Die Bitcoin-Fallen

4,20 Euro kostet die Currywurst mit Pommes bei Burger & Curry auf der Schanzenstraße in Köln-Mühlheim. Oder 0,0069 Bitcoins. In der Imbissbude kann man sein Essen auch mit dem digitalen Geld bezahlen. Während im Hintergrund die Buletten brutzeln, zückt der Kassierer ein Tablet, auf dem ein QR-Code erscheint. Mit dem eigenen Smartphone scannt der Kunde den Code und der Preis für die Currywurst wird auf das Bitcoin-Konto des Restaurants übertragen.

Auch beim Online-Spiel Farmville 2 können Internet-Bauern ihre Kühe und Scheunen bald mit Bitcoin bezahlen. Der Online-Spieleanbieter Zynga hat angekündigt, bei Farmville 2 und sechs weiteren Spielen Bitcoin als Zahlungsmittel für Käufe innerhalb des Spiels zu akzeptieren. Ist das nur ein Marketing-Gag oder der nächste Schritt zur Etablierung von Bitcoin?

Nicht nur Burger und Pixel-Kühe, auch Fernseher, Kleidung und Laptops könnte man schon bald mit der Internet-Währung bezahlen. Selbst Pfadfinderinnen in den USA tauschen bereits Bitcoin gegen Kekse. Das US-Unternehmen Overstock will demnächst als einer der ersten großen Händler die Kryptowährung als Zahlungsmittel akzeptieren. Ein großer Vorteil seien die niedrigeren Kosten, sagt Overstock-Chef Patrick M. Byrne. Die Kreditkartengebühren bei Visa oder Mastercard lägen bei zwei Prozent und drückten die Marge empfindlich. Würde Overstock in Bitcoin abrechnen, käme bei gleichem Umsatz mehr Gewinn heraus.

Ebay-Chef John Donahoe schwärmte im Gespräch mit der Financial Times von Digitalwährungen. Gil Luria, Analyst des Finanzdienstleisters Wedbush, sieht Ebay bereits als einen Gewinner des Bitcoin-Aufstiegs, da auch die Ebay-Tochter Paypal ihre Kosten senken könnte, wenn sie Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptiert.

Riskante Wartezeit

Ob sich weitere Unternehmen auf das Experiment einlassen, hängt auch von den Erfahrungen ab, die Zynga und die anderen großen Vorreiter machen werden. Daniel Kerscher glaubt, dass die Spielefirma ein idealer Kandidat für die Erprobung der Bitcoins in der Wirtschaft ist. "Zynga lebt davon, viele kleine Waren zu verkaufen. Dafür ist Bitcoin bestens geeignet, weil Transaktionen grundsätzlich kostenlos und fast beliebig klein aufteilbar sind", sagt Kerscher, Autor des Buches Bitcoin – Funktionsweise, Risiken und Chancen der digitalen Währung.

Außerdem bestehen die bei Zynga gehandelten Gegenstände lediglich aus Bits und Bytes. "Sollten Transaktionen nicht funktionieren, können die Waren sofort zurückgezogen werden, weil sie ja virtuell sind", sagt der Informatiker Andreas Schildbach, der eine App entwickelt hat, mit der das Smartphone zur Bitcoin-Geldbörse wird. Für Schildbach ist Bitcoin ein guter Ersatz für Kreditkarten oder andere Bezahlsysteme, die den Händler Geld kosten und bei denen es länger dauert, eine Zahlung abzuwickeln.

Doch die Internetwährung hat für Unternehmen nicht nur Vorteile. Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele warnte Anfang der Woche vor der hohen Volatilität, durch die Bitcoins als Zahlungsmittel unbrauchbar würden. Die Bitcoin-Kurse schwanken tatsächlich stark. Für Verkäufer ist das ein Problem, da zwischen Sendung und Empfang des Geldes eine gewisse Zeitspanne für die Verifizierung der Transaktion vergeht. Die Bestätigung kann zehn Minuten dauern oder auch eine Stunde. "Diese Wartezeit kann durchaus riskant sein, wenn in der Zwischenzeit eine negative Meldung auftaucht", sagt Daniel Kerscher. Im Dezember ließ etwa die Nachricht, dass die Chinesische Notenbank den eigenen Instituten Transaktionen mit Bitcoins verbietet, den Kurs in kurzer Zeit in die Tiefe rauschen. 

Was, wenn ein Kunde vom Rückgaberecht Gebrauch macht?

Für Unternehmen, die Geschäfte in Bitcoin abschließen, ist dieses Risiko kaum zu kalkulieren. "Wenn Zynga jeden Tag 1.000 Bitcoins bekommt, kann das ein Problem werden, denn es gibt noch keine richtigen Absicherungsgeschäfte oder Hedges", sagt Kerscher. Zynga versucht sich über den Dienstleister Bitpay abzusichern. Das Unternehmen wickelte im vergangenen Jahr bereits mehr als 100 Millionen Dollar in Bitcoin-Transaktionen ab. Bitpay garantiert dabei den Wechselkurs. Kauft ein Kunde mit Bitcoins eine Ware im Wert von 50 Euro, bekommt der Händler auch 50 Euro ausgezahlt. Diesen Service lässt sich Bitpay allerdings bezahlen, wodurch die eigentlich kostenlose Bitcoin-Transaktion am Ende dann doch etwas kostet. 

Wegen der starken Kurs-Schwankungen ist es auch schwer, einheitliche Preise in Bitcoin auszuweisen. Das Auf und Ab des Kurses müsste theoretisch in Echtzeit im Online-Shop oder auf dem Preisschild im Laden sichtbar sein. Man möchte doch wissen, ob man für seine Currywurst gerade umgerechnet 4,20 Euro oder doch das Dreifache bezahlt hat. Und was passiert zum Beispiel, wenn ein Käufer sein Rückgaberecht in Anspruch nimmt und nach zwei Wochen sein Geld zurückfordert? Bekommt er dann den damaligen Kaufpreis in Bitcoin oder Euro ausbezahlt?

Das Problem mit dem Bid-Ask-Spread

Ein weiteres Problem: "Es gibt nicht nur einen Bitcoin-Preis, sondern viele", sagt Dirk Elsner, der unter anderem Finanzdienstleister berät. Auf verschiedenen Handelsplätzen werden unterschiedliche Kurse zum An- und Verkauf von Bitcoins angeboten. Die Differenz zwischen dem, was Bitcoin-Käufer maximal zu zahlen bereit sind, und dem, was Verkäufer minimal verlangen, ist der sogenannte Bid-Ask-Spread. Ein hypothetisches Beispiel: Will jemand etwas im Wert von einem Bitcoin kaufen, tauscht er vorher 600 Euro in ein Bitcoin um, weil das in diesem Moment bei seiner Tauschplattform der Ask-Preis ist, also der minimale Preis, zu dem ein Verkäufer bereit ist, ein Bitcoin herauszugeben. Damit bezahlt der Käufer seine Ware. Der Händler will den Bitcoin aber nicht ewig herumliegen lassen, weil das Schwankungsrisiko sonst wächst. Er will ihn will sofort verkaufen, also in Euro umtauschen. Es kann aber sein, dass zu diesem Zeitpunkt der Bid-Preis bei nur 595 Euro liegt: Käufer sind nur bereit, diesen Preis pro Bitcoin zu zahlen. Das bedeutet, die Transaktion hat den Händler in diesem Moment fünf Euro gekostet.

Elsner hat das Phänomen in einem Blog-Eintrag genauer untersucht. Das Ergebnis: Die Bid-Ask-Spreads wachsen mit der Größe der Transaktionen. "Selbst wenn die Kurse nicht schwanken, ist das ein Kostenfaktor", sagt Elsner. Auch wenn keine direkten Gebühren verlangt werden, machten die Spreads die Geschäfte mit Bitcoins teurer.

Bitcoin-Verbreitung fördern oder Bitcoin horten

Und dann ist da noch ein ganz grundsätzliches Hindernis für die Verbreitung von Bitcoin: In den letzten Monaten ist der Kurs teilweise rasant gestiegen. Warum sollte man mit Bitcoins für alltägliche Dinge zahlen, wenn es sich mehr rentiert, die Währung zu halten und auf weitere Kursprünge zu hoffen? Die Zahl der täglichen Bitcoin-Transaktionen weltweit liegt wohl auch deshalb bei nur 70.000.

Selbst Unterstützer wie Andreas Schildbach, die Bitcoin als Zahlungsmittel etablieren wollen, kämpfen mit diesem Problem. Eigentlich will er die Bitcoin-Wirtschaft fördern, aber andererseits will er die boomende Währung auch nicht ausgeben. Als Kompromiss kauft Schildbach alle Bitcoins, die er ausgibt, regelmäßig zurück, auch wenn er damit einen Teil der Kursgewinne aufgeben muss.