Eine junge Frau mit ernstem Gesichtsausdruck hält einen Zettel vor ihr Gesicht: "Mein Freund findet keine Arbeit und es kostet mich große Mühe uns beide finanziell durchzubringen", steht darauf. Auf dem nächsten Foto ist ein junger Mann zu sehen, auch er hält ein Blatt Papier hoch: "Ich musste die Uni verlassen, um meine blinde Mutter zu versorgen. Wegen medizinischer Kosten habe ich 35.000 Dollar Schulden."

Es sind zwei von über 2.000 persönlichen Bekenntnissen, die in den letzten Wochen im Internet veröffentlicht wurden; das Blog, auf dem sie stehen , ist ein Ableger der globalen Protestbewegung, die ansonsten unter dem Label Occupy Wall Street und Occupytogether auftritt.

Doch während die Straßendemonstrationen abebben, haben die Zettel im Netz eine mediale Eigendynamik entwickelt. Was natürlich auch an ihrem privat-anekdotischem Ansatz liegt: Da geben Menschen der Wirtschaftskrise ein Gesicht, da werden gesellschaftliche Missstände an traurigen Einzelfällen sichtbar: In vielen Geschichten ist von absurd teuren Krankenversicherungen die Rede, von Schulden für Studiengebühren, die nie zurückgezahlt werden können, von bedrückender Langzeitarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Und immer enden die Briefe mit dem mahnenden Ausruf: "Wir sind die 99 Prozent!"

Als geistiger Vater dieses Schlachtrufs wird der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz gehandelt. Er hatte im Mai 2011 in seinem Artikel " Of the 1%, by the 1%, for the 1% " in der Vanity Fair die wachsende Kluft zwischen Ober- und Mittelschicht heftig kritisiert. Ein Prozent der amerikanischen Bevölkerung, so seine Kernaussage, verfügen über 40 Prozent des gesamten nationalen Reichtums. Außerdem seien die Spitzeneinkommen in den vergangenen Jahren um durchschnittlich 18 Prozent gestiegen.

Grund genug, höhere Steuersätze zu fordern, findet deshalb eine andere Bloggerfraktion. "Wir sind die ein Prozent, aber wir stehen zusammen mit den 99 Prozent" heißt die Seite , die junge Wohlhabende im Rahmen der Initiativen "Resource Generation" und "Wealth for the Common Good" initiiert haben. Seit Monaten bemühen sich die beiden Organisationen, eine öffentliche Kampagne für höhere Vermögenssteuern loszutreten. Der Erfolg des 99-Prozent-Blogs bot nun eine willkommene Gelegenheit, sympathisierend auf den Zug aufzuspringen.

Ein Mann namens James Schaffer war Mitte Oktober der erste, der hier seinen Zettel hob: "Ich habe Geld geerbt. Ich habe viel mehr, als ich brauche. Besteuert mich!" Mittlerweile sind über hundert Gleichgesinnte seinem Beispiel gefolgt.