Diese gefälschten Führerscheine wurden von den US-Behörden abgefangen. © US Attorney, Southern District of New York

Die Website Daily Dot hat im Dezember eine Liste des kompletten Beweismaterials veröffentlicht. Die Jury in New York muss im zunächst für vier Wochen angesetzten Prozess entscheiden, was sie daraus macht. So übermächtig die Beweise scheinen – leicht wird der Prozess nicht. Ulbrichts Anwalt ist Joshua Dratel, der in der Vergangenheit Insassen von Guantanamo und Angehörige von Terroristen verteidigt hat. Finanzielle Unterstützung bekommt Ulbricht von Bitcoin-Investor Roger Ver, zudem konnte er bereits über 300.000 US-Dollar über Spenden einnehmen.

Schon in den Wochen vor dem Prozess versuchten Ulbricht und sein Team, die Screenshots aus Chats und Foren aus der Beweissammlung zu entfernen. Sie seien zu leicht zu fälschen. Zudem soll die Jury sämtliche Dokumente schriftlich ausgehändigt und nicht vorgelesen bekommen. Damit möchte man vermeiden, dass etwa eine falsche Intonation die Meinung der Jury beeinflusst.

Die entscheidende Frage der Verteidigung aber betrifft, welche Maßnahmen das FBI ergriffen hat, um die Silk-Road-Server zu enttarnen. Es ist ein zentraler Punkt, denn erst danach konnten sie die mutmaßliche Verbindung zwischen Dread Pirate Roberts und Ross Ulbricht überhaupt herstellen. Sollte das FBI bei dieser Ermittlung unrechtmäßig gehandelt haben, würde die gesamte Anklage zusammenfallen.

Tatsächlich ist unklar, wie das FBI Zugriff bekam. Offiziell soll ein Captcha aus dem offenen Internet die IP-Adresse des Servers dahinter verraten haben. Anschließend konnte man den Standort auf ein Serverzentrum in Island festlegen. Die Experten bezweifeln das. "Die Captcha-Geschichte ist voller Lücken", heißt es im Blog des Sicherheitsexperten Brian Krebs.

Ein Prozess über Anonymität und Überwachung

Ulbrichts Anwälte argumentieren, das FBI hätte unrechtmäßig gehandelt, indem es sich ohne Durchsuchungsbefehl Zugang zu den Servern beschafft hätte und darüberhinaus die elektronischen Aktivitäten ihres Mandanten überwacht hätte. Im Oktober wies das Gericht die Einwände mit einer zweifelhaften Begründung zurück: Ulbricht hätte nicht zugegeben, dass der Server ihm gehört, weshalb es auch kein Eingriff in seine Privatsphäre sei. Aber wie sollte Ulbricht das zugeben, ohne sich selbst zu belasten?

Das FBI selbst schweigt über das genaue Vorgehen. Auch das sorgt für Kritik – und Unbehagen. Seit vergangenen November weitere Onlineschwarzmärkte hochgenommen wurden, gibt es Fragen über die Sicherheit des Tor-Netzwerks. Hat das FBI oder gar die NSA etwa eine Schwachstelle im mutmaßlichen sicheren Netzwerk entdeckt? Die Tor-Entwickler bestreiten das. Doch die Zweifel bleiben.

Am Ende geht es in dem anstehenden Prozess um mehr als die Silk Road. Selbst wenn Ross Ulbricht als Dread Pirate Roberts verurteilt wird, könnte es Folgen für die Zukunft des gesamten Deep Webs haben: Nicht nur für illegale Schwarzmärkte, sondern auch für legale Angebote, für politische Flüchtlinge und Whistleblower. Deren Anonymität steht auf dem Spiel, wenn sich Behörden und Geheimdienste in einem rechtsfreien Raum bewegen können.