Ende März werden sie wieder nach Berlin strömen: Über 100 Aktivisten aus mehr als 40 Nationen versammeln sich dann zur "Wikimedia Conference". Dieses Mal ist das in der Regel harmonische Treffen allerdings von Spannungen begleitet: Hinter den Kulissen wird um Macht und Geld gerungen, die Wikimedia Foundation (WMF) in den USA möchte die Spendenströme zentralisieren.

Die Enzyklopädie lebt von Spenden. Jedes Jahr überweisen Zehntausende Menschen Geld, entweder direkt an die Foundation in den USA oder an die verschiedenen regionalen "Chapter", um die Wikipedia zu unterstützen. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich um Kleinspenden, doch in der Summe ist das Ergebnis beachtlich. Über 20 Millionen Dollar hat die Foundation bei der jüngsten Spendenkampagne eingenommen, weitere acht Millionen Dollar gingen an die zehn Wikimedia-Chapter, die von der Foundation das Recht bekommen haben, Spenden auf eigene Rechnung zu verwalten.

Im vergangenen Jahr hatte der Vorstand einen offenen Brief geschrieben, in dem er eine Neuregelung der Spendenpraxis verlangt. Geschäftsführerin Sue Gardner arbeitete daraufhin einen Vorschlag aus, der für große Unruhe sorgte. Statt zum Beispiel das Geld deutscher Spender über den Verein Wikimedia Deutschland zu leiten, würde es nach diesem Plan direkt auf das Konto der Wikimedia Foundation gehen. Welche Länderorganisation anschließend wie viel Geld erhält, soll dann ein neu zu bildendes Funding Dissemination Committee (FDC) entscheiden.

Kürzungen wahrscheinlich

Für Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, sind solche Pläne kaum zu verstehen. "Die Chapter sind schließlich das organisatorische Rückgrat der Wikimedia", sagt er.

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Der Verein mit Sitz in Berlin hat derzeit zirka 30 Angestellte und will weiter expandieren. Doch als Wikimedia Deutschland im Jahr 2011 seinen Finanzbedarf an die Wikimedia Foundation meldete, gab es negatives Feedback . "Wir sind sehr besorgt, dass ihr es für richtig haltet, lieber in inländische Aktivitäten zu investieren als in die globale Arbeit der Wikipedia", schrieb Barry Newstead , der Chief Global Development Officer.

Die Deutschen bekamen letztlich ihr Budget durch, überwiesen 1,5 Millionen Euro der Einnahmen in die USA und behielten 2 Millionen Euro für eigene Aktivitäten. Allerdings musste die Spendenkampagne dazu in Deutschland um mehrere Tage verlängert werden.

Sollte in Zukunft ein internationales Gremium über die Mittelvergabe entscheiden, müssten sich Chapter wie in Deutschland auf Kürzungen einstellen. Denn die Priorität der Foundation ist derzeit die Expansion in Gebiete, in denen die Wikipedia bisher kein Erfolg war: In Indien und Südamerika versucht die Foundation, die Enzyklopädie in Gang zu bringen, auch in Afrika ist Verstärkung geplant. Doch dazu benötigt die in Entwicklungsarbeit gänzlich unerfahrene Organisation viele Ressourcen.

Lokale Chapter bauen eigenes Machtzentrum

Diese Aktionen findet auch Pavel Richter richtig: "Über die Schwerpunkte der Arbeit besteht in der Bewegung kein wesentlicher Unterschied", sagt der Geschäftsführer. Wie dies organisiert werden soll, ist jedoch strittig. "Ich glaube an die Subsidiarität, zentralistischen Bestrebungen würde ich mich entgegen stellen." Dass das Funding Dissemination Committee die vielen internationalen Aktionen und Initiativen aus der Ferne bewerten und entsprechende Mittel zuteilen kann, hält Richter für kaum möglich.

Doch sollte sich der Vorstand der Wikimedia Foundation dazu entschließen, das umstrittene Finanzierungsmodell durchzusetzen, kann der deutsche Verein formell wenig machen. Die Server der Wikipedia unterstehen allein der Foundation. Welche Spendenkonten also bei der jährlichen Spendenkampagne auf den Seiten der Wikipedia stehen, legt allein die Stiftung in den USA fest.

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Wehrlos sind die Chapter aber nicht: Sie haben kurzerhand die Pläne für ein "Chapters Council" aufgegriffen, die schon länger in der Schublade lagen und eine eigene Interessenvertretung gegründet. Doch statt nur ein Selbsthilfegremium zu schaffen, in dem sich die Ländervereine über ihre alltäglichen Probleme und Aktionen austauschen, ist nun ein neues Machtzentrum geplant – mit eigener Entscheidungsstruktur, Wahlen und bezahlten Angestellten.

Das neue Gremium soll auch bei der Mittelvergabe mitsprechen, sagt Richter: "Das Chapters Council wird sich an dem Verteilungsprozess und der Prioritätensetzung aktiv beteiligen, sowohl innerhalb eines FDC als auch in anderen Zusammenhängen."

Spielregeln müssen neu verhandelt werden

Offiziell haben beide Initiativen nichts miteinander zu tun. "Ich sehe FDC und Chapters Council nicht als Konkurrenz zueinander, sondern als zwei Institutionen, die ihre eigenen Tätigkeitsbereiche haben", sagt Ting Chen , der Vorsitzende des Stiftungsrates der Wikimedia Foundation. Dieses Gremium gibt die Richtlinien vor, nach denen die Wikimedia-Zentrale in San Francisco arbeitet und die auch die Arbeit der insgesamt 39 eigenständigen "Chapter" auf der ganzen Welt betreffen.

Chen möchte das Ganze als einen normalen Findungsprozess verstanden wissen. "Die WMF ist mit ihren etwa acht Jahren eine sehr junge Organisation", sagt er. "Viele global operierende Organisationen müssen in ihren Anfangsjahren eine Phase durchmachen, wo sie ihre interne Zusammenarbeit und Struktur ordnen."

Doch würde ein solcher Zusammenschluss, der Tausende Mitglieder vertritt, wohl die Spielregeln verändern. "Dass das Chapter Council auch eine Interessenvertretung der Chapter gegenüber der Foundation sein soll, ist offensichtlich", sagt Leonhard Dobusch, der seit Jahren zur Organisation der Wikimedia-Community forscht.

Wie diese neuen Spielregeln aussehen können, müssen die Wikipedia-Aktivisten in der kommenden Woche in Berlin entscheiden.