleger-Liberalität. Sämtliche Eigenschaften, die unerlässlich sind für eine Plattform, die drei Dutzend eigenwilligen Autoren eine virtuelle Heimat bieten sollte.

Nicht, dass "rml" – wie er intern und extern genannt wurde – mit allem einverstanden gewesen wäre! Oft war er der erste, der einen frisch geposteten Beitrag kommentierte! Er konnte hemmungslos loben, wenn ihm ein Text gefiel, und er konnte ein vielsagendes "Hhmm..." hinterlassen, wenn er etwas für Nonsens hielt. Er liebte die Debatte und förderte sie auch dann, wenn Beiträge seinen (ordo)liberalen Grundauffassungen zuwiderliefen.

Den Befürwortern der Kulturflatrate, des Leistungsschutzrechts oder der ARD-Finanzierung fuhr er gern in die Parade. Doch er entschuldigte sich umgehend, wenn er sich im Ton vergriffen oder einen Fehler gemacht hatte.

Mit dieser Haltung und dem verlegerischen Anspruch, die Dinge kompetent von allen Seiten beleuchten zu lassen, etablierte er Carta rasch als Anlaufpunkt und Diskursplattform im Netz. Er sorgte für medienpolitische Scoops, streamte interessante Vorträge, reagierte schnell auf hochkochende Themen und stärkte so das Ansehen der Blogger in einem notorisch misstrauischen Medienumfeld.

Den Grimme-Preis, den seine Autoren 2009 erhielten, empfand er als Anerkennung seiner netz-verlegerischen Pionierleistung. Doch weit und breit fand sich kein Investor (oder Medienmilliardär), der erkannt hätte, welches Potenzial in der Plattform steckte.

Geld floss bei Carta nur spärlich und wenn welches da war, verteilte Meyer-Lucht ein paar Hunderter oder schickte seinen Autoren eine gute Flasche Rotwein ins Haus. Ansonsten subventionierte er das Projekt aus seiner Privatschatulle. Doch im Juni signalisierte die von ihm ausgerufene Sommerpause, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Robin Meyer-Lucht war ein Solitär, weil er beides war: Vordenker und Vorreiter der Netzöffentlichkeit. Er hat dem Strukturwandel aus den Kinderschuhen geholfen.