Twitter hat derzeit ein kleines Problem mit seinen eigenen Richtlinien. "Wenn jemand private Informationen über dich gepostet hat, sende uns bitte ein Hilfe-Ticket. Wenn du aktiv bedroht wirst, rufe die Polizei", heißt es in den Twitter-Regeln zur Sicherheit . Außerdem steht auf der Seite der Satz: "Denke immer daran, dass wir nicht die Polizei sind." Nun hat Twitter doch einmal selbst Polizei gespielt – und prompt gab es Ärger.

Was war passiert? Guy Adams, ein US-Korrespondent der britischen Tageszeitung The Independent , machte auf Twitter seinem Unmut über die zeitversetzte Ausstrahlung der olympischen Spiele auf dem Sendernetzwerk von NBC Luft: " The man responsible for NBC pretending the Olympics haven't started yet is Gary Zenkel. Tell him what u think! Email: Gary.zenkel@nbcuni.com " ("Der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass NBC so tut, als hätten die Spiele noch nicht angefangen, heißt Gary Zenkel", gefolgt von der Aufforderung, ihm per E-Mail die Meinung zu sagen.) NBC ist einer der exklusiven Medienpartner des Großereignisses, gleichzeitig kooperieren Twitter und NBC als Werbepartner während der Spiele.

Guy Adams' Nachricht traf den Nerv vieler Nutzer. Sie verteilten den Tweet weiter und versahen ihn mit dem Hashtag #nbcfail. Twitter-Mitarbeiter nahmen Notiz von den Nachrichten und benachrichtigten NBC. Sie empfahlen dem Sender, die Sperrung von Guy Adams' Account bei Twitter zu beantragen. Der Sender stellte diesen Antrag, und zwar mit der Begründung, er wolle die Privatsphäre seines Mitarbeiters Zenkel schützen.

Andere Twitter-Mitarbeiter, die nicht wussten, dass ihre eigenen Kollegen das Ganze ins Rollen gebracht hatten, entsprachen diesem Antrag von NBC und sperrten den Account. So erklärte es Twitter wenige Stunden später in einem Blogpost .

Verstoß gegen eigene Regel

Einige Nutzer warfen dem Unternehmen daraufhin Willkür und Zensur vor. Denn in früheren, vergleichbaren Fällen habe Twitter anders gehandelt . Der Regisseur Spike Lee zum Beispiel hatte die Adresse eines Pärchens veröffentlicht, von dem er sich bedroht gefühlt hatte – ohne dass er dafür von Twitter dafür gemaßregelt wurde. Und auch Justin Biebers Account wurde nicht gesperrt, als der Teeniestar die Telefonnummer eines Mannes postete, von dem er sich gemobbt fühlte. "Klar, das waren ja auch keine Twitter-Werbekunden", spottete ein Twitter-Nutzer und sprach damit den Kern der Kritik aus: Das Unternehmen behandele Nutzer nicht unparteiisch, wie es das in seinen eigenen Regeln vorgibt, sondern ausgerichtet an den Einnahmen, die sie dem Unternehmen bringen.

Dieser Verdacht muss bei näherer Betrachtung relativiert werden: Es stimmt, Twitter hat versagt, als es NBC selbst auf den kritischen Tweet hinwies und damit gegen seine eigene Regel verstieß, Inhalte nicht aktiv zu überprüfen. Aber die Sperrung des Accounts, basierend auf einem Tweet, der private Informationen preisgab, entsprach geltendem Twitter-Regelwerk. Die Sonderbehandlung war also eher das Nicht-Sperren von Accounts, über die private Informationen Dritter preisgegeben wurden.

Werden Regeln auf Twitter nicht durchgesetzt, beruht das auf dem Prinzip: Wo kein Kläger, da kein Richter. Das bedeutet aber nicht, dass es niemals Kläger und niemals Richter geben wird.