Es war im Oktober 2004, als eine neue Linux-Distribution mit einem seltsamen Namen auftauchte: Ubuntu. Bereits zum damaligen Zeitpunkt waren Hunderte verschiedener Linux-Versionen verfügbar. Eine neue mehr oder weniger war nicht weiter unüblich, und tatsächlich geriet Ubuntu nach der ersten leisen Ankündigung schnell in Vergessenheit. Es war eben ein weiteres Linux, das auf Debian basierte.

Heute geht Canonical, das Unternehmen hinter dem Projekt Ubuntu, von etwa 25 Millionen Nutzern aus. Es wäre damit das drittbeliebteste Betriebssystem für PCs der Welt. Nach Canonicals Schätzungen dominiert Ubuntu etwa 90 Prozent des Linux-Marktes. Und es könnten noch mehr werden, wenn Ubuntu demnächst eine mobile Version herausbringt.

Linux-Beobachter erkannten von Anfang an, dass Ubuntu irgendwie anders war. Doch dies ist nicht bloß die Geschichte eines Betriebssystems, das die Nutzer im Sinn hat und einfach zu bedienen ist. Die Reise von Ubuntu umfasst den Mikrokosmos aller großen Linux-Ereignisse des vergangenen Jahrzehnts. Sie fällt zusammen mit der Diskussion um Privatsphäre und Datenschutz, mit der zunehmenden Enttäuschung über Windows, mit der Entwicklung von Servern und mit der Hoffnung auf die Zusammenführung verschiedenster Dienste.

Was bitte ist ein "Ubuntu"?

Von Beginn an verfolgten die Entwickler von Ubuntu einen anderen Ansatz als die übrigen Linux-Distributionen, der sich wohl am besten mit dem damaligen Slogan beschreiben lässt: "Linux für Menschen". Schon das Wort Ubuntu steht für eine ähnliche Idee. Es ist Zulu und bedeutet in der südafrikanischen Philosophie wörtlich genommen Menschlichkeit. Etwas breiter gefasst: Menschlichkeit gegenüber anderen.

Andere Distributionen konzentrierten sich vor allem darauf, was die Entwickler und Unternehmen wollten, und weniger auf gewöhnliche Desktop-Nutzer. Fedora beispielsweise richtet sich bis heute primär an Open-Source-Entwickler. Ubuntu dagegen hat nie Entwickler gejagt. Es war auch nicht daran interessiert, auf möglichst vielen Servern zu laufen. Es ging einzig um die Desktop-Nutzer, von denen es im Oktober 2004 noch deutlich weniger gab, und die Linux-Neulinge. Ubuntu sollte Windows die "normalen" Nutzer abluchsen.

Das war jedenfalls der Plan von Mark Shuttleworth. Der südafrikanische Unternehmer hatte 1999 seine frühere Firma Thawte für 579 Millionen US-Dollar verkauft. Nach einem Flug ins All gründete er Canonical und begann die Arbeit an Ubuntu. In seiner ersten Ankündigung sprach er von "einer neuen Linux-Distribution, die die Vielseitigkeit von Debian mit einer einfachen und schnellen Installation und einer Auswahl exzellenter Anwendungen verknüpft".

Linux für jedermann

Diese Ansprüche gelten bis heute – sie waren es, die Ubuntu an die Spitze der Linux-Charts brachten. Das wichtigste für Linux-Neulinge war und ist bis heute die einfache Installation.

Bis 2004 war es gar nicht so schwer, etwa Debian zu installieren – sofern man sich mit Linux auskannte. Doch für jemanden, der Windows XP oder Mac OS gewohnt war, war Linux zumindest einschüchternd. Ubuntu dagegen war ebenso einfach zu installieren wie die Betriebssysteme von Microsoft und Apple: CD ins Laufwerk, Doppelklick auf den Installer, Anweisungen befolgen. Als der bekannte Apple-Unterstützer und frühere IBM-Entwickler Mark Pilgrim zu Linux wechselte, wählte er Ubuntu. Damals witzelte er, Ubuntu sei der afrikanische Ausdruck für "kann kein Debian installieren".

Der Fokus auf Neulinge bedeutete, dass Ubuntu Dinge schätzte, die erfahrene Linux-Nutzer schmähten, etwa grafische Installer, polierte Themes und designtechnische Details wie das Rendern von Schriften. Der Autor Andrew Forgue schrieb damals, dass Ubuntu mit seinem neuen Desktop und multikulturellen Ansatz nah dran sei am "Heiligen Gral von Linux".

Ubuntu brachte aber noch etwas mit, das damals selten war in der Welt der Freien Software: Humor. Während Mark Shuttleworths Pläne für Ubuntu zweifelsfrei ernst gemeint waren, sollte man den Projektnamen der ersten Version nicht vergessen: Warty Warthog, warziges Warzenschwein – eine Anspielung auf die Ecken und Kanten, die jede neue Software mitbringt. Bis heute sind die augenzwinkernden Namen ein Markenzeichen von Ubuntu. Die gestern veröffentlichte neueste Version heißt Utopic Unicorn, utopisches Einhorn.