Nichts lädt mehr zu Verschwörungstheorien ein als ein Hack dieser Größenordnung. 100 Terabyte an Daten haben Diebe aus dem System von Sony Pictures Entertainment (SPE) kopiert, ein gewaltiger Raubzug. Und eine gewaltige Blamage für ein Unternehmen, dessen Sicherheitsvorkehrungen, freundlich gesprochen, etwas lax waren.

Bislang gibt es keine belastbaren Beweise dafür, wer hinter dem Angriff steckt. Zwar beschuldigt die amerikanische Bundespolizei FBI Nordkorea, Urheber der Attacke zu sein. Doch die Belege dafür sind dünn, die Ermittler stützen sich lediglich auf schwache Indizien.

SPE und der ganzen Filmindustrie kommt dieser Verdacht jedoch gut zupass. Denn er lenkt vom eigenen Versagen ab. Das Unternehmen ist zwar fahrlässig mit der Sicherheit seiner internen Dokumente umgegangen. Aber ist es jetzt nicht Opfer eines gewaltigen staatlich gelenkten Angriffs geworden? Eines hochgefährlichen Feindes, der immerhin Atomwaffen baut und sie, mindestens propagandistisch, gegen die Vereinigten Staaten richtet?

Spätestens seit der vorläufigen Absetzung des Films The Interview wird der Hack zu einem ideologischen Kampf überhöht zwischen Gut und Böse, Meinungsfreiheit und Zensur, amerikanischem Freiheitswillen und nordkoreanischem Unterdrückerregime. So sprach Präsident Barack Obama davon, man könne nicht akzeptieren, dass irgendein Diktator in den USA Zensur ausübt. Und immer ist SPE das Opfer: Erst der Hacker, dann der ängstlichen Kinobetreiber, die den Film nicht mehr zeigen wollten.

Sicherheitsfachleute bleiben skeptisch

Auf diese Weise kann sich SPE sogar als Kämpfer für die freie Welt stilisieren, der vor keiner Gedankenpolizei in die Knie geht. Nicht zufällig betont Konzernchef Michael Lynton, SPE sei nicht wegen der Anschlagsdrohung eingebrochen, sondern habe an der Veröffentlichung von The Interview festgehalten – bis die Kinobetreiber aufgegeben hätten.

Kühl betrachtet, könnten sich hinter den jüngsten Entscheidungen aber auch einfache ökonomische Motive verbergen:

Für die amerikanischen Kinobetreiber sind die zwei Wochen um Weihnachten und den Jahreswechsel die lukrativste Zeit des Jahres. 2013 setzten sie im Dezember rund eine Milliarde Dollar um. Da soll die Zuschauer nichts davon abhalten, in die großen Multiplex-Kinos zu kommen – und sei die Sorge auch noch so irrational. Denn alle wissen ja darum, wie nervös die amerikanische Seele wird, wenn das Wort Terrorismus fällt. Und hier geht es nicht um eine zweitklassige Satire, sondern um Blockbuster wie den Hobbit oder Exodus.

Ähnlich denken sicher auch andere Filmproduzenten. Kino muss schön sein, aufregend, darf aber auf keinen Fall bedrohlich wirken. Dass New Regency nun die Produktion des Thrillers Pjöngjang von Regisseur Gore Verbinski gestoppt hat, in dem Steve Carell einen Mann verkörpern sollte, dem in Nordkorea Spionage vorgeworfen wird, muss nicht zwangsweise als Reaktion auf die Angst vor Angriffen gedeutet werden. Ebenso möglich ist, dass die Sorge vorherrschte, mit dem Film nun nicht mehr genug Geld verdienen zu können.

SPE muss schließlich davon ausgehen, dass The Interview ohnehin kein allzu großer Kinoerfolg mehr wird. Denn würde der Film nur in wenigen mutigen Kinos anlaufen, würde die Besucherzahl wohl zu gering ausfallen, um andere Filmtheater zur Nachahmung zu verleiten. Da ist es sinnvoller, auf die Ausfallversicherung zu setzen.

So wird die Nordkorea-These zum idealen Argument für alle Beteiligten – selbst wenn Fachleute für digitale Sicherheit skeptisch bleiben. Der Berliner Sicherheitsfachmann und Technikphilosoph Sandro Gaycken urteilt beispielsweise, den Sony-Hack hätten auch Teenager oder Kleinkriminelle durchziehen können. Diese These lässt sich ebenfalls nicht beweisen. Sie ist aber ebenso wahrscheinlich wie die Nordkorea-These. Nur für SPE wäre sie noch peinlicher. Da passt ein Diktator vom Ende der Achse des Bösen schon besser ins Bild.