Laut einer aktuellen Studie von Comscore haben die Deutschen aufgehört, neue Apps auf ihren Smartphones zu installieren. Zwar verbringen die Nutzer immer noch viel Zeit mit ihren Tablets und Smartphones, doch nur die wenigsten sind an stetig neuen Programmen interessiert. Zwei Drittel der Befragten über 18 Jahre installierten im Monatsdurchschnitt keine einzige neue App, 20 Prozent beließen es bei ein bis zwei Apps.

Den globalen App-Markt scheint das Verhalten der Deutschen nicht weiter zu stören. Wie Apples CEO Tim Cook per Twitter verkündete, brummt das Geschäft mit den Mini-Programmen nur so und der App Store konnte im Juli mehr Umsatz machen denn je. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern 10 Milliarden Dollar an Entwickler ausgeschüttet – so viel wie in den fünf Jahren zuvor. Auch die Android-Konkurrenz Google Play entwickelt sich prächtig.

Doch profitieren tut nur eine Minderheit: 90 Prozent der Umsätze gehen laut dem Marktforschungsunternehmen Vision Mobile an 12 Prozent der App-Anbieter. Und sieben von zehn App-Entwicklern verdienen nicht genug, um damit ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Das zeigt: Das wilde Wachstum der Branche ist vorerst vorbei. Waren die ersten Jahre noch durch die Hoffnung auf plötzlichen Reichtum geprägt, müssen nun vor allem kleine Entwickler zusehen, dass sie ihre Arbeit bezahlt bekommen.

Die App-Lotterie ist vorbei

Die sogenannte App-Economy hat den Softwaremarkt umgekrempelt. Statt komplexe Softwarepakete für 50 Euro oder mehr zu verkaufen, werden die kleinen Apps zu Schleuderpreisen oder gleich umsonst angeboten. Die Masse macht es und kann Entwickler mit einer pfiffigen Idee plötzlich zu Millionären machen. Wer einmal die Spitze der App-Charts erklommen hat, wird von der Nachfrage überschwemmt.

Die Chance auf den Hauptgewinn zog viele an: "App-Entwicklung ist, als ob man Lotto spielt – solange es die Chance auf einen großen Gewinn gibt, werden die Leute spielen", erklärt Stijn Schuermans vom Marktforschungsinstitut Vision Mobile. Der Lotterievergleich kommt nicht von ungefähr: Denn nicht einmal Brancheninsider können vorhersagen, welche App das Potenzial zum Selbstläufer hat.

Apple sagt, der eigene App Store habe alleine in der Europäischen Union mit seiner Plattform 629.000 Jobs geschaffen. Insgesamt sollen in der EU eine Million Arbeitsplätze durch Apps hinzugekommen sein. Mitgezählt werden aber auch Arbeitsplätze, die nur sehr mittelbar mit dem App-Geschäft zu tun haben. EU-Kommissarin Neelie Kroes zeigt sich auf Twitter begeistert: "Welcher andere Sektor wächst schon um 25 Prozent pro Jahr?"

Wie weit kommt man mit zwei Euro?

Zum Durchbruch der Apps sorgte auch die verbraucherfreundliche Politik der Plattformen. Hatten Hersteller von Desktop-Software noch mit großem Aufwand verhindert, dass man ein einmal bezahltes Programm auf zwei Rechnern installiert, können Smartphone- und Tablet-Nutzer ein einmal bezahltes Programm auf nahezu beliebig vielen Geräten installieren.

Doch wie lange kann man von einem Kaufpreis von zwei oder drei Euro eine aufwändige Software weiterentwickeln? Schließlich müssen die Apps ständig für neue Geräte, Auflösungen und Betriebssystem-Versionen angepasst werden. Solange ständig neue Käufer hinzukommen, rechnet sich das.

Die Entwickler der verschlüsselten Whatsapp-Alternative Threema etwa können derzeit von dem neuen Bewusstsein um Datenverschlüsselung profitieren. Der Nachrichtendienst hat nach eigenen Angaben derzeit drei Millionen Nutzer, die meisten im deutschsprachigen Raum. Angesichts dieser Zahlen lohnt die Weiterentwicklung der App und der Unterhalt der Server. "Der Einmal-Beitrag deckt die zu erwartenden Betriebskosten für die durchschnittliche Nutzungszeit", erklärt Threema-Gründer Martin Blatter gegenüber ZEIT ONLINE.

Nach Ablauf dieser Zeit muss sich Blatter jedoch nach neuen Finanzierungsquellen umsehen. Zwar sei der Unterhalt der Infrastruktur sehr günstig, aber: "Wir schließen jedoch nicht grundsätzlich aus, künftig Plug-ins mit neuer Funktionalität kostenpflichtig anzubieten." Die Deutsche Post ist bei ihrem verschlüsselten Messenger gleich den Weg über kostenpflichtige Plug-ins gegangen.