Facebook, Froschlaich und Folianten – Seite 1

Dreihundert Jahre alte Bücher können wir problemlos lesen, wenige Jahre alte Disketten nicht. Wenn alles ins Internet wandert, ist es dann womöglich eines Tages einfach weg? So oder ähnlich beschäftigt die Frage seit Jahren Podiumsdiskussionsteilnehmer, Journalisten und Privatleute.

Die Sorge, ein neues Speichermedium werde dazu führen, dass demnächst alles verschwunden ist, ist aber schon etwas älter. Prominent vorgetragen wurde sie im Jahr 1492 von Johannes Trithemius in De laude scriptorum manualium (Zum Lob der Schreiber): "Gedrucktes aber, da es auf Papier steht, wie lange wird es halten? Geschriebenes, wenn man es auf Pergament bringt, wird an die tausend Jahre Bestand haben (…) wenn Gedrucktes in einem Band aus Papier an die zweihundert Jahre Bestand haben wird, wird es hoch kommen." Trithemius wird gern mit spöttischem Unterton zitiert, aber seine Zweifel an der Haltbarkeit des Papiers waren nicht unberechtigt.

Trotzdem hat sich das Papier seither ganz gut bewährt. Dass Gedrucktes billiger und leichter zu vervielfältigen war, ermöglichte höhere Auflagen und damit einen Ausgleich der geringeren Überlebenswahrscheinlichkeit des einzelnen Textes. Auf dieselbe Strategie setzt der Frosch, wenn er große Mengen Laich unbeaufsichtigt in die Landschaft entlässt – der Laich ist weder robust noch gut bewacht, aber ein paar Fröschlein werden am Ende schon durchkommen. Passenderweise ist De laude scriptorum nicht als Handschrift erhalten, sondern nur in der auf Papier gedruckten Version.

Die Kraft der Idee

Auch in der Architektur geht es nicht unbedingt um die Robustheit des Materials. 2012 zitierte ich bei Twitter aus einem Vortrag des Architekten Friedrich von Borries: Nachhaltigkeit sei kein Wert an sich, die nachhaltigste Architektur seien Bunker.

Daraufhin meldete sich Sascha Brossmann zu Wort und gab zu bedenken, die nachhaltigste Architektur seien bisher immer noch Sakralbauten. Die Kirche setzt nicht auf meterdicken Stahlbeton, sondern auf die Kraft einer Idee. Durch diese Idee bewegt sie die Menschen über viele Generationen hinweg zu regelmäßigen Reparaturen. Falls der Bau doch zerstört wird, errichtet man häufig an derselben Stelle einen neuen.

Wenn Informationen verlorengehen, dann liegt das in aller Regel nicht an Materialversagen, sondern an nachlassendem Interesse. Brennende Bibliotheken sind ein spektakuläres Bild, spielen aber als Ursache für Verluste keine wesentliche Rolle. Die meisten Inhalte hat einfach irgendwann niemand mehr für aufbewahrenswert, also weiterkopierenswert gehalten. Alte Texte sind uns in aller Regel nicht deshalb überliefert, weil ihr Material so außerordentlich haltbar wäre, sondern weil sie immer wieder abgeschrieben oder nachgedruckt wurden.

Dass Inhalte verschwinden, weil es zu wenig Interesse an ihrer Erhaltung gibt, ist kein Problem der Vergangenheit. In der Frühzeit von Radio- und Fernsehsendungen klaffen große Lücken, ebenso wie in der Frühgeschichte des Internets. Als der kostenlose Webhostingdienst Geocities 2009 nach fünfzehn Jahren eingestellt wurde, waren es nur diverse private Initiativen, die noch schnell wenigstens einen Teil der Daten sichern konnten, ähnlich wie bei der Ende April geschlossenen Blogplattform Posterous.

Das Problem hat in erster Linie damit zu tun, dass diese Daten selbst den für Archivierung von Kulturgut zuständigen Fachleuten der jeweiligen Periode als nicht besonders erhaltenswert gelten. Die Einsicht, dass sich schon wenige Jahre später Forscher für Moritatentafeln, Ansichtskarten, Comichefte und Fernsehserien interessieren werden, muss offenbar für jede kulturelle Ausdrucksform wieder separat erarbeitet werden.

Offene Formate haben bessere Chancen, erhalten zu werden

Die Geocities-Seiten waren sehr unansehnlich – nicht ganz so hässlich wie MySpace, aber hässlich genug, um vor ähnlichen Problemen zu stehen wie eine bedrohte Tierart, die nicht gerade mit Knopfäugigkeit und Flauschigkeit gesegnet ist. Aber Geocities enthielt einen großen Teil der Frühgeschichte des WWW, und seine zweifelhafte Ästhetik ist Bestandteil dieser Geschichte.

Das Hässlichkeitsproblem ist mittlerweile etwas in den Hintergrund getreten, dafür beleidigt das Internet das Auge des Archivars durch fehlenden inhaltlichen Adel der Alltagskommunikation bei Twitter und Facebook, in Blogs, Chats und Kommentaren.

Es braucht den Willen zur Erhaltung

Zum fehlenden Erhaltungswillen kommen rechtliche Probleme: Archivierungswillige in den USA können immerhin versuchen, auf Fair Use zu plädieren, in Deutschland ist die Lage noch schwieriger. Die Froschlaich-Strategie ist grundsätzlich problematisch, wenn Urheber oder Verwerter gar nicht wollen, dass Inhalte vervielfältigt werden, also bei privaten oder geschützten Daten. Alles offen Zugängliche hat deutlich bessere Chancen auf Erhaltung. Kopiergeschützte Daten, also zum Beispiel die meisten E-Books, existieren zwar in großer Zahl auf verschiedenen Geräten, aber sie sind verschlüsselt, und wenn die zentrale Komponente wegfällt, weil etwa der Anbieter seine Tätigkeit einstellt, bleibt nur das schlechteste aus zwei Welten übrig: ein fragiles Speicherformat, gepaart mit fehlender Quantität.

Wenn die Erhaltung digitaler Inhalte unter dem Aspekt der technischen Haltbarkeit der Speichermaterialien diskutiert wird, steckt darin ein Teil Wunschdenken: Die technischen Probleme sind ein angenehmeres Gesprächsthema, weil sie leichter zu bewältigen sind als die eigentlichen Archivierungshindernisse. Und die bleiben über die Jahrhunderte weitgehend gleich: Es fehlt an der Überzeugung, dass die jeweiligen Inhalte aufbewahrenswert sind, und es fehlen die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen, die die Aufbewahrung möglich machen.

Dass es nicht auf das Material ankommt, belegt das Beispiel des Wawilow-Instituts in Sankt Petersburg. Die 1921 gegründete Einrichtung beherbergt heute noch die drittgrößte Saatgut-Sammlung der Welt. Während der Blockade der Stadt von 1941 bis 1944 verhungerten über eine Million Menschen, darunter sechs Mitarbeiter des Instituts. Das Archivgut ist nicht nur essbar – es besteht unter anderem aus Kartoffeln und Reis – es muss auch regelmäßig ausgepflanzt und neu vermehrt werden, weil es nach ein paar Jahren seine Keimfähigkeit verliert. Ein vergänglicheres, gefährdeteres Material ist kaum denkbar, und doch hat das Archiv die Blockade, den Krieg und den Rest des 20. Jahrhunderts überstanden. Seine Erhaltung hing nicht von der Robustheit des Archivguts ab, sondern von Überzeugung, Infrastruktur und politischer Unterstützung. Erst das Ende der Sowjetunion bedroht heute seinen Fortbestand.

Genausowenig, wie man Kartoffelsorten in eine leichter archivierbare Form bringen kann, lassen sich digitale Inhalte einfach in robustere Formen überführen, ohne dass wesentliche Eigenschaften verlorengehen. (Auch wenn die Universitätsbibliothek der Helmut-Schmidt-Universität genau darauf in ihrem Aprilscherz 2012 setzt: Zunächst sei eine Pergamentisierung des Bestandes geplant, später dann eine Sicherheitskopie auf Granit.) Die russischen Pflanzengenetiker haben nicht nach anderen Kartoffeln verlangt, und wir sollten damit aufhören, nach anderen, irgendwie weniger digitalen Dateien zu rufen. Was fehlt, sind den Entwicklungen angepasste Rechtsgrundlagen und Strategien – um das Kopieren zu erleichtern.