Mindestens 30.000 Menschen sind nach den russischen Parlamentswahlen vom 4. Dezember auf Moskaus Straßen gegangen, um gegen das Ergebnis zu protestieren. Sie warfen der Regierung Manipulation und Fälschung zu Gunsten von Vladimir Putins Partei Einiges Russland vor. Und plötzlich wackelte das gängige Russlandbild einer vermeintlich passiven Gesellschaft. Eine wichtige Rolle dabei spielten soziale Medien. Eine einheitliche Protestbewegung lässt sich jedoch weder auf den Straßen noch im Netz erkennen.

Für viele überraschend, haben nicht die verarmten Bürger und Arbeitslosen dafür gesorgt, dass die russische Zivilgesellschaft aufwacht, wie es noch in Tunesien, Libyen oder Ägypten der Fall war. Vielmehr war und ist es eine wohlhabende, netzaffine Generation, bewaffnet mit Smartphones, Tablets und professionellen Kameras, die ihren Reichtum der Politik Putins zu verdanken hat. Zu der Bewegung gehören prominente Blogger, Journalisten und aktive Bildungsbürger mit unterschiedlichen Hintergründen aus Literatur, Showgeschäft, aus linken oder nationalistischen Strömungen.

Bereits im Februar hatte der Blogger Alexej Nawalnij den bekannten Slogan "Einiges Russland ist die Partei der Schwindler und Diebe" in Umlauf gebracht, der fortan heftig und vielfach in Online und Offline-Foren diskutiert wurde. Nawalnij, der mittlerweile auch außerhalb des Landes bekannt ist, wurde nach den Demonstrationen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt für 15 Tage inhaftiert.

Mit der Veröffentlichung der offiziellen Wahlergebnisse nahmen die Proteste an Fahrt auf. Viele hatten die Wahlmanipulation mit eigenen Augen gesehen und luden die Videobeweise bei Youtube hoch. Der bekannte Schriftsteller Boris Akunin fragte die Leser seines Blogs, ob sich sie sich betrogen fühlten – 97 Prozent der mehr als 12.000 Teilnehmer antworteten mit "Ja". In anderen Blogs wurden statistische Analysen veröffentlicht, die aufzeigten, wie das Wahlergebnis künstlich kreiert wurde.

Protest ist weitgehend friedlich, aber nicht harmlos

Dieser russische Winter ist jedoch lange nicht so heiß wie ein arabischer Frühling. Die bisherigen Proteste in Moskau blieben weitgehend friedlich. Es scheint, als wäre die Mehrheit der Demonstranten schon mit einer Untersuchung der Wahlmanipulation und einer Revision des Ergebnisses zufrieden – trotz vereinzelter "Russland ohne Putin"-Rufe.

Blogger konnten sogar in Ruhe experimentieren: Ilja Warlamow und seine Agentur für Bürgerjournalismus "Ridus" organisierten zusammen mit dem Flugmaschinen-Enthusiasten und Blogger Stanislaw Sedow eine Live -Übertragung der Proteste im Internet. Dafür ließen sie einen ferngesteuerten Helikopter, eine Mini-Drohne, aufsteigen, die Panorama-Aufnahmen machte. Warlamow verbindet dabei das Nützliche mit dem Notwendigen. Die exklusiven Bilder aus der Luft verkauft er an Mainstreammedien.

Es wäre aber falsch, den Protest als harmlos einzustufen. Hunderte Teilnehmer wurden während der ersten Tage nach den Wahlen festgenommen, viele wurden unrechtmäßig festgehalten. Zudem ist der Informationskrieg bereits in vollem Gange und wird sich bis zu den Präsidentschaftswahlen im März ausweiten. Schon jetzt wird mit unfairen Mitteln gespielt: So griffen anonyme Hacker mehrere Websites der Aufständischen an, darunter die meistgenutzte Blog-Plattform LiveJournal, die während der Wahlen von Distributed Denial of Service-Attacken (DDoS) heimgesucht wurde.