Genau 345.169.134 Links sollte Google im vergangenen Jahr aus seinem Suchindex entfernen, weil sie angeblich auf urheberrechtlich geschützte Inhalte führen. So viele waren es noch nie. Zum Vergleich: Bis einschließlich 2008 bekam Google höchstens ein paar Hundert sogenannter takedown requests nach dem zugrundeliegenden Gesetz, dem Digital Millenium Copyright Act (DMCA).

Wie kommt dieser Anstieg von einer Handvoll Links auf 345 Millionen zustande? Wer ist schuld daran? Und was sagt er über die technische, rechtliche und gesellschaftliche Entwicklung des Internets aus?

Zunächst zur Datenbasis: Google selbst veröffentlicht in seinem Transparenzbericht jede Woche die Anzahl der URLs, die Rechteinhaber aus dem Suchindex entfernt haben wollen. TorrentFreak hat diese Zahlen für 2014 addiert und kam so auf 345.169.134. Die Vergleichszahlen aus den Jahren 2008 bis 2012 stammen aus einem Paper von Daniel Seng von der Stanford Law School.

Seng hat einen Crawler über die Seite ChillingEffects.org geschickt, auf der Google (und andere) solche Löschanträge dokumentieren, und mit Daten aus Googles Transparenzberichten abgeglichen. Zwar listet Seng nicht explizit die Zahl der betroffenen URLs auf, sondern die der gestellten Anträge. Aber seinen Angaben zufolge enthielten die Anträge bis 2008 praktisch immer nur eine Internetadresse, die aus dem Suchindex entfernt werden sollte. Heute können Rechteinhaber bis zu 10.000 Adressen in einen einzigen Antrag an Google schreiben.

Laut DMCA muss Google schnell reagieren

Nun zu den Ursachen für die gewaltige Zunahme von takedown requests (übrigens nicht nur bei Google). Eine davon ist die technische Infrastruktur: Die Verbreitung von Peer-to-Peer-Netzwerken bei gleichzeitigem Breitbandausbau haben das illegale Filesharing stark vereinfacht. So konnten Filehoster, Tauschbörsen und Torrent-Tracker wie Megaupload und The Pirate Bay entstehen und weltweit bekannt werden. Hinzu kommen unzählige kleinere und größere Websites wie kinox.to, auf denen geschütztes Material zum Download angeboten oder gestreamt wird.

Der zweite Grund ist der Hang der Rechteinhaber insbesondere aus der Musik, der Film- und der Pornoindustrie, ihre alten Geschäftsmodelle auch in Zeiten neuer Technik bewahren zu wollen. Viele haben es versäumt, attraktive legale Angebote zu schaffen. Statt Musik, aber auch Filme und Serien frühzeitig und international zum kostenpflichtigen Download anzubieten oder vergleichbare Modelle zu entwickeln, haben sich viele auf den Kampf gegen die Urheberrechtsverletzer konzentriert. 

Die besondere Rolle von Google

Eine neue Branche ist entstanden, in der Unternehmen im Auftrag der Rechteinhaber nach Links im Netz fahnden und diese melden, Torrents überwachen und in vielen Fällen auch mit Abmahnanwälten zusammenarbeiten. Der Erfolg ist dennoch überschaubar: Die Seiten wachsen schneller nach, als sie vom Netz genommen werden.

Google kommt dabei aufgrund seines Marktanteils eine besondere Rolle zu. Der DMCA befreit Unternehmen wie Google von der Haftung für die Urheberrechtsverstöße ihrer Nutzer, sofern sie sich bemühen, entsprechende Inhalte oder Links zu entfernen – wenn die Rechteinhaber sie darauf hinweisen. Und weil die allzu oft auf wenig kooperative Serverbetreiber stoßen und die illegalen Angebote nicht aus dem Netz verbannt bekommen, wenden sie sich an Google. Über die populärste aller Suchmaschinen finden eben auch besonders viele Nutzer die illegalen Angebote. 

Sonderzugang für besonders Beschwerdefreudige

Der dritte Grund für den Anstieg der takedown requests liegt bei Google selbst: Anfangs konnten sich die Rechteinhaber nur per Brief, Fax oder E-Mail an Google wenden, wenn sie Links aus dem Suchindex löschen lassen wollten. Mit der Einführung eines Webformulars, das heute so aussieht, wurde das Verfahren wesentlich einfacher. In dem Formular können Rechteinhaber bis zu zehn Werke und jeweils bis zu 1.000 Links zu diesem Werk auflisten. Im für sie besten Fall entfernt Google aufgrund eines einzigen Antrags 10.000 URLs aus seinem Index.

Rechteinhaber, die besonders viele Verstöße melden, können zudem noch ein anderes Formular verwenden, das den Meldeprozess weiter vereinfacht. Trusted Copyright Removal Program (TCRP) heißt das öffentlich wenig bekannte Angebot. Anfragen, die über diesen speziellen Weg eingehen, sind aber in den Zahlen von Googles Transparenzberichten enthalten, wie ein Sprecher bestätigt.

Kuriose Kollateralschäden

Das Unternehmen verarbeitet jede Anfrage nach eigenen Angaben in durchschnittlich weniger als sechs Stunden. Weil Google aber mittlerweile fast eine Million Links pro Tag überprüfen muss, passieren auch Fehler. Zuletzt hat es zahlreiche Entwickler und Programmierer erwischt, die ihre Projekte auf Github veröffentlicht haben. Vertreter der Pornoindustrie hatten von Google die Löschung diverser Links aus dem Suchindex verlangt, weil die Projektnamen in den URLs eine mitunter weit hergeholte Ähnlichkeit zu Titeln von Sexfilmen hatten. 

Google prüfte die Beschwerden offenbar nicht oder nicht genau genug und entfernte die Links zu den Projekten, obwohl sie vollkommen legal sind und zum Teil von Unternehmen wie Netflix und Yahoo kommen. Ein weiterer Nebeneffekt: Je häufiger eine Website von takedowns betroffen ist, desto niedriger wird sie von Google in seinem Index bewertet. Unberechtigte takedowns könnten somit legalen Angeboten wie Github schaden.   

Zwar dürften die meisten Anträge von Rechteinhabern legitim sein. Und Google kann man auch nicht ernsthaft den Hang zur Zensur vorwerfen – kein Suchmaschinenbetreiber verkleinert freiwillig seinen Index. Aber Kollateralschäden wie die Github-Projekte werfen hin und wieder ein Schlaglicht auf die Prozesse, die sich hinter Zahlen wie 345.169.134 verbergen.