Solche Programme sind bislang jedoch nicht sonderlich gut darin, menschliche Kommunikation einzuschätzen. Sie basieren letztlich auf Schlagwortlisten, um unerwünschte Begriffe zu filtern. Erkennen Nutzer das System und identifizieren sie die Filterbegriffe, können sie es problemlos umgehen und an der Software vorbei kommentieren.

Zusätzlich können Leser beim Standard jedem Kommentar positive oder negative Punkte geben und ihn so auf- oder abwerten. Solche Bewertungs- oder Belohnungssysteme werden von vielen Seiten genutzt. Wirklich gut funktionieren auch sie nicht. Weil sich einerseits Gruppen, die sich einig sind, gegenseitig nach oben wählen können. Und weil andererseits sogenannte Sockenpuppen viel Gewicht bekommen. Nutzer also, die unter verschiedenen Namen immer neue Accounts anlegen, um ihre eigene Meinung zu verstärken.

ZEIT ONLINE: Hier arbeitet wie bei vielen Nachrichtenseiten ein ganzes Team von Moderatoren. Rund um die Uhr lesen sie alles, was Kommentatoren schreiben und entscheiden bei jedem einzelnen Text, ob und in welchem Umfang er im Zweifel bearbeitet werden muss. Die Handarbeit lohnt sich für eine Redaktion, weil in den Kommentaren Themen weiterentwickelt werden. Sie bedeutet bei durchschnittlich 15.000 Kommentaren in der Woche aber einigen Aufwand.

Angesichts dessen ist auch das kein Patentrezept. Beckedahl beispielsweise hat gerade vor diesem Aufwand kapituliert, der für Blogs mit einem, zwei oder drei Autoren kaum zu leisten ist. Beckedahl schreibt: "Es ist nicht mein Job, mir als Community-Manager das alles anzutun, aber ich mache es jetzt seit acht Jahren. Ich habe in der Zeit rund 130.000 Kommentare gelesen und leider waren die meisten Zeitverschwendung."

Nicht abschalten

Mit anderen Worten: Kommentare im Netz sind ein noch lange nicht beendetes Experiment. Jede Seite, jeder Anbieter muss für sich entscheiden, wie viele und welche er wie zulassen will. Sie abzuschalten ist keine Lösung, denn damit hat niemand gewonnen. Weder Betreiber, noch Leser, noch die, die sich beteiligen wollen.

Das schreibt auch Beckedahl und sucht nun nach einem neuen Konzept für sein Blog. "Ich wollte das Problem einmal klar benennen", sagt er dazu. "Damit wir den nächsten Schritt einleiten können." Der nächste Schritt ist für ihn, eine passende Mischung aus Technik und menschlicher Moderation zu finden.

Jeder sei "selbst dafür verantwortlich, nicht dort herumzulungern, wo ihm das Niveau der Auseinandersetzung missfällt", schrieb Kathrin Passig 2011 in einem lesenswerten Text über das Thema Kommentare . Das hilft zwar den Betreibern nicht, trotzdem kann es eines von mehreren Modellen sein. Bedeutet der Satz doch letztlich, dass es für jede Meinung den passenden Platz gibt, irgendwo. Woanders hinzugehen, schrieb Passig, sei im Netz "ein praktikabler Vorschlag. Und wenn es das gesuchte Drüben nicht gibt, kann man es immer noch gründen."