Ein einziges Mal in ihrem Leben fühlte sich Gabriela S. als Ostdeutsche diskriminiert. Das war, als sie im Jahr 2011 eine Bewerbung von einem westdeutschen Arbeitgeber zurückerhielt. Jemand hatte "Ossi" darauf geschrieben und daneben ein Minuszeichen. 

Gabriela S. klagte. Sie argumentierte vor dem Arbeitsgericht, sie sei nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ethnisch diskriminiert worden. Sie verlor. Ostdeutsche seien keine Ethnie, urteilte das Gericht. Deswegen habe es auch keine ethnische Diskriminierung gegeben.

Folgenlos aber blieb S.' Kampf nicht. Der Fall ist in Googles Gedächtnis eingezogen. Deswegen findet nun, wer "Sind Ostdeutsche" in die Suchmaschine eingibt, die Frage, die das Gericht vor Jahren verneinte: Sind Ostdeutsche eine Ethnie? Code sei Dank – die Frage bleibt im öffentlichen Raum.

Googles Vorschlagsfunktion Auto Suggest, das stellte auch Bettina Wulff schon fest, kann die Wahrnehmungen vieler Menschen verändern. Der Algorithmus funktioniere nach objektiven Kriterien, sagt das Unternehmen. Der individuelle Suchverlauf eines Google-Nutzers ist so ein Kriterium. Eine Rolle spielt auch, wie oft die Google-Nutzer insgesamt in der Vergangenheit nach einem Begriff oder einer Aussage gesucht haben. Demnach spiegelt Google also bestehende Vorurteile und Diskurse. Oder?

Ostdeutsche und die Unterschicht

Michael Wolffsohn ist ein streitbarer und umstrittener Historiker. In Erinnerung geblieben ist der emeritierte Professor der Bundeswehr-Universität in München mit der Forderung, gegen Terroristen Folter anzuwenden. Franz Müntefering hat er einmal wegen seines Heuschreckenvergleichs Antisemitismus vorgeworfen. Der Mann kann raufen. Doch dass er die Ostdeutschen pauschal als Unterschicht bezeichnet habe, weist er von sich. "Nie und nirgends" habe er das behauptet.

Das ist inzwischen auch egal, denn auch die Aussage "Ostdeutsche sind Unterschicht" gehört zu Googles Vervollständigungsangebot. Und wer darauf klickt, findet immer wieder Verweise auf Wolffsohns 2009 geäußerte Warnungen vor einer "Ossifizierung" der Armee, weil sie besonders für ostdeutsche Unterschichten attraktiv sei. Der talkshowgeübte Wolffsohn winkt  ab: "Wer was wie versteht und konserviert, im Internet oder woanders", das könne er nicht steuern.

Doch der Satz ist in der Welt, wie verkürzt und fehlinterpretiert auch immer. Keiner weiß, wie viele von jenen, die "Ostdeutsche sind Unterschicht" anklicken, selbst dieser Ansicht sind. Doch mit jedem Klick steigt das Ranking. Google spiegelt Vorurteile also nicht nur, sondern erhält sie auch und verstärkt sie möglicherweise sogar.

Besser im Bett?

Und es überträgt Übermittlungsfehler mit. Im Jahr 1988 führten die Sexualforscher Kurt Starke und Ulrich Clement eine Untersuchung unter ost- und westdeutschen Studentinnen durch. Ein Ergebnis war, dass die ostdeutschen Frauen damals eine höhere Orgasmusrate angaben als die Westdeutschen. Die Studie erschien in einer Fachzeitschrift.

Wie "Bild" die Ostdeutschen zu Sexmonstern machte

So weit, so interessant. 1990 aber stieß die Bild-Zeitung auf die Studie und machte daraus "Ostdeutsche Frauen bekommen öfter einen Orgasmus". Für Starke ist das der Ursprung der Legende, mit ostdeutschen Frauen habe man besseren Sex. Wer heute bei Google mehr über ostdeutsche Frauen wissen möchte, dem schlägt die Maschine "Ostdeutsche Frauen besser Bett" vor. Von dort aus geht es zu Blogs und Forenbeiträgen, die auf Starkes angebliche Entdeckung verweisen. "Natürlich haben wir das nie so geschrieben", sagt der Wissenschaftler. "Der Satz führt ein Eigenleben."

Wo sind die Vorurteile über die Westdeutschen?

So schillernd die Bilder sind, die Google zu den Ostdeutschen einfallen, so grau sind die der Westdeutschen. "Arroganz" ist das einzige Vorurteil, das die Suchmaschine ausspuckt. Sind die ostdeutschen Vorurteile gegenüber Westdeutschen etwa zurückgegangen? Hat sich nur eins gehalten?

Sicher nicht. Viele Ostdeutsche, das ergab die jüngste Allensbach-Studie, halten die Westdeutschen nicht nur für arrogant, sondern auch für egoistisch, geldgierig und oberflächlich. Warum also spiegelt Google solche Vorurteile nicht?

Für Raj Kollmorgen, Soziologe an der Hochschule Zittau/Görlitz, hat das demografische Gründe. Westdeutsche bildeten die dominierende Masse, das spiegle sich auch bei Google. "Von ihnen aus wird gedacht, geredet, gehandelt und beurteilt." Die Urteile über sie hingegen verlören sich, übrigens auch außerhalb des Netzes.

Gabriela S., die auch vier Jahre nach dem Prozess anonym bleiben möchte, hätte nie gedacht, dass ihr Fall so lange von Interesse bleiben würde. "Ich wollte damals gar nicht wissen, ob wir eine eigene Ethnie sind, sondern nur Bemerkungen wie diese gegen Ostdeutsche verhindern."