"Exzellente Arbeit, Jungs" – Die ersten Rückmeldungen aus der Wikipedia-Community auf den lang erwarteten und nun in einer ersten Testversion veröffentlichten Visual Editor sind ungewohnt positiv und einmütig. Mehr als fünf Jahre haben die Wikipedia-Autoren auf eine neue Software zum Schreiben von Artikeln gewartet, nun endlich beginnt die Wikimedia Foundation, ihr Versprechen einzulösen .

Der Visual Editor soll den Wikipedia-Nutzern das Gefühl geben, dass sie nicht programmieren können müssen, um einen Wikipedia-Artikel zu schreiben. Das Bearbeiten eines Wikipedia-Artikels soll so komfortabel werden wie Textverarbeitung am heimischen PC. Bis es soweit ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern. Freiwillige können den Visual Editor bisher nur auf einer englischsprachigen Website testen und helfen, Fehler zu finden.

Wer dort den bestehenden Testartikel verändert oder einen neuen Artikel anlegt, hat keine Möglichkeit, das Ergebnis zu speichern und anderen zu zeigen. Die Seite ist zum Spielen da: Tester können Artikelstellen formatieren, Links setzen und Stichwortlisten einbauen. Was dabei herauskäme, können sie sich in verschiedenen Ansichten anschauen. Und sie können und sollen der Stiftung ein Feedback geben. Mehr aber geht nicht.

Diese Tätigkeiten sind für den normal begabten Computer-Nutzer aber auch heute schon kein unlösbares Problem. Kompliziert wird es erst, wenn man Bilder, Tabellen oder formal korrekte Literaturnachweise in einen Artikel einbauen will. Hier müssen sich die Programmierer noch viel einfallen lassen. Eine endgültige Version des Visual Editors soll den Wikipedia-Autoren erst im Juli 2012 zur Verfügung stehen.

Wikipedia ist seit der Gründung vor zehn Jahren das Vorzeigeprojekt des Crowd-Sourcing -Ansatzes: Jeder kann an der größten Wissenssammlung mitarbeiten, wenn er möchte. Zumindest in der Theorie stimmt das auch: Wikipedia ist für jeden Internet-Nutzer offen. Nicht einmal anmelden muss man sich, um Änderungen an der Online-Enzyklopädie vorzunehmen.

Doch in der Praxis zeigen sich schnell Hürden. Das merkt ein Anfänger spätestens dann, wenn er auf den Link "Bearbeiten" am Kopf einer beliebigen Wikipedia-Seite klickt. Dann entpuppen sich die Artikel, die im Browser so aufgeräumt und klar gegliedert aussehen, als schwer durchschaubarer Bandwurm von Formatierungszeichen. Der eigentliche Text des Artikels ist irgendwo unten im Eingabefeld zu finden, zwischen Hunderten von eckigen und geschweiften Klammern, die Formatierungsoptionen und Links enthalten.

Das hat historische Gründe: "Die Wiki-Syntax wurde als einfache Eingabemethode erfunden, bevor es visuelle Editoren im Web gab", erklärt Magnus Manske, der die erste Version der Wikipedia-Software MediaWiki programmiert hatte. Zuerst war das ganz einfach: Um beispielsweise einen Link zu setzen, musste ein Wort nur in eckige Klammern gesetzt werden. Um Text kursiv zu setzen, wurde er mit zwei einzelnen Anführungszeichen eingerahmt. Für computeraffine Kreise sind solche Regeln kein großes Problem. Für den Normal-Nutzer, der Textverarbeitungen wie Microsoft Word gewohnt ist, ist es zumindest ungewohnt.

Hinzu kommt der Wildwuchs von Optionen. Mit zunehmendem Umfang der Wikipedia stiegen auch die Ansprüche an die Software: Statt nur schmucklose Texte zusammenzuschreiben, wollten die Wikipedianer Bilder einfügen, sie erfanden spezielle Formate für Personen- und Länderartikel und schufen sogar die Möglichkeit, Geokoordinaten maschinenlesbar in Wikipedia-Artikel einzubetten. Das Ergebnis ist eine inkonsistente und kaum überschaubare Anzahl von Formatierungsoptionen. Der enorme Erfolg der Wikipedia hat sie entwicklungstechnisch so beweglich und manövrierbar gemacht wie einen Supertanker. Allenfalls sehr erfahrene Wikipedianer können heute noch ohne Anleitung einen regelgerechten Wikipedia-Artikel schreiben.

"Der neue Visual Editor ist ein gesunder Kompromiss", findet Manske. Zwar werde die neue Software wohl einige der alten Grenzfälle der Wiki-Syntax falsch interpretieren, das ziehe aber nur vertretbaren Aufwand nach sich. "Diese Grenzfälle können manuell verändert werden, ohne dass eine Änderung der Syntax notwendig ist", erklärt Manske. 

Hardcore-Wikipedianer misstrauen der neuen Einfachheit: Wenn das Schreiben der Wikipedia-Artikel zu einfach wird, befürchten sie, wird Wikipedia noch mehr falsche oder unsinnige Einträge bekommen als jetzt schon. Doch die Wikimedia Foundation als Betreiber sieht es genau umgekehrt: Sie will etwas gegen den Autorenschwund tun, denn immer weniger Freiwillige müssen die Millionen von Wikipedia-Artikel überwachen. Die Stiftung will neue Autoren gewinnen – auch solche, die bisher an der Technik gescheitert wären. Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner setzt große Hoffnung in den Visual Editor : "Wenn diese Hürde aus dem Weg geräumt ist, wird immer noch nicht jeder Mensch auf der Welt einen Wikipedia-Artikel editieren können, aber es ist ein großer Schritt dahin."