Wie weit sind wir eigentlich beim Thema Nerd-Politik, wo stehen wir und wohin wollen wir damit? Es lohnt sich durchaus, diese Frage zu stellen. Haben doch hohe EU-Beamte als Nachwirkung des Kampfes um Sopa gerade den Niedergang von Acta angekündigt , scheint die transpazifische Handelspartnerschaft zu lahmen und hat die deutsche Piratenpartei bereits zum vierten Mal Sitze in einem Regionalparlament gewonnen .

Seit den frühen Tagen der Informationskriege ringen diejenigen, die sich für Freiheit und Technologie interessieren, mit zwei ideologischen Fallen: Nerd-Determinismus und Nerd-Fatalismus. Beide sind äußerst verlockend für Menschen, die Technik lieben.

Beim "Nerd-Determinismus" tun Technologen riskante und dumme politische, juristische und behördliche Vorhaben mit der Begründung ab, sie seien technisch sowieso nicht umsetzbar. Geeks, die sich für den Schutz der Privatsphäre interessieren, wischen Überwachungsgesetze , Abhörverfahren und andere Spionage im Internet mit der Aussage beiseite, sie könnten sich problemlos davor schützen und solcher Überwachung entkommen.

Amerikanische und europäische Sicherheitsbehörden beispielsweise fordern, Netzanbieter sollten Hintertüren einbauen, damit Ermittler den Datenverkehr überwachen können. Geeks lachen verächtlich darüber und glauben, nichts davon werde all die cleveren Leute betreffen, die ihre Mails und ihren Datenverkehr verschlüsseln.

Es nutzt nichts, wenn zu wenige es tun

Es stimmt, Geeks können sich solchen Dingen entziehen, sie können Netzwerküberwachung umgehen und geschlossene Systeme überwinden , wie sie auf Smartphones, Tablets, Konsolen und Computern inzwischen alltäglich sind. Allerdings ist das nicht genug, um uns und die Welt vor dieser Entwicklung zu bewahren.

Es spielt keine Rolle, wie toll Dein E-Mail-Anbieter ist oder wie stark verschlüsselt Deine E-Mails. Wenn 95 Prozent der Menschen, mit denen Du kommunizierst, keine Verschlüsselungstechnik nutzen und ihre Botschaften mit einen kostenlosen Webmailer verschicken, der Ermittlern Zugang zu ihren Daten gibt, dann können Polizisten, Spione und Kontrollfanatiker auch praktisch all Deine E-Mails lesen, wenn sie es wollen.

Das ist nicht alles. Denn für Dinge, die nicht legal sind, interessieren sich auch keine Investoren. In Großbritannien beispielsweise ist es erlaubt, die von Anbietern installierte SIM-Sperre eines Mobiltelefons wieder zu entfernen. Man kann einfach in einen Laden spazieren und sein Handy innerhalb von ein paar Minuten von einem der Angestellten freischalten lassen.

Als das in den USA noch verboten war (derzeit ist es fast legal), konnten nur Menschen die SIM-Sperre ihrer Telefone beseitigen, die in der Lage waren, schwer nachvollziehbare Anleitungen aus dem Internet zu verstehen und korrekt auszuführen. Kein Telefonhändler aber wird für diese Arbeit einen Mitarbeiter anstellen, solange es illegal ist. (Sogar in meiner Reinigung gibt es inzwischen jemand, der hinter einem Klapptisch sitzt und für einen Fünfer jedes Telefon freischaltet.)

Investoren interessieren sich nicht für Illegales

Ohne Kundschaft werden auch die Hersteller solcher Freischalt-Programme diese nur soweit entwickeln, wie es unbedingt nötig ist, damit sie selbst sie bedienen können. Doch um aus einem solchen Werkzeug ein fertiges Produkt zu machen, das jeder bedienen kann und kaufen will, braucht es meistens Investoren, Märkte und Kommerzialisierung.

Das bedeutet nicht, dass nicht irgendein talentierter Hacker aus reiner Freude an der Fähigkeit aus einem illegalen Werkzeug ein perfektes Instrument bastelt. Aber diese glitzernden Edelsteine sind seltene Ausnahmen.

Auch wenn uns Gesetze nicht interessieren, sie interessieren sich für uns

Mal abgesehen davon, dass Geeks ein Eigeninteresse an guter Technikpolitik haben sollten – mit illegalen Programmen, die der weniger informierte Nachbar nicht einmal einsetzen kann, lässt sich auch kein Geschäft machen. Ohne selbsterklärende, simpel zu nutzende Werkzeuge bleiben die Vorzüge der Technik allein den Technikfans vorbehalten. Und wer eine Welt gut findet, in der nur Eingeweihte diese Vorteile nutzen können, der ist kein Geek, der ist ein Technokrat. Und kurzsichtig ist er auch. Denn mit dem Alter sinkt die Fähigkeit, auf dem Stand der Technik zu bleiben. Mit der Zeit wird auch der Fähigste zu einem ebensolchen Sklaven wie sein weniger begabter Nachbar.

"Nerd-Fatalismus" ist das zynische Gegenstück zum "Nerd-Determinismus". Nerd-Fatalisten glauben an die geekige Art, Dinge zu tun, an den berühmten Grundsatz " rough consensus and running code " [Anm.: Gemeint ist das Zitat von David Clark , einem der Väter des Internets, demnach eine ungefähre Übereinstimmung in den Meinungen ausreicht, um gemeinsam an etwas arbeiten zu können: "We reject kings, presidents and voting. We believe in rough consensus and running code." ] Nerd-Fatalisten ist ein ideologischer Puritanismus zu eigen, der der traditionellen Auffassung von Bürgerbeteiligung, Konstitutionalismus und Politik in nichts nachsteht.

Puritanische Auffassung von Politik

Diese Dinge sind von Natur aus korrupt und korrumpierend, lautet die Überzeugung der Fatalisten. Wer nach Whitehall [Anm.: das britische Regierungsviertel] geht, um Technologie zu verteidigen, finden sie, der wird in ein paar Jahren genauso aussehen und klingen, wie all die anderen Paragraphenreiter dort. Der wird nur ein weiterer korrupter Anzug sein, der seine Ideale für die Realpolitik verkauft hat.

Es ist wahr, dass Politik ihre eigene Logik und ihre eigenen Regeln hat. Und es stimmt, dass der gewöhnliche Kreis der Beteiligten sie lediglich als die Kunst begreift, das Mögliche zu erreichen und darin keinen Platz für Ideale sieht. Aber es gibt eine Wahrheit über Politik und Gesetze, die man wissen sollte: Auch wenn man sich nicht für sie interessiert, bedeutet das noch lange nicht, dass sich Politik und Gesetze nicht für einen interessieren.

Wir können also – heißt das –, den lieben langen Tag schlaue Systeme wie BitTorrent bauen und anonyme Plattformen entwickeln, für die keiner der Erfinder verklagt werden kann. Aber wenn unsere Erfindungen an genug Käfigen gerüttelt und genug Überzeugungen infrage gestellt haben, wird das Gesetz anfangen, sie zu verfolgen. Und es wird sich dafür beliebige Opfer suchen.

So wollte Sopa ursprünglich DNS-Sperren einführen , um es unmöglich zu machen, Websites im Ausland zu erreichen. Allein weil es ein bequemer Weg ist, um Nutzer davon abzuhalten, Seiten wie Pirate Bay zu besuchen. Damit aber wäre gleichzeitig eine Möglichkeit verboten worden, DNS [Domain Name Server] gegen Betrug und Phishing zu schützen.

Innerhalb der Macht operieren

Hier hilft dann auch Technik nicht, um sich zu schützen. Die einzige Verteidigung gegen einen Angriff der Behörden ist das Gesetz. Wenn man keine professionelle Struktur anbietet, die jemand anderes im Zweifel auch verklagen kann, gibt es gleichzeitig auch keine Organisation, die fähig ist, eine Verteidigung vor Gericht auf die Beine zu stellen.

Wenn wir, die Menschen, die Technik verstehen, nicht die positiven Seiten der Technik verteidigen, wenn wir nicht innerhalb der Gefilde traditioneller Macht und Politik operieren, wenn wir nicht auch für die Rechte derer sprechen, die Technik nicht verstehen, dann werden auch wir verloren sein. Technik erlaubt uns, uns auf neue Arten zu organisieren und neue Strukturen aufzubauen – aber das funktioniert nur zusammen mit dem Rest der Welt, nicht indem wir uns über sie erheben.

Das englische Original erschien im Guardian und wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors übersetzt von Kai Biermann.