Ein Blick auf die Karte sagt alles: Die Betreiber der Website Homicide Watch D.C.   haben auf einer Google Map jeden Tatort markiert, an dem seit September 2010 in Washington D.C. ein Mord geschehen ist. Die Markierungen befinden sich alle östlich vom Rock Creek Park. "Jeder in D.C. weiß das", sagt die Journalistin Laura Amico, die das Onlineprojekt gegründet hat. "Aber wenn die Leute das Muster erstmals auf einer Karte sehen, trifft sie das sehr."

Die Polizeireporterin Amico sammelt Daten zu allen Morden, die sich im Stadtgebiet ereignen – und zwar nahezu in Echtzeit. Die Seite wird täglich mehrmals aktualisiert. Amico veröffentlicht Fotos der Opfer, markiert Tatort und Tatzeit auf einer Karte und veröffentlicht Informationen über die Ermittlungen und den anschließenden Gerichtsprozess. Es ist die klassische Recherchegrundlage für jeden Polizeireporter, doch alles geschieht öffentlich. Für diese Art von Datenjournalismus bekommt die Journalistin viel Lob von Kollegen, aber auch von der Polizei, den Gerichten und der Bevölkerung.

Sie selbst hat nicht damit gerechnet, dass sich das Projekt so erfolgreich entwickelt. Die Idee geht zurück auf Amicos Zeit als Reporterin der Zeitung Santa Rosa Press Democrat . Sie arbeitete damals an einem Artikel über den Fall Aaron Vargas. Vargas hatte in Kalifornien einen älteren Mann erschossen, der ihn jahrelang missbraucht hatte. Einige Bürger der Stadt lancierten die Facebook-Seite "Save Aaron Vargas", um sich für eine milde Strafe einzusetzen. Amico war beeindruckt, als sie sah, wie viele Menschen aus Vargas Heimatstadt sich online engagierten.

Dann zog es Lauras Ehemann Chris Amico, ebenfalls Journalist, beruflich nach Washington. Sie begleitete ihn. Als Polizeireporterin ohne Arbeit begann sie, sich für Morde in ihrer neuen Umgebung zu interessieren. Sie sammelte Informationen und las die anschließenden Berichte in den Zeitungen. "Ich überlegte mir, wie ich die Geschichten erzählt hätte", sagt sie. Und sie fragte sich, wie sie ihre Rechercheergebnisse besser abspeichern konnte, um sie leichter zu verwalten. Mit Hilfe ihres Ehemannes, der auch als Webentwickler Erfahrungen hatte, entstand Homicide Watch D.C. , im September 2010 ging die Seite online. "Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie viele und vor allem was für Leute die Seite nutzen würden", sagt Laura. Zunächst war es eine reine Datenseite, doch dann fügte sie ein Blog hinzu – das Projekt entwickelte eine Eigendynamik.

Die Staatsanwaltschaft ist beeindruckt

Heute wird Homicide Watch D.C. vielseitig genutzt: Journalisten rufen gerne den Kalender mit aktuellen Gerichtsterminen sowie die Dokumente von Prozessen ab. Ermittler schauen sich Kommentare an, um Hinweise oder Zeugen zu finden. "Außerdem nutzen sie die Seite, um zu sehen, mit welchen Fällen sich die Kollegen in der Stadt befassen", sagt Laura Amico.

Selbst die Staatsanwaltschaft zeigt sich beeindruckt. "Ich bin eigentlich kein Fan von Websites", sagte kürzlich Ronald Machen, einer der Top-Staatsanwälte der Stadt, dem Magazin Washingtonian . "Aber diese Seite ist hilfreich. Opfer von Gewaltverbrechen bekommen sonst wenig Aufmerksamkeit von den größeren Medien. Die Leute sind abgestumpft."

Die Hauptnutzer der Seite seien diejenigen, die von den Verbrechen betroffen sind, so Amico. "Wir waren überrascht, wie viele Menschen so ein Mord etwas angeht." Da seien die Familienangehörige der Opfer und Täter, Freunde, Nachbarn, Ärzte in der Notaufnahme des Krankenhauses, Lehrer, Sozialarbeiter. "Verbrechen haben eine viel größere Reichweite, als wir angenommen haben", sagt die Journalistin.