Wer anonym im Internet andere beschimpft, sei feige, sagte Rainer Brüderle neulich auf dem Parteitag der hessischen FDP und erntete dafür Applaus. Freiheit und Verantwortung gehörten zusammen, hielt er fest.

Brüderle misst den anonymen Beleidigungen im Netz zu viel Bedeutung bei. Wer andere Menschen anonym im Netz angeht, wird dort meistens ignoriert. Das weiß jeder, der sich regelmäßig im Internet bewegt. Erfahrene Nutzer haben längst einen selektiven Blick für Meinungsäußerungen entwickelt, mit dem sie beleidigende Äußerungen aussortieren.

Als Nutzer weiß ich: Wenn ich mich daneben benehme, wird mich die Community meiden. Wenn ich mich so richtig im Ton vergreife, muss ich sie sogar verlassen. Politikern wie Brüderle ist dieser Umgang mit pöbelnden Nutzern anscheinend unbekannt. Damit zeigen sie, wie fremd ihnen das Internet ist.

In der Offline-Welt dienen unter anderem das Aussehen und die Stimme eines Menschen dazu, ihn zu identifizieren. Im Internet sind diese physischen Erkennungsmerkmale nicht vorhanden. An ihre Stelle tritt, was ich schreibe und wie ich es schreibe. Durch meinen Schreibstil entwickle ich eine Persönlichkeit. In Grammatik und Wortwahl drückt sich mein Bildungsstand aus. Ein von mir ausgewähltes Pseudonym ersetzt mein Gesicht. Daran können mich andere Nutzer wiedererkennen.

Toleranz und Respekt

Wie im realen Leben kann ich schweigen, wenn mein virtuelles Gegenüber gegen meine Vorstellungen von einem respektvollen Miteinander verstößt. Andersherum kann ich an seinem Schweigen einen Fauxpas meinerseits erkennen. Soziale Kompetenz und der gegenseitige Respekt sind die Grundlage für eine gelungene Kommunikation, auch im Internet. Und wenn es einmal an Respekt mangelt? Wut ist menschlich. Um mit ihr umzugehen, braucht es keine Klarnamen, sondern Toleranz.

Bleibt Brüderles Vorwurf der Feigheit. Ich finde, niemand ist feige, der bei der Telefonseelsorge anruft und seinen Namen, zum Beispiel aus Scham, nicht nennen will. Ebenso wenig kann man es feige nennen, wenn jemand in einem Chat für suizidgefährdete Menschen anonym Hilfe sucht oder leistet. Vielen Menschen erlaubt die Anonymität des Internets überhaupt erst, ein Problem, eine Meinung oder eine Erfahrung offen anzusprechen.

Anonymität mit Feigheit gleichzusetzen ist also zu kurz gedacht. Anonymität ist eine der größten Stärken des World Wide Web.