Mit der Situation in Deutschland lässt sich das kaum vergleichen. Öffentliche Großdemonstrationen als Ausdruck politischer Unzufriedenheit sind seit Jahrzehnten gesellschaftlich fest verankert, genauso wie die dazugehörigen Organisationsstrukturen und -vorgänge. "Natürlich nutzen wir die sozialen Medien", sagt Max Bank, einer der Sprecher von Attac Deutschland, "vor allem im Vorfeld, bei der Mobilisierung." Trotzdem, so der 29-Jährige, "spielen direkte Kontakte immer noch die größte Rolle". Vor jeder Demonstration gibt es reale Vorbereitungstreffen, während der Aktion selbst wird dann hauptsächlich telefoniert. Attac erstellt dafür Telefonlisten, es gibt Ansprechpartner, Zuständigkeiten, man kennt sich.

Gerade in heiklen Situationen sei dieses persönliche Vertrauen enorm wichtig, sagt Bank. "Entsprechend kann ich dann nämlich auch mit Informationen verfahren, die ich über SMS oder Twitter oder sonst woher bekomme." Ein Hashtag allein mache noch keine glaubwürdige Quelle.

Während der ein oder andere Journalist schon die nächste iPhone App – ein twitterähnlicher Service namens Vibe – als neues Lieblingsvernetzungsinstrument der Demonstranten ausgemacht haben will, ruht die deutsche Protestkultur ganz offensichtlich auf anderen Säulen. Es sind: Telefonate, Mailinglisten, private Treffen.

"Von Vibe habe ich noch nie gehört, und Twitter halte ich übrigens auch für total überschätzt", sagt Michael Prütz, Sprecher des Bündnisses Wir zahlen nicht für eure Krise , über das rund 30 linke Gruppen vernetzt sind. Selbst via Facebook sind in Deutschland bei Weitem nicht alle politisch Interessierten zu erreichen. "Höchstens die Hälfte der Aktivisten, die ich kenne, ist bei Facebook." Das wiederum, betont der 58-Jährige, sei keineswegs eine Frage des Alters. Auch viele Jüngere machten einen Bogen um das soziale Netzwerk, durchaus aus politischen Gründen.

Beim Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung gab es beispielsweise eine längere interne Debatte, ob man Facebook als Plattform nutzen dürfe. Immerhin ist das Netzwerk eine der größten Datenkraken der Welt. Letztlich entschied sich die Gruppe fürs Bleiben, um andere besser informieren zu können.

Dass Smartphones, Facebook und Co. die Dynamik des Protestierens verändert haben, bestreitet niemand. "Wir sind in den letzten Jahren vielleicht nicht professioneller geworden", sagt Attac-Sprecher Bank. "Aber wir sind schneller geworden." Noch während einer Demonstration könnten jetzt über die diversen digitalen Kanäle weitere Unterstützer mobilisiert werden. Auch der Kontakt zur Presse sei einfacher, weil sich Bilder und Informationen in Echtzeit übermitteln ließen. "Und natürlich verfolgen wir auch permanent die aktuelle Berichterstattung", sagt Prütz. Schließlich geht es nicht nur um die Sichtbarkeit auf der Straße, es geht auch um die anschließende mediale Deutung.

Bei den Sprechchören von Occupy Wall Street ging es dagegen vor allem ums Gefühl. "Wie ein Gedicht", schwärmt Nicholas Mirzoeff, hätten die von der Menschenmenge langsam wiederholten Forderungen der berühmten Philosophin Judith Butler bei ihrem Auftritt in New York gewirkt. "Ein wunderschöner Effekt", fand auch Levi Asher, fast wie "ein Chor in einer griechischen Tragödie".

"Die Amerikaner waren da schon immer anders", kommentiert Prütz diese Ansicht lakonisch. "Die haben auch 1968 immerzu gesungen." In Deutschland mag man es offensichtlich lieber ein Spur nüchterner. "Wer will, kann natürlich Sprechchöre bilden", sagt Attac-Sprecher Bank, als Reminiszenz an die globale Bewegung sei das Ritual durchaus in Ordnung.

Ansonsten verlässt man sich hierzulande dann doch lieber auf bewährte Technik. Bei der für Samstag geplanten Umzingelung des Regierungsviertels in Berlin und des Bankenviertels in Frankfurt gibt es ganz offizielle Bühnen – und richtige Mikrofone.