Poster zu "Children of the Machine" © Rapid Eye Studios

Wer das Wort BitTorrent hört, denkt vermutlich zunächst an The Pirate Bay, an illegale Film- und Musikdownloads und Abmahnwellen. Das Filesharing-Protokoll hat in der Allgemeinheit der Internetnutzer mit einem schlechten Ruf zu kämpfen, und daran ist auch die Unterhaltungsindustrie schuld. Schließlich galt BitTorrent nach seiner Entstehung im Jahr 2001 als ein Nachfolger der abgeschalteten Musiktauschbörse Napster. Seitdem führt die Urheberrechtslobby nicht nur einen Kampf gegen Torrentbörsen wie The Pirate Bay, sondern auch gegen die Technik an sich.

Die ist nach wie vor ziemlich clever und nützlich. Das BitTorrent-Protokoll ermöglicht sowohl den Transfer großer Dateien, als auch einen Schutz vor Zensur, etwa durch staatliche Stellen. Gerade in Zeiten der globalen Überwachung sind dezentralisierte Netzwerke wichtiger denn je.

Die Basis von BitTorrent bilden die kleinen .torrent-Dateien, die es auf Portalen wie Pirate Bay gibt. Sie enthalten die Details zu den Inhalten und deren Dateistruktur. Die Inhalte werden anschließend nicht von einem Server bereitgestellt, sondern in kleinen Blöcken zwischen den Nutzern geteilt. Je mehr eine Datei herunterladen und gleichzeitig wieder teilen, desto schneller wird der Download für alle. Gleichzeitig wird es schwierig, einzelne Dateien wieder zu löschen. Vor allem für Filme, Videospiele und Serien ist BitTorrent beliebt – allerdings werden viele illegal angeboten. Und da jeder Nutzer immer auch Daten hochlädt, ist BitTorrent ein beliebtes Ziel der Abmahnindustrie.

BitTorrent als Finanzierungs- und Vertriebsplattform

Das möchte BitTorrent ändern. Zumindest die gleichnamige Firma, die das Protokoll entwickelt hat und sich auf ihrer Website mittlerweile als hippes Start-up aus San Francisco präsentiert. Die Botschaft ist klar: Man möchte raus aus der vermeintlichen Schmuddelecke des Internets und sucht dafür die Unterstützung von Künstlern, Musikern und Filmemachern, um mehr legale Inhalte anbieten zu können.

Das neuste Projekt von BitTorrent heißt Children of the Machine und ist eine achtteilige Science-Fiction-Serie. Das heißt, sie soll es einmal sein. Zurzeit wird von Children of the Machine nämlich nur der Pilot produziert, den es im Winter exklusiv und kostenlos als Torrent geben soll. Danach liegt es an den Nutzern: Wenn 250.000 der zurzeit rund 170 Millionen aktiven BitTorrent-Nutzer die Serie mit jeweils 9,95 US-Dollar unterstützen, soll die komplette Staffel in Produktion gehen. Wenn nicht, dann eben nicht.

Der Regisseur und Drehbuchautor Marco Weber spricht von dem Projekt als einer "perfekten Mischung aus Netflix und Kickstarter": Kickstarter, weil die Serie per Crowdfunding entsteht. Netflix, weil BitTorrent damit exklusive Originalinhalte anbietet, wie es Netflix mit Serien wie House of Cards bereits sehr erfolgreich tut. BitTorrent wäre in diesem Fall sowohl Finanzierungs- als auch Vertriebsplattform – eine interessante Mischung.

100 Millionen Bundles

Die Verbreitung der Serie soll über die sogenannten Bundles geschehen, die BitTorrent seit vergangenem September anbietet. Ein Bundle kann Musik, Texte und Videos, aber auch Computerprogramme oder Spiele enthalten. Künstler können ihre eigenen Bundles erstellen und sie über die Website von BitTorrent anbieten, entweder kostenlos, gegen die Angabe einer E-Mail-Adresse oder, und das ist neu, eben gegen einen von den Künstlern festgesetzten Geldbetrag wie im Fall von Children of the Machine. Einen kleinen Teil der Einnahmen behält die Plattform für sich.

100 Millionen legale Bundles sollen die BitTorrent-Nutzer inzwischen heruntergeladen haben. Madonna, Moby und der Komiker Eddie Izzard haben mit der Plattform experimentiert. Der Vorteil gegenüber Downloadplattformen wie etwa iTunes liegt in der Kontrolle, die sie den Künstlern bietet. Durch die Technik entfallen zudem die Kosten für Server und Bandbreite – die Inhalte liegen ja auf den Rechnern der Nutzer. BitTorrent-Bundles sind also ein weiterer Weg, Unterhaltungsinhalte an das Publikum zu bringen, ohne dafür auf einen Mittelmann angewiesen zu sein.

BitTorrent steht der eigene Name im Weg

Das Unternehmen hatte bereits 2008 einen Vorstoß in die Unterhaltungsindustrie gewagt. Das BitTorrent Entertainment Network bot als On-Demand-Portal Filme und Serien gegen eine Gebühr zum Download. Obwohl das Protokoll schnellere Downloads als die damaligen Konkurrenten versprach, konnte es sich gegen iTunes und Netflix nicht durchsetzen, zu mager war das Angebot an Filmen und Serien für den damals gewünschten Preis. Inzwischen fragt BitTorrent vor allem in der Independent-Szene nach neuen Inhalten.

Doch auch der Erfolg von Children of the Machine ist alles andere als sicher. Bis jetzt konnte die Facebook-Seite gerade einmal knapp 200 Likes sammeln. In den Kommentaren des Branchenblogs Torrentfreak überwiegt die Skepsis. Ob die Sache funktioniere oder nicht, wisse er in etwa vier bis sechs Wochen, sagt der Regisseur Marco Weber. 

Dass es funktionieren kann, zeigt der Erfolg der Serie Pioneer One. Die wurde im Jahr 2010 über die Plattform VODO vertrieben, die ebenfalls auf Torrents basiert. Zum Ende der Staffel hatte die Serie fast 100.000 US-Dollar von Zuschauern eingenommen. Der Unterschied zu Children of the Machine bestand darin, dass die Serie von Beginn an komplett und kostenlos zum Download stand und nicht vorfinanziert werden musste.

Google Chrome blockt uTorrent

Das größte Hindernis für BitTorrent könnte am Ende der eigene Name und die Geschichte sein. Denn so lange es Seiten wie The Pirate Bay gibt, die Torrents zwar nicht ausschließlich, aber vor allem für illegale Inhalte anbieten, wird der Name BitTorrent mit unrechtmäßigem Filesharing gleichgesetzt. Ob daran exklusive Inhalte etwas ändern können, ist fraglich. Zumal auch alternative Plattformen wie VHX, VODO, Vimeo oder Bandcamp unabhängige Künstler locken, indem sie ihnen mehr Freiheit geben.

Und so könnte das Unternehmen BitTorrent so enden wie Napster. Die Tauschbörse wurde nach dem Rechtsstreit im Jahr 2001 in eine Plattform für legale Musikdownloads umgewandelt. Wirklich erfolgreich war sie trotz mehrerer Übernahmen im Vergleich zur Konkurrenz aus dem Hause Apple und Amazon nicht. Zu wenige neue Nutzer kamen angesichts des zwielichtigen Rufs des Dienstes. Viele alte Nutzer dagegen wollten ohnehin nicht für Musik bezahlen und sahen sich nach Alternativen um. Sie fanden sie unter anderem in den Torrent-Börsen.

Dass BitTorrent noch immer mit seinem Image kämpft, zeigen die jüngsten Entwicklungen: Erst gestern kam heraus, dass die neuste Version von Googles Chrome-Browser den Download des beliebtesten Torrent-Clients uTorrent mit einem Warnhinweis blockiert. Das Programm sei schadhaft, meldet der Browser.