Um Justin Carter auf die Schliche zu kommen, brauchte es keine ausgefeilten technischen Hilfsmittel. Sein angeblicher Plan für ein blutiges Attentat musste nicht erst vom Geheimdienst aufgedeckt werden. Der damals 18-jährige Amerikaner offenbarte ihn im Februar selbst auf einer öffentlichen Facebook-Seite. Bei dem Unfug, den Carter dort schrieb, hätte allerdings jedem Mitleser klar sein müssen, dass sich hier nur ein Teenager in der Wortwahl vergriff. Doch der Scherz wurde missverstanden und brachte Carter für mehrere Monate ins Gefängnis. 

Sarkasmus und Ironie können in sozialen Netzwerken zu Missverständnissen führen – und zu Überreaktionen der Behörden. Der Fall von Justin Carter ist da nur ein Beispiel von vielen.

Carters Eltern haben mittlerweile zahlreiche Interviews gegeben und eine Petition auf der Kampagnenseite change.org gestartet, um auf die Absurdidät der Vorwürfe hinzuweisen, die ihrem Sohn angelastet werden. "Lasst meinen Sohn frei, der strafrechtlich verfolgt wird wegen eines Facebook-Kommentars", fordert die Mutter. Ihre Petition haben mittlerweile 135.000 Unterstützter gezeichnet.

Nach Darstellung der Eltern begann alles mit einem Wortgefecht unter Computerspielfans. Justin Carter und ein anderer Nutzer gerieten auf der Website des Online-Fantasyrollenspiels League of Legends aneinander. Die Auseinandersetzung wechselte irgendwann zu Facebook, wo Carters Gegner dem Jungen vorwarf, er sei "irre, verrückt, total durcheinander im Kopf". Carters flapsige Antwort: "Ja klar, ich bin wirklich total durcheinander, ich werde losgehen und eine Schule voller Kindern über den Haufen schießen und ihre noch schlagenden Herzen essen."

Zu viel Ironie

Offenbar merkte er schnell selbst, dass das etwas zu drastisch war. Er schickte seinem Scherz ein "LOL" und ein "JK" hinterher, die Abkürzungen für "laughing out loud" (Ich lach' mich kaputt) und "just kidding" (Ich mache nur Spaß). Doch eine Facebook-Nutzerin in Kanada war damit offenbar überfordert. Sie googelte Carters Namen und fand eine Adresse in Texas – in der Nähe  einer Grundschule! Daraufhin alarmierte sie die Behörden in Texas.

Im März wurde Carter festgenommen. Ein Monat verging, bis er überhaupt zu dem Vorwurf befragt wurde, von ihm gehe eine terroristische Bedrohung aus. "Mein Sohn könnte niemandem etwas zuleide tun, geschweige denn einem Kind", versichert Justins Mutter auf change.org. Sein Kommentar sei zwar geschmacklos, aber niemand in seiner Familie und keiner seiner Freunde hätte das ernst genommen. 

Die Kaution in Höhe von einer halben Million Dollar konnten die Eltern nicht aufbringen, bis sich Ende vergangener Woche ein Spender fand. "Justin und seine Familie sind überglücklich über seine Freilassung und dem anonymen Samariter, der die Kaution  eingezahlt hat, über alle Maßen dankbar", schreibt der Anwalt des Jungen. Doch obwohl er sich nun in Freiheit befindet, drohen ihm noch immer ein Prozess und die Verurteilung zu einer hohen Gefängnisstrafe, warnt Mutter Jennifer Carter. 

Auch deutsche Behörden sind manchmal dünnhäutig

Dass derart unbedarfte Kommentare schwerwiegende Folgen haben können, mussten im vergangenen Jahr auch zwei USA-Touristen feststellen. Dem jungen Iren und seiner englischen Freundin wurde in Los Angeles die Einreise verweigert, weil der 26-Jährige zuvor auf Twitter angekündigt hatte, er werde "Amerika zerstören" und "Marilyn Monroe ausgraben". Damit habe er nur umschreiben wollen, dass er in LA extrem feiern" wollte, erklärte der Ire den Mitarbeitern der US-Heimatschutzbehörde DHS. Er traf allerdings auf wenig Verständnis und musste die folgenden zwölf Stunden in einer Zelle verbringen. 

Etwas glimpflicher kam am Wochenende ein 15-Jähriger aus der Kleinstadt Zion im Bundesstaat Illinois davon, der noch vor dem Urteil gegen den Todesschützen von Trayvon Martin twitterte: Wenn George Zimmerman freikomme, werde er jeden in Zion erschießen und genauso ungestraft damit davonkommen wie Zimmerman. Nachdem die örtliche Polizei Anrufe aus Kansas, vom FBI und vom Sender Fox News erhalten hatte, wurde der Teenager in Gewahrsam genommen. Anders als bei Justin Carter ließen sich die Polizisten aber davon überzeugen, dass der Twitter-Nutzer ungefährlich ist. "Er hat keine Waffen und keinen Zugang zu Waffen", ließ die Polizei anschließend verlauten. 

Auch deutsche Behörden reagieren manchmal dünnhäutig. Ein Hesse, der auf Facebook zu einem "Spaziergang zu den NSA-Spionen" in der streng geheimen US-Einrichtung Dagger Complex in Griesheim eingeladen hatte, bekam kurz darauf Besuch von Polizisten und sogar einem Beamten des polizeilichen Staatsschutzes. Alarmiert worden waren sie von der amerikanischen Military Police. Die hatte den Aufruf auf Facebook gesehen und ganz humorlos als Bedrohung interpretiert.