Es geht hier immer um die Zukunft, mindestens, drunter macht es keiner. Draußen an den Scheiben des "Institute for the Future" in Palo Alto kleben zwei Zitate: "Jede brauchbare Behauptung über die Zukunft sollte erst einmal lächerlich klingen", sagt der Futurologe Jim Dator. "Die Zukunft hat gestern begonnen, und wir sind schon spät dran", sagt der Musiker John Legend.

Drinnen, im Kellergeschoss, erklären Brienne und Alston Ghafourifar, warum die Zukunft ihnen gehört. Die Geschwister, Kinder einer iranischstämmigen Unternehmerfamilie, sind 19 und 22 Jahre alt, und ihre Start-up-Firma Entefy, die im Zukunftsinstitut ein Großraumbüro belegt, ist "das schnellste, sicherste und leistungsfähigste Kommunikationstool der bisherigen Geschichte und möglicherweise des gesamten Universums". Sagt Alston. Und Brienne fügt grinsend hinzu: "Wir versuchen nur, ehrlich zu sein."

Die Ghafourifar-Geschwister sind so etwas wie das personifizierte Silicon Valley. Ihr Traum begann – natürlich – in einem Café, ihren Businessplan kritzelten sie – natürlich – auf eine Serviette. Die Idee: Wäre es nicht total awesome, wenn sich deine gesamte Online-Kommunikation, alle deine E-Mails, Social-Media-Nachrichten, Tweets, SMS und der ganze andere Kram in einer einzigen App bündeln ließen? Zwei Jahre ist das her, beide Geschwister hatten da schon ihre Collegeabschlüsse in der Tasche. Brienne, die jüngere Schwester, ging wenig später als erste Amerikanerin in die Geschichte ein, die bereits als 17-Jährige die erste Dollarmillion Risikokapital für ihr Unternehmen beisammen hatte. Heute, ein paar Investitionsrunden später, hat Entefy gut vier Millionen Dollar eingeworben, die Geschwister führen 35 Mitarbeiter, verteilt auf drei Kontinente, und ihre universumsdominierende Super-App, die noch in der Entwicklungsphase ist, wollen sie Ende des Jahres freischalten. Trotz alledem tragen sie – natürlich – Jeans und T-Shirts, wie es Start-up-Gründer im Silicon Valley nun einmal tun.

Wer den beiden eine Weile zuhört, fragt sich unweigerlich, aus was für einem Holz man wohl geschnitzt sein muss, um als derart junger Mensch derart selbstbewusst und eloquent und unbeirrbar auftreten zu können. Entefy, so viel scheint sicher nach dem Gespräch, dürfte der nächste ganz große Durchbruch im Silicon Valley werden. Oder der nächste schnell vergessene Flop. Eins von beiden ganz bestimmt.

Draußen vor den Türen des Zukunftsinstituts liegt Palo Alto, der Geburtsort des Silicon Valley. Die legendäre Garage, in der William Hewlett und David Packard 1939 den Elektronikkonzern HP gründeten, beherbergt heute ein kleines Privatmuseum, nicht weit davon entfernt steht das Wohnhaus, in dem vor drei Jahren Apple-Gründer Steve Jobs starb, im Süden der Stadt erstreckt sich der Campus der Eliteuniversität Stanford, die das Silicon Valley Jahr für Jahr mit neuen Wirtschafts- und Informatikabsolventen versorgt. Allein in Palo Alto gibt es derzeit mehr als 7.000 Tech-Firmen, im gesamten Tal dürfte ihre Zahl ins Sechsstellige gehen. Die meisten sind junge Start-ups wie Entefy, deren Gründer davon träumen, das nächste Facebook zu werden, das nächste WhatsApp, das nächste Uber, das nächste Milliarden-Dollar-Ding. Woran die allermeisten scheitern werden.

Schon zwei Fernsehserien drehen sich um das Silicon Valley

Es ist im Grunde nicht der zweite, sondern schon der dritte Goldrausch, der die kalifornische Pazifikküste erfasst. Wo vor gut 150 Jahren Siedler nach Nuggets gruben und vor gerade einmal 15 Jahren die Dotcom-Blase platzte, ist der Traum vom schnellen Reichtum heute wieder so allgegenwärtig, dass er bereits Stoff für zwei Fernsehshows liefert. Amazon produzierte 2013 die Start-up-Satire Betas, auf HBO startete diesen April die erste Staffel von Silicon Valley, einer Comedy-Serie, die sich um fünf junge Programmierer dreht. Ihr Erfinder ist der Regisseur Mike Judge, der selbst einmal Software-Entwickler im Silicon Valley war, bevor er auf Filmemacher umsattelte und mit der MTV-Serie Beavis and Butt-Head berühmt wurde. Er habe, erzählt Judge am Telefon, als Programmierer nur den Dotcom-Boom der 90er Jahre miterlebt, den zweiten kalifornischen Goldrausch sozusagen. Weil heute, beim dritten, vieles anders laufe, habe er vor Drehbeginn in der Start-up-Szene recherchiert. Der überraschendste Befund? "Dass mit noch mehr Geld herumgeworfen wird, als ich dachte", sagt Judge. "Ich kann die Milliardäre, die ich inzwischen kenne, gar nicht zählen."

Auch seien die neuen Internet-Reichen ein ziemlich anderer Menschenschlag als der bisherige amerikanische Geldadel. "Früher waren die Superreichen klassische Alpha-Männer, Typen wie die Rockefellers", sagt Judge. "Heute trifft man bei den einschlägigen Entwicklerkonferenzen introvertierte Nerds, die vor ihren Auftritten so aussehen, als müssten sie vor Nervosität gleich kotzen. Und bei den großen Tech-Partys stehen oft die Frauen gelangweilt neben der Tanzfläche, während die Typen im Nebenzimmer Videospiele spielen."