Assange kämpft gegen seine Autobiografie

Leaks , also Veröffentlichungen gegen den Willen des Protagonisten, sind das Thema, das Julian Assange wohl für den Rest seines Lebens begleiten wird. Er hat die größte und wichtigste Leaks -Plattform aufgebaut, deren Reputation unter anderem durch einen Leak beschädigt wurde . Und nun ist auch seine Autobiografie im Prinzip ein Leak .

Der schottische Verlag Canongate Books hat am Donnerstag Assanges Biografie veröffentlicht – gegen den erklärten Willen des darin Beschriebenen. Weswegen die Unterzeile nun lautet: "die unautorisierte Autobiografie". Das Buch steht bereits auf einem der vorderen Plätze des britischen Amazon-Rankings.

Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen Ironie. So kommentierte beispielsweise Jillian York von der Electronic Frontier Foundation, die sich unter anderem für Transparenz einsetzt, das Ganze kurz und sarkastisch : " And from the department of pot meet kettle, Julian Assange is pissed that a British publisher released drafts of his memoir without his permission. " Sinngemäß, da habe ein Grautier ein anderes Esel genannt.

Vielleicht aber ist das eine zu einfache Sichtweise, der Fall ist komplex. Die Autobiografie beginnt mit einem Vorwort des Verlages. Darin beschreibt Canongate, Assange habe einen Vertrag unterschrieben und habe mehr als 50 Stunden lang mit Andrew O'Hagan geredet, dem Autor, den Assange selbst als Ghostwriter ausgesucht habe. Als jedoch die erste Version vorgelegen habe, sei Assange nervös geworden. "Am 7. Juni 2011, nachdem 38 Verlage in aller Welt unterschrieben hatten, das Buch zu veröffentlichen, sagte uns Julian, er wolle seinen Vertrag annullieren."

Vorschuss von angeblich 500.000 Pfund

Canongate rechtfertigt sich für die Veröffentlichung damit, dass der Vertrag jedoch nie annulliert und bis heute gültig sei – weil Assange den Vorschuss, nach unbestätigten Berichten 500.000 Pfund, nicht zurückgezahlt habe.

Assange hingegen fühlt sich gelinkt. Ziemlich lang ist seine Erklärung dazu . "Dieses Buch sollte eigentlich von meinem Lebenskampf für Gerechtigkeit durch den Zugang zu Wissen handeln. Es wurde zu etwas anderem. Diese Vorgänge um die nicht autorisierte Veröffentlichung durch Canongate haben nichts mit Informationsfreiheit zu tun – es geht um ganz altmodischen Opportunismus und Doppelzüngigkeit – darum, Menschen zu linken, um Geld zu verdienen."

Ja, schreibt Assange, er habe seinen Vertrag auflösen wollen. Aber nur, um einen neuen mit einer neuen Deadline aufzusetzen. Denn das Manuskript sei "noch nicht vollständig ausgearbeitet": "Es wurde nicht von mir korrigiert oder auf die Richtigkeit der Fakten geprüft. Das gesamte Buch sollte eigentlich noch stark überarbeitet, erweitert und geprüft werden, vor allem in Hinsicht auf die Privatsphäre der im Buch erwähnten Personen."

Assange wollte Veröffentlichung verhindern

Canongate und Knopf – ein amerikanischer Verlag, der ebenfalls an dem Vertrag beteiligt ist – seien auch damit einverstanden gewesen, den Vertrag zu stornieren, schreibt Assange. Es habe bereits Verhandlungen über einen neuen Vertrag und einen neuen Zeitpunkt gegeben, nach seinen Angaben sollte das Buch demnach im Frühjahr 2012 erscheinen.

Den Vorschuss allerdings könne er nicht zurückzahlen, da er "ohne meine Zustimmung" auf das Konto seiner früheren Anwälte überwiesen worden sei, mit denen er sich inzwischen im Rechtsstreit befinde. Dort liege das Geld noch immer, die Kanzlei weigere sich aber aufgrund des Rechtsstreits, es an Canongate zurückzugeben.

Canongate behauptet etwas anderes. Assange habe sehr wohl Zeit gehabt, das Manuskript zu überarbeiten, dies jedoch nicht getan, sagte Publishing Director Nick Davies verschiedenen Medien . Man habe ihn nicht dazu bewegen können, das Buch fertig zu stellen. Davies nennt es im Guardian "eine Serie von gebrochenen Versprechen".

"Sehr stolz auf das Buch"

Davies beklagte sich außerdem darüber, wie unberechenbar Assange sei und wie sprunghaft in seinem Verhalten. Nachdem er von der unautorisierten Veröffentlichung erfahren habe, habe Assange selbst via Twitter darauf hingewiesen und auf die Amazon-Seite verlinkt. In Davies Augen ein Beleg dafür, dass Assange dazu aufgefordert habe, das Buch zu kaufen.

Assange jedoch sieht in dem Vorgehen des Verlages einen schon länger gehegten "geheimen Plan", das Buch ohne seine Zustimmung zu veröffentlichen. Er habe auch versucht, die Veröffentlichung zu verhindern, als er davon erfahren habe. Jedoch sei es ihm nicht gelungen. Ihm habe schlicht das Geld dazu gefehlt. Die nötige Garantiesumme, um einen möglicherweise fälligen Schadenersatz an den Verlag zu zahlen, falls sich der Verkaufsstopp als ungerechtfertigt erweist, habe er nicht auftreiben können. Er sieht sich erpresst: "Canongate hat all das in dem Wissen unternommen, dass meine finanzielle Situation mir rechtliche Schritte gegen sie nicht erlaubt."

Welche Seite sich im Recht befindet, ist nach den bislang bekannten Informationen kaum zu beurteilen. Davies gibt durchaus zu, dass es dem Verlag um Geld gehe. Im Guardian schreibt er, man hoffe, durch den Verkauf "einige unserer Verluste wieder hereinzuholen". Außerdem sei man natürlich auch "sehr stolz auf das Buch".

Gleichzeitig scheinen nicht nur Leaks , sondern auch Fehden ein fester Bestandteil von Assanges Leben zu sein. Streitet er sich inzwischen doch mit seinem einstigen Partner Daniel Domscheit-Berg, mit seinem ehemaligen Kooperationspartner, der Tageszeitung Guardian , und mit dem schwedischen Staat, der ihm Vergewaltigung vorwirft. Nun eben auch noch mit seinem Buchverlag. Für Assange, der sich selbst als Kämpfer für Gerechtigkeit sieht, ist das wahrscheinlich einfach nur ein Kampf mehr.