Hin und wieder besuche ich Veranstaltungen, auf denen es darum geht, ob durch das Internet alles besser oder alles schlechter wird. Und ähnlich wie man bei Autorenlesungen darauf wetten kann, dass hinterher eine ältere Dame "Ist das alles autobiografisch?" fragen wird, steht bei diesen Anlässen immer ein älterer Herr auf und sagt, das sei ja alles schön und gut, aber am Beispiel des Navis könne man doch ganz unmittelbar sehen, dass die Technik unsere Gehirne beeinträchtige. Die Menschen verlören den Orientierungssinn und landeten andauernd mit ihren Autos in anderer Leute Wohnzimmer!

So steht es ja auch alle paar Wochen in der Zeitung. "Falsche Adresse im Navigationsgerät: Frau will nach Rügen und landet in Duisburg", oder "Auf Navi gehört und Auto auf Bahngleisen aufgesetzt". Bemerkenswert ist daran nicht so sehr, dass es zu diesen Vorfällen kommt, sondern dass sie von Zeitungen aufgegriffen werden. Schließlich verirren sich zur selben Zeit auch Menschen unter Zuhilfenahme von Straßenkarten oder ganz ohne Hilfsmittel, ohne dass sich Journalisten dafür interessieren.

Der Volkskundler Martin Scharfe hat in Wegzeiger. Zur Kulturgeschichte des Verirrens und Wegfindens Zeichnungen und Geschichten aus dem frühen 19. Jahrhundert gesammelt, die ebenfalls von Reisenden handeln, die sich auf ein neumodisches Orientierungshilfsmittel verlassen und dadurch erst recht in die Irre geleitet werden. Dieses neue Hilfsmittel ist der Wegweiser. Mit der Erfindung des Autos wiederholte sich die Geschichte: "Die frühen Erfahrungsberichte der Automobilisten sind voll von zornigen oder hämischen Geschichten über nichtbezeichnete Straßen und falsche oder irreführende Auskünfte der Einheimischen – das alte Lied", schreibt Scharfe.

Der aktuelle Vorwurf lautet: Erstens nimmt das Gerät den Menschen einen bestimmten Denkvorgang ab. Dadurch können die Menschen zweitens schon kurze Zeit später gar nicht mehr selbstständig denken. Wenn man besonders apokalyptische Laune hat, kann man außerdem behaupten, drittens werde das Gehirn dauerhaft umgebaut.

Meistens sind es ja zunächst keine Sachargumente, sondern biografische Gründe, die einen dazu bewegen, derlei zu glauben oder nicht zu glauben. Ich hatte früher keinen besonderen Orientierungssinn und wenig Interesse an Navigationsfragen. Ich verfuhr und verlief mich weder besonders häufig noch besonders selten. Meine mentale Berlin-Karte hatte auf die übliche Weise eher wenig mit der Realität zu tun: Krumme Straßen und nicht rechtwinklige Kreuzungen waren vereinfacht und begradigt, und Norden konnte alles zwischen Südwesten und Südosten bedeuten. Außerdem existierten in meinem Kopf mindestens drei verschiedene Berlins: ein U-Bahn-Berlin, ein Fußgänger-Berlin und ein Fahrradfahrer-Berlin.

Erst mit dem Auftauchen von Google Maps ging ich dazu über, meine Vorstellung von Berlin und den Himmelsrichtungen hin und wieder mit der Realität abzugleichen, und erst der Fahrrad-Routenplaner BBBike führte dazu, dass ich neue Strecken durch die Stadt entdeckte. Als Fußgänger navigiere ich, seit ich ein Smartphone besitze, überall mit Hilfe von Google Maps, meine Experimentierbereitschaft und meine Orientierungsfähigkeiten sind zusammen mit meinem Interesse am Navigationsthema gewachsen. Auch ohne GPS weiß ich mehr über meine Umgebung als früher. Das macht mich misstrauisch gegenüber der Aussage, GPS führe automatisch und generell zur Zerrüttung des Orientierungssinns.

Drei verschiedene Typen von Navi-Nutzern

Nur in einer Handvoll Studien ist bisher überhaupt untersucht worden, ob und auf welche Art GPS-Nutzung die Orientierung stört, anstatt sie zu befördern. Eine der häufiger zitierten Studien wurde an der Universität des Saarlandes durchgeführt: Originalstudie / leserfreundliche Version mit zweifelhaften Scherzen über beifahrende Ehefrauen. Diese Studie kommt lediglich zu dem Schluss, dass die GPS-Nutzer etwas schlechter abschneiden als die Kartenleser im gleichen Experiment. Sie stehen aber keineswegs orientierungslos da.

Der ADAC fand in einer Umfrage drei verschiedene Typen von Navi-Nutzern: Fahrer mit Interesse an Orientierung ließen sich die Karte so anzeigen, dass Norden oben liegt. "Der zweite Nutzertyp wählt die Synchronisation der Karte mit der Fahrzeugrichtung und dem dritten Typus sei die Anzeige der Karte schlichtweg egal. Besonders bei Letzteren sei die Kompetenz des klassischen Kartenlesens kaum vorhanden gewesen." Ich konnte die Originalumfrage nicht ausfindig machen und zitiere die ADAC-Ergebnisse deshalb nur aus einem in der Zeitschrift Business Geomatics erschienenen Artikel. Scherze über vom ADAC erhobene Daten darf jeder selbst anfertigen.

Dass nicht alle heutigen GPS-Nutzer früher kompetente Kartenleser waren, ist aber, ADAC hin oder her, ein wichtiger Punkt. Viele Menschen konnten noch nie Karten lesen und interessieren sich für diesen Vorgang vielleicht auch gar nicht besonders. Und jetzt erlangen diese inkompetenten Geschöpfe ohne angemessene Mühen Zugang zu Möglichkeiten, für die Kartenkenner bisher hart arbeiten mussten. Wenn angesehene Spezialistenfähigkeiten zu billig erhältlichen Dienstleistungen herabsinken, erfreut das die Spezialisten nur selten.