John Draper alias Captain Crunch ist so etwas wie ein Dinosaurier, ein Ur-Urahn der heutigen technischen Entwicklung. Mit einer Trillerpfeife – einem Werbegeschenk aus der Frühstücksflocken-Packung der Marke Cap'n Crunch –, knackte er in den siebziger Jahren das Telefonsystem von AT&T. Dadurch telefonierte er umsonst um die Welt und zeigte so eine große Lücke des Verfahrens auf. Bis heute gilt er deswegen als Legende. Immerhin verdienten Steve Jobs und Steve Wozniak dank seiner Technik ihr erstes Geld, mit dem sie dann Apple gründeten. Später entwickelte Draper das erste Schreibprogramm für den Apple II namens Easywriter und war Mitglied im einflussreichen Homebrew Computer Club in Silicon Valley .

Es ist nicht ganz leicht, mit ihm zu reden. Immer wieder driftet er in vergangene Zeiten ab und erzählt, wie er an Funkgeräten bastelte, wie er das Telefonsystem von AT&T überlistete, oder wie er im Gefängnis saß und den Gefangenen dort Unterricht im Phreaking gab, im Hacken von Telefonen.

ZEIT ONLINE: Mr. Draper, was betrachten Sie als Hacking?

John Draper: In der klassischen Definition meint Hacking das Modifizieren eines Programms, um es beispielsweise kleiner zu machen, damit es besser performt. Es bedeutet, etwas damit anzustellen, was in den Standardfunktionen nicht vorgesehen war. Hacking meint ursprünglich nicht, in Computersysteme einzudringen und Passworte zu stehlen.

Medien haben den Ausdruck aufgegriffen, nachdem Menschen anfingen, sich mit ihren Hayes-Modems in staatliche Netzwerke einzuloggen. So wurde Hacking ein populärer Begriff – durch illegale Handlungen. Ich meine damit aber keinen illegalen Akt. Für mich bedeutet Hacking, ein Programm zu nehmen und es in etwas Besseres umzubauen.

In der heutigen Zeit wird so etwas immer schwerer möglich. Nehmen sie Apples iCloud. Man sollte sich angesichts dieser Entwicklung große Sorgen machen . Denn was geschieht dort? – Wenn alles in der Cloud lagert und nichts mehr auf dem eigenen Computer, braucht man praktisch eine Erlaubnis, um an seine eigenen Daten zu kommen.

ZEIT ONLINE: Braucht eine Gesellschaft Hacker?

Draper: Absolut. Besonders wenn es darum geht, die Sicherheit von Systemen zu überprüfen. Sogenannte White-Hat-Hacker tun genau das. Sie testen Systeme, suchen Lücken, um Dinge letztlich sicherer zu machen. Das ist heutzutage geradezu notwendig, angesichts der vielen unsicheren Systeme.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn heutzutage noch echte Hacker in Sinne dieser Definition?

Draper: Wenn, dann sind es nicht sehr viele. Heute geht es um ganz andere Sachen. Kriminelle nutzen Hacking für ihre Zwecke und es gibt den sogenannten Hacktivismus, all die Dinge beispielsweise, die Anonymous tut. Wobei ich finde, das die Hackergruppe Anonymous sich einen ziemlich großen Namen ausgesucht hat, der ihnen viel Ärger beschert.

Kontrollfreaks dominieren die Gesellschaft

ZEIT ONLINE: Was halten sie von Anonymous?

Draper: Sie haben wirklich gute Werte – ich unterstütze das in einigen Punkten, in anderen hingegen nicht. Sie sind zu marktschreierisch, sie pieken ständig in irgendwelche Wespennester. Ich denke, es wäre besser, wenn sie ein wenig stärker anonym agieren würden. Anonymous ist nicht mehr anonym. Sie sorgen für Spannungen und das sorgt auch für Druck auf sie selbst, viele von ihnen wurden schon verhaftet .

ZEIT ONLINE: Die Beteiligten nennen sich Kämpfer für die Freiheit. Sie selbst waren im Gefängnis, sie haben Unfreiheit erlebt. Derzeit wird viel über die Freiheit des Netzes diskutiert, wie wichtig ist Freiheit für sie?

Draper: Heutzutage werden Menschen verhaftet für Dinge, die sie auf ihrer Facebook-Seite gesagt und getan haben, das ist doch verrückt. Es gibt Schulen, die zwingen ihre Schüler, den Lehrern das Passwort für ihre private Facebookseite zu geben. Es dreht sich alles um Kontrolle. Die heutige Gesellschaft wird dominiert von Kontrollfreaks . Vor allem in Amerika . Die Regierungen sind geradezu wie der Big Brother aus dem Roman 1984 . Das ist alles sehr ungemütlich, vor allem für Menschen, die frei sein wollen.

ZEIT ONLINE: Wie können wir die Freiheit des Netzes sichern?

Draper: Da gibt es viele Systeme, TOR beispielsweise . Aber auch Bitcoin , die Währung, die versucht, unabhängig vom Finanzsystem zu sein. Wir sollten unsere eigenen Netzwerke nutzen, unsere eigenen Protokolle schreiben, quelloffene Software verwenden, die nicht von Monopolen wie Microsoft oder Apple kontrolliert wird. Sondern die von Menschen gemacht wird, die an die Notwendigkeit eines offenen Netzes glauben.

Es gibt haufenweise Menschen da draußen, es wird nie alles kontrolliert und unterdrückt werden können. Zumindest nicht, solange das Netz selbst noch da ist. Wobei es durchaus Bestrebungen gibt, das gesamte Netz zu kontrollieren . Sie wollen das Netz überwachen, sie wollen den Inhalt überwachen, weswegen Konzepte wie Netzneutralität so wichtig sind .

Doch ist es nicht leicht, gegen die Konzerne etwas zu tun. Sie haben mehr Geld als Du. Du kannst einen solchen Kampf nicht gewinnen. Konzerne kontrollieren inzwischen alles. Money talks, bullshit walks , das ist die Regel heutzutage – Reden nützt nicht viel, Geld regiert die Welt.