Apple hat seinen 500 Millionen Kunden das neue Album von U2 geschenkt. Noch während die große Show in Cupertino am Dienstag über die Bühne ging, stellte Apple das Album mit dem Titel Songs of Innocence in die Musikbibliotheken aller iTunes-Nutzer. Ob die das nun wollten oder nicht. Alle anderen werden es erst Mitte Oktober kaufen können, bis dahin ist Apple der exklusive Vertriebspartner der Band und ihrer Plattenfirma Universal.

Wer Apple, die Band oder gleich beide hasst, sprach von Zwangsbeglückung. Oder von Malware im iTunes-Konto. Oder, oder, oder. Gelästert und geschimpft wurde jedenfalls reichlich, mittlerweile kursieren Anleitungen, wie sich das Album aktiv ignorieren lässt – komplett löschen lässt es sich nämlich nicht.

Mit der Aktion deutet Apple aber möglicherweise auch an, wie es sich den Musikvertrieb der Zukunft vorstellt.

Da wäre erstens der Übergang von Downloads zum Streaming, der in der Branche schon vor Längerem registriert wurde. Der Umsatz in iTunes lässt nach, Apple muss also seine Streamingdienste iTunes Radio und Beats Music stärken. Die Songs of Innocence sind deshalb auch dort zu hören, noch nicht aber auf anderen Streamingplattformen wie Spotify.

Seit August gehört Beats offiziell zum Unternehmen, Apple hatte den Kopfhörerhersteller mitsamt seines Streamingangebots für gut drei Milliarden Dollar gekauft und wird Letzteres kräftig ausbauen. U2 ist vielleicht nicht die hippeste, aber immer noch eine der bekanntesten Bands auf dem Planeten und Apple seit Jahren eng verbunden. Das Unternehmen braucht Stars von diesem Kaliber, und das am besten exklusiv, um Beats Music attraktiver als Spotify und andere Konkurrenten zu machen.

Nur dann kann Apple genug Abonnenten locken, um mit Streaming so viel zu verdienen wie bisher mit Downloads. Der Verkauf von einzelnen Titeln oder Alben ist schlicht lukrativer, als eine Streamingflatrate für eine monatliche Gebühr anzubieten.

Zweitens könnte Apple versuchen, selbst zu einer Art Plattenfirma zu werden, um sich Einnahmen nur noch mit den Künstlern und nicht mehr mit einer dritten Partei teilen zu müssen. Das Wirtschaftsmagazin Forbes glaubt, dass es so kommen wird. Die U2-Aktion zeige, wie das in Zukunft aussehen könnte.

So hat Apple die Band bis Mitte Oktober "freigekauft". Universal und die Musiker bekommen dafür eine Summe in unbekannter Höhe. Das Album ist also kein Geschenk von U2 an Apple, sondern eines von Apple an seine Kunden. 

Apple als einzige legale Quelle für neue Musik

Solche oder noch weitergehende Deals kann sich Apple problemlos leisten. Das Unternehmen hat Bargeldreserven in Höhe von rund 160 Milliarden US-Dollar, es könnte damit eine ansehnliche Liste von Stars aus ihren laufenden Verträgen herauskaufen. Was im Fußball geht, ist auch in der Musikbranche denkbar. Mit Jimmy Iovine hat Apple nach der Beats-Übernahme auch einen erfahrenen Musikproduzenten und -unternehmer in seinen Reihen, er wäre die logische Besetzung für den Chefposten im Apple-Label.

Verschenken würde Apple neue Alben dann nicht mehr. So wie Samsung im vergangenen Jahr das Album Magna Carta Holy Grail von Jay-Z zunächst exklusiv an eine Million Besitzer von Samsung-Smartphones verkaufte, wäre auch Apple die einzige (legale) Quelle für neue Werke angesagter Künstler.

Vorübergehende Exklusivität

Der US-Unternehmer und Blogger Jason Calacanis hält auch ein etwas anderes Modell für möglich: Apple könnte sich einfach jeden Monat die Exklusivrechte an den fünf wichtigsten Alben sichern und dafür pro Album 20 Millionen Dollar an die entsprechenden Labels zahlen. Nach einem Monat würden die Deals enden, neben Apple dürften dann auch andere die Alben verkaufen oder streamen. So müsste sich Apple nicht um die Künstler und die Musikproduktion kümmern, sondern nur um Vertrieb und Marketing.

Vielleicht liegen Forbes und Calacanis auch einfach falsch und Apple will auf absehbare Zeit kein eigenes Label gründen. Aber einen Mangel an Ambitionen sollte man Apple-CEO Tim Cook nicht vorwerfen. Wenn er in den kommenden Monaten schon den Smartwatch-Markt umwälzen will sowie das Bezahlen mit Bargeld und Kreditkarte abschaffen, warum sollte er dann nicht auch noch die Musikindustrie aufschrecken wollen, wenn es sich gerade anbietet?