ZEIT ONLINE: Sehen Sie als Sprecher des Chaos Computer Clubs noch genug Chaos im Internet?

Frank Rieger: Einerseits machen im Netz viele, was sie wollen. Andererseits gibt es auch immer mehr Regulierungstendenzen, insbesondere von jenen, die ihre Felle davonschwimmen sehen, die also ihre Geschäftsmodelle verteidigen wollen. Und es gibt diejenigen, die politisch Andersdenkende zensieren wollen. Insofern gibt es meiner Meinung nach nicht genug Chaos.

ZEIT ONLINE: Die derzeitigen Regulierungsversuche sind also eher kritisch zu sehen und weniger als eine Notwendigkeit?

Rieger: Klar muss es gewisse Umgangsregeln geben. Aber momentan beobachten wir eine Bewegung in die andere Richtung. Man muss sich nur mal anschauen, was die Gema mit YouTube macht. In Deutschland kann man YouTube praktisch nicht mehr benutzen. In jedem dritten Video steckt ein Schnipsel, bei dem die Gema Ansprüche anmeldet. Da wird dann nicht einfach nur die Tonspur rausgenommen, sondern gleich das ganze Video. Es wird also klar zensiert. Das ist ein Nachteil dieser zentralisierten Plattformen. Solche Tendenzen sehen wir immer öfter. Da wird versucht, die Rolle eines Türstehers zu etablieren, der entscheidet, welche Inhalte im Netz zugelassen werden und welche nicht.

ZEIT ONLINE: Ist das Internet, so wie wir es in Deutschland nutzen können, trotzdem noch ein freies Internet?

Rieger: Momentan ist das noch so. Man bekommt seine Inhalte in der Regel noch publiziert, wenn man das unbedingt möchte. Wer aber Mainstream-Plattformen wie YouTube oder Facebook nutzt, ist dort erheblichen Einschränkungen unterworfen.

ZEIT ONLINE: Es gibt aber immer Alternativen.

Rieger: Natürlich. Aber das ist nur noch ein Zwischenzustand. Die Technologie, um flächendeckend Inhalte zu zensieren, ist da. Das sieht man derzeit in Syrien , wo problemlos verhindert wird, dass unerwünschte Inhalte konsumiert und vor allem publiziert werden. Ob und wofür wir Technologien wie deep packet inspection , also das Hereinschauen der Provider in jedes einzelne Datenpaket, einsetzen oder nicht, darum wird es in den nächsten zwei Jahren gehen. Wir können nicht mehr sagen, das Internet ist unzensierbar. Es ist durchaus zensierbar. Wir müssen uns bewusst entscheiden, es nicht zu tun.