Das Netzwerk der lachenden Katzen – Seite 1

Das Internet besteht zu großen Teilen aus Quark. Diese Erkenntnis ist angesichts der Myriaden von Katzenbildern nicht neu. Neu hingegen ist, dass sich die Wissenschaft mit diesem Quatsch beschäftigt und dabei feststellt, dass er ganz und gar nicht sinnlos ist, sondern vielmehr eine Aufgabe hat.

"Digitalen Ballaststoff", nannte Sascha Lobo vor einiger Zeit all den Blödsinn, der jeden Tag durchs Netz gespült wird – heiteres Zeug, um den Strom der trockenen Nachrichten und Fakten aufzulockern und somit erträglich und verdaubar zu machen.

Eine gerade veröffentlichte Masterarbeit geht noch weiter und weist den Bildern eine fundamentale Rolle im Netz und in der Gesellschaft zu. Kate Miltner hat diese Arbeit geschrieben. Sie arbeitet als Social-Media-Beraterin und hat an der London School of Economics im August 2011 eine Dissertation zum Phänomen der LolCats eingereicht.

Nur kurz zur Erklärung: LolCats sind diese mit Sprüchen garnierten Bilder von Katzen in seltsamen und/oder niedlichen Posen . Garniert sind sie mit Sätzen in nuschelndem Baby-Englisch, der sogenannten LolSpeak . Damit werden aktuelle Entwicklungen kommentiert oder einfach nur Witze gemacht.

Jeder ist ein Sender

LolCats sind eines von vielen sogenannten Memen, kurze Gedanken und Kommentare zu einem bestimmten Thema, die sich schnell verbreiten und dabei immer wieder verändert und angepasst werden. Doch es gibt nicht allein deswegen so viele Katzenbilder, weil sie so niedlich und humorig sind. Sondern es gibt sie, so Miltners Erkenntnis, weil sie die Idee des Internets repräsentieren.

Meme und ihre Spezialform, die Lachkatzen, existieren zuerst einmal, weil es möglich ist, schreibt Miltner. Sie seien Ausdruck der Tatsache, dass sich im Internet jeder beteiligen kann. Sender und Empfänger sind nicht mehr klar getrennt, jeder kann einen Gedanken aufgreifen, verändern, weiterverteilen, jeder kann mitmachen.

Man kann es für albern halten, dass sich diese gesellschaftliche Umwälzung ausgerechnet an Katzenfotos manifestiert. Man kann die Katzenfotos aber auch als ein Symptom sehen für eine große gesellschaftliche Umwälzung.

Sie sind eben nicht nur lustige Bildchen. Dank Photoshop werden die Fotos zur Transportschicht für Botschaften. Sie sind ein Weg, auf freundliche Art eine Haltung auszudrücken. Beispielsweise die Ablehnung von Gesetzentwürfen wie Sopa und Pipa. Bilder wie das in diesem Artikel gab es im Zusammenhang mit den Protesten gegen die beiden Gesetzesvorhaben viele. Und ein beliebter Protestsong gegen die Pläne trug den Titel: "The Day, the LolCats died" – der Tag, an dem die LolCats starben.

Miltner prägt für das Phänomen in ihrer Arbeit den Begriff "curational sharing" . Es geht im Netz nicht nur darum, Dinge weiterzuverbreiten. Aufmerksamkeit erhält derjenige, der für die geteilten Dinge Verantwortung übernimmt, also bewusst einzelne aus der Masse auswählt und Inhalte dabei auch verändert. Twitter ist für diesen Prozess das Paradebeispiel, da jeder, der selbst twittert, Inhalte im besten Fall auch kuratiert.

Mit Niedlichkeit die Gesellschaft hacken

Schon 2008 hielt Ethan Zuckerman, Leiter des Center for Civic Media am MIT , einen Vortrag mit dem Thema "The Cute Cat Theory of Digital Activism" . In diesem postulierte er, Katzenbilder seien nur ein Weg, um kreative Anwendungen für neue Instrumente zu erproben. So könne an Blödsinn geübt werden, was im Ernstfall wichtig sei, um Botschaften effektiv zu verteilen.

Meme machen die Rockstars von morgen

Die Seite I Can Has Cheezburger , die LolCats ab 2006 überhaupt erst bekannt machte, hat diesen Gedanken längst umgesetzt. Ursprünglich war sie lediglich ein Blog, auf dem solch lustige Bildchen gesammelt wurden. Schon nach einem Jahr konnte der Erfinder von den Werbeeinnahmen leben.

Längst ist aus dem Blog ein Unternehmen gewachsen . Das sammelt nicht nur von anderen eingeschickte Bilder und beweist so, dass sich mit sogenanntem User Generated Content Geld verdienen lässt. Sondern es ist zu einem Archiv von Memen geworden, das auch die Möglichkeit bietet, selbst solche Bilder zu erstellen und mit Texten zu versehen. 2011 bekam Firmenchef Ben Huh dafür 30 Millionen Dollar Risikokapital , um die Idee weiter auszubauen.

Lustige Bildchen? Nein, LolCats sind mehr. Für Cheezburger-Chef Huh sind die Erfinder von Memen "die Rockstars von morgen", wie er beim Web 2.0 Summit 2010 in San Francisco sagte.

Bewiesen wurden diese Annahmen letztlich durch Bewegungen wie Occupy und Anonymous. Beide haben ihren Ursprung in unregulierten Imageboards wie 4chan, wo vor allem bunter Kram kursiert. Aus dem aber auch politische Ideen und Aktionen wachsen können.

Zusammenhalt und Identifikation

Kate Miltner sieht in den LolCats auch eine neue Form der Kommunikation. Sie fungierten als Code, der innerhalb begrenzter Gruppen für Zusammenhalt und Identifikation mit bestimmten Zielen und Haltungen sorge. Ja sie seien darüberhinaus sogar eine Schnittstelle zwischen Internet, Gesellschaft und Kultur.

Man kann sie auch als Weg sehen, die Wahrnehmungsgewohnheiten der Gesellschaft zu hacken. Denn natürlich sind LolCats immer unheimlich niedlich. Was dafür sorgt, dass sie sich schnell verbreiten – womit eben auch die angehängte Botschaft schnell verbreitet wird. Oder, wie Miltner schreibt: "What I ultimately discovered is how seemingly trivial pieces of media – pictures of cats with captions – can act as meaningful conduits to central elements of our humanity." Triviale Fotos also, die als wichtiger Zugang zu unserer Menschlichkeit fungieren können.

Deswegen übrigens sind es auch immer süße Tierbilder – längst nicht nur von Katzen. Denn Tieren ist unsere Aufmerksamkeit sicher. Die Evolution hat sie so tief in unserer Aufmerksamkeit verankert, ergab eine Studie der Universtät Yale , dass wir genauer auf sie achten als auf jedes andere Ding in unserer Umgebung.

Korrektur: In der ersten Version wurde die Arbeit von Kate Miltner als Doktorarbeit bezeichnet, es handelt sich aber, wie mehrere Leser zu Recht bemerkten, um einen Übersetzungsfehler und daher eine Masterarbeit. (Kai Biermann)