ZEIT ONLINE: Herr Reichert, warum Streaming? Abmahnungen wegen illegalen Downloads sind technisch und rechtlich erprobt, Streaming jedoch ist ein in Deutschland ungeklärtes Rechtsgebiet, birgt also für Sie das Risiko, mit Ihrem Anliegen zu scheitern. Warum haben Sie mit ihrer Firma The Archive AG trotzdem Abmahnungen wegen Streamings angestrebt?

Ralf Reichert: Der Grund ist die extreme Zunahme des Streaming. Wie neueste Studien aus den USA belegen, geht der Trend ganz klar weg vom Download hin zu Streaming. Sie haben aber recht, wenn Sie sagen, dass es in dieser Thematik unterschiedliche Rechtsauffassungen gibt. Aus unserer Sicht handelt es sich beim Streaming technisch gesehen auch um einen Download, eine urheberrechtlich relevante Vervielfältigung, die geahndet werden kann und muss. Sonst müssten Rechteinhaber weiterhin tatenlos zusehen, wie ihr Material, angefangen von Filmen, Clips über Musik ohne jede Sanktionsmöglichkeit einem Massenmarkt rechtswidrig zugänglich gemacht werden.

Es gibt viele Branchenteilnehmer und Medienanwälte, die unsere Vorgehensweise sehr interessant finden und die zukünftigen Auswirkungen auf die Rechtsprechung mit Neugierde erwarten. Leider ist dieser Zuspruch im Netz nicht wahrzunehmen.

Es ist bedauerlich, dass in der öffentlichen Debatte der Anlass abhanden kommt: Der unbestrittene Diebstahl einer erbrachten Leistung, die von Dritten in Anspruch genommen wird, ohne eine Vergütung dafür zu erbringen. Uns geht es darum, dass die Rechteinhaber gestärkt werden und die User, wenn sie bestimmten Content, gleich ob Filme, Serien oder Musik genießen wollen, auf die legalen Seiten gehen. Dort müssen sie gemeinhin etwas zahlen, wie etwa wenn Sie bei Maxdome einen Film bestellen. Wenn sie gar nichts tun, dann wird es bald bis auf einige Ausnahmen keinen neuen spannenden Content mehr geben. Wer soll denn investieren, wenn alles ohne jegliche Kontrolle und Zustimmung der Urheber und Rechteinhaber zum Streamen bereitgestellt wird?

Das Filesharing ist auch erst richtig zurückgegangen, als die Rechteinhaber sich gewehrt haben und massenhaft Abmahnungen rausgingen. Dass man sich damit am Anfang keine Freunde macht, war uns klar.

ZEIT ONLINE: Es gibt inzwischen diverse Fragen zu dem Weg, wie die IP-Adressen der abgemahnten Nutzer erhoben wurden. Was genau macht die immer wieder genannte Software Gladii 1.1.3?

Reichert: Wie Sie sicher ahnen, bin ich zu dieser Frage leider der falsche Ansprechpartner, da ich kein Technik-Experte bin. Fakt ist, dass wir darauf bestanden haben, uns von unabhängiger Seite bestätigen zu lassen, dass die Software einwandfrei funktioniert und vor allem nach geltendem Recht und Gesetz die Daten ermittelt. Das ist von einem renommierten Gutachterbüro zweifelsfrei bestätigt worden.

Die Stimmungsmache im Internet ignoriert diesen Sachverhalt. Ich kenne Ihren Artikel zu dem Gutachten, muss Sie aber in einem wichtigen Sachverhalt korrigieren. Sie beziehen sich bei Ihrem Bericht auf das technische, und nicht auf das Rechtsgutachten, welches von einer anderen Großkanzlei erstellt wurde. Nach Prüfung der Software wurde per Gutachten bestätigt, dass die Datenerhebung nicht gegen das Deutsche Strafgesetzbuch und nicht gegen deutsche Datenschutzbestimmungen verstößt. Dieses Gutachten war maßgeblich, nicht das von Herrn Schorr.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie auf den Anbieter von Gladii 1.1.3 namens itGuards? Haben Sie verschiedene Anbieter getestet? Oder ist itGuards an Sie herangetreten und hat Ihnen die Ermittlung der IP-Adressen angeboten?

Reichert: Wir hätten gerne verschiedene Anbieter getestet. Leider gab es keine anderen, die eine solche technische Möglichkeit anbieten konnten. itGuards ist an uns herangetreten.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie Zugriff auf Server von RedTube, um deren Logfiles auslesen zu können, oder woher bekamen Sie die Informationen, wer einen Stream angeschaut hat?

Reichert: Nein, natürlich hatten wir kein Zugriff auf die Server von RedTube. Der Gutachter, der Einblick in die komplette Software und den Sourcecode hatte, hat die korrekte Protokollierung der Daten bestätigt. Insofern ist die Datenerhebung für uns technisch wie auch rechtlich einwandfrei. Die Protokolle wurden dann durch eidesstattliche Versicherungen bezüglich der Korrektheit ihrer Angaben von einem Dritten bestätigt.

ZEIT ONLINE: Der technische Gutachter, Frank Schorr, sagt, er habe keinen Zugriff auf den Quellcode von Gladii gehabt. Sie schreiben, er hatte Einblick in den Sourcecode, was ist richtig?

Reichert: Uns liegen, wie bereits erwähnt, zwei Gutachten von zwei renommierten Gutachterbüros vor, die in ihrer Aussage über jeden Zweifel erhaben sind. Ohne diese Gutachten wären wir niemals in Aktion getreten. Darüber hinaus bin ich nicht autorisiert, die Gutachten oder Details daraus vorzulegen. Bitte wenden Sie sich mit entsprechenden Fragen an itGuards.

(Anm. d. Red.: Wir haben itGuards nach dem Gutachten befragt, die Anfrage wurde nie beantwortet)