Cybermobbing lässt sich nicht allein im Netz bekämpfen

Anfang Oktober hat die junge Kanadierin Amanda Todd Selbstmord begangen, nachdem sie jahrelang das Opfer von Mobbing-Angriffen im Netz und in der Schule gewesen war. Ihr Tod und die Reaktionen darauf haben nicht nur in Kanada eine Debatte darüber ausgelöst, wie mit Cybermobbing umgegangen werden sollte.

Todd hatte als Zwölfjährige in einem Videochat einem Fremden ihren Oberkörper entblößt, nicht ahnend, dass der Mann sie später damit erpressen würde. Nachdem er das Bild veröffentlicht hatte, wurde sie Opfer von Mobbing im Netz und in der Schule. Sie bekam Panikattacken und Depressionen. Wenige Wochen bevor sie sich umbrachte, schilderte sie in einem inzwischen weltberühmten YouTube-Video ihre Verzweiflung.

Kurz darauf veröffentlichte die Hackergruppe Anonymous Namen, Adresse und Internetprofile eines Mannes, der angeblich Auslöser des Mobbings gewesen sein soll. Doch schnell stellte sich heraus, dass es sich dabei nicht um Amandas Erpresser handelte. Auch die veröffentlichte Adresse hatte nichts mit dem Fall zu tun.

Anonymous versuchte, die Verbreitung der Daten zu stoppen, doch dafür war es zu spät. Laut der kanadischen Zeitung The Province existieren bereits mehrere Websites, auf denen der vermeintliche Erpresser beschimpft und bedroht wird. Der angebliche Täter wurde so selbst Opfer von Cybermobbing.

Auge um Auge macht blind

Nach eigenen Abgaben handelte Anonymous aus Pflichtgefühl heraus. "Wir mögen es eigentlich nicht, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, aber wir fühlten uns verpflichtet, unsere Fähigkeiten zu nutzen, um Kinder zu schützen", wie Unbekannte in einer Mail an den kanadischen Sender CTV News schrieben. Diese Motivation ist löblich, doch das angewandte Mittel war falsch. Und ein Beweis dafür, dass Martin Luther King recht hatte, als er sagte, dass "Auge um Auge" nur alle blind macht.

Das hielt Leute, die im Namen von Anonymous agieren, nicht davon ab, weitere Personen zu "doxen", wie sie das Enttarnen nennen. Aber Cybermobbing und Erpressung im Internet lassen sich nicht durch noch mehr Cybermobbing und Bedrohungen bekämpfen. Für die kanadische Polizei, die noch immer den wahren Täter sucht, wird das langsam zum Problem. Ein Sprecher sagte The Province, dass "eine der größten derzeitigen Herausforderungen die (bewusste) Verbreitung falscher Informationen" sei. Immer neue Anschuldigungen und Gerüchte tauchten im Netz auf.

15.000 Anti-Mobbing-Trainer

Amandas Schicksal sorgt international für Bestürzung. Insbesondere in Kanada wurden viele Forderungen nach besserem Jugendschutz im Internet laut. Ironischerweise hatte die Regierung der Provinz British Columbia erst im Juni dieses Jahres eine Anti-Mobbing-Strategie vorgestellt, die helfen soll, "gefährdendes Verhalten von Kindern und Erwachsenen, egal ob online, in der Schule oder in der Öffentlichkeit" zu stoppen.

Dafür werden in den nächsten fünf Jahren 15.000 Trainer ausgebildet, die über Mobbing aufklären und den Opfern Beistand leisten sollen. Außerdem sind diverse Onlineangebote geplant, etwa eine Informationswebsite für Eltern und eine Meldeseite für Kinder.

Auch in Europa mehren sich Stimmen, die eine Strategie im Umgang mit Cybermobbing fordern. Europarlamentarier Alexander Alvaro (FDP) sprach sich für eine Ethik-Kommission aus, die aus Datenschützern, Psychologen und Netzaktivisten bestehen solle. Dem Focus sagte er, eine solche Kommission könnte Persönlichkeitsrechtsverletzungen im Internet kontrollieren. Dabei gehe es vor allem darum, zu überwachen, ob Anbieter wie Google solche Verletzungen innerhalb von 24 Stunden aus dem Netz löschten.

Aber die kanadischen Initiativen zeigen, dass die Ursachen von Cybermobbing vor allem außerhalb des Internets gesucht und bekämpft werden müssen. Das bestätigt auch eine Studie der Universität Zürich, aus der hervorgeht, dass Cybermobbing meistens Menschen betrifft, die schon zuvor das Opfer von Mobbing waren. Assistenzprofessorin Sonja Perren sagt in einem Interview mit der Neuen Züricher Zeitung: "Das Problem beim Cybermobbing ist nicht im Cyber zu suchen, sondern beim Mobbing."