Der Computerhersteller Lenovo versucht zu retten, was noch zu retten ist. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass eine auf vielen Lenovo-Laptops vorinstallierte Adware namens Superfish Visual Discovery die HTTPS-Verbindungen der Nutzer gefährdete. Beschwerden über die unerwünschte Software hatte es aber schon seit Monaten gegeben, ohne dass Lenovo darauf reagiert hätte. Die ersten Äußerungen klangen dann auch nicht so, als nehme Lenovo das Problem ernst. Nun will das Unternehmen die Episode so schnell und nachhaltig ausbügeln wie möglich. "Wir sind entschlossen die Situation zu verbessern und in Zukunft sicherere Produkte zu liefern", schreibt Lenovos Technikchef Peter Hortensius in einem offenen Brief. Eine Anleitung zum Entfernen von Superfish und allen dazugehörigen Komponenten hat Lenovo mittlerweile veröffentlicht. 

Wieso Lenovo das Programm überhaupt auf den eigenen Laptops vorinstallierte, lässt Hortensius freilich offen. Die Kernfunktion des Programms ist es, Produktwerbung in Suchmaschinenergebnissen einzublenden. Es gibt wohl nicht viele Nutzer, die sich absichtlich Programme installieren, um mehr Werbung angezeigt zu bekommen. Allerdings gibt es viele Hersteller, die ihren Kunden solche Programme unterschieben.

Gründe, die Software von Drittanbietern vorzuinstallieren, gibt es viele: So wollen sich Hersteller von ihrer Konkurrenz absetzen und ein Produkt anbieten, das attraktiver ist als eine nackte Windows-Installation. Manche Kunden dürften auch durchaus dankbar sein, wenn sie nicht den halben Tag damit verbringen müssen, auf einem neuen Windows-Rechner ein Dutzend Programme zu installieren. Deshalb gehört ein DVD-Player bei vielen Laptops zum Standardrepertoire, ebenso wie eine Datensicherungslösung und ein Anti-Virenprogramm.

Die Grenze des Nützlichen ist aber schnell überschritten. So sind gerade Billig-Computer oft mit zahlreichen Test- und Light-Versionen von Programmen bestückt, die den Kunden verlocken sollen, nach dem Kauf noch einmal Geld auszugeben. Viele Hersteller bieten zum Beispiel für begrenzte Zeit einen kostenlosen Cloud-Speicher an. Wer den Speicher weiter nutzen möchte oder mehr Platz braucht, muss zahlen. Meist werden aber Produkte von Dritten installiert, wie zum Beispiel eine Einjahreslizenz von Microsoft Office.

50 Dollar Aufpreis für einen Laptop ohne zusätzliche Software

Wie viel die Hersteller für solche Lockvogel-Installationen kassieren, ist unbekannt – die Branche gibt sich verschlossen. Die Umsätze dürften aber enorm sein. So verlangte Sony 2008 für Laptops ohne Zusatzinstallationen einen Aufpreis von 50 Dollar – ein Angebot, das bei den Kunden freilich nicht gut ankam. Viele Hersteller hielten sich danach mit den unerwünschten Dreingaben etwas zurück. Ganz ausgestorben ist das Geschäftsmodell nie. Fachleute haben für diese Produkte einen wenig schmeichelhaften Namen: Crapware. Zu deutsch: Mistsoftware.

Die gesunkenen Preise für PCs und Laptops befeuern die Suche nach zusätzlichen Umsatz-Quellen: So rechnet der Guardian vor, dass Asus mit einem fast 400 Dollar teuren PC im Schnitt nur 18 Dollar Gewinn macht, Acer kommt für seine deutlich billigeren Modelle auf nicht einmal fünf Dollar. Und die Preise fallen weiter. Wer mehr zahlt, bleibt von solchen Zugaben verschont: Lenovo etwa legt Wert darauf, dass die deutlich teureren Thinkpad-Laptops ohne Superfish ausgeliefert wurden – ein Indiz dafür, dass der praktische Nutzen von Superfish nicht das Kriterium war, das Programm auf Billig-Laptops zu installieren. Eine Anfrage, ob Lenovo für die Installation Provisionen kassierte, ließ der Konzern bisher unbeantwortet.

Auf mobilen Geräten ist das Modell noch weiter verbreitet

Bei neuen Gerätekategorien wie Smartphones und Tablets haben einige Hersteller jede Zurückhaltung fallen gelassen. Insbesondere Samsung füllt den knappen Speicher seiner Mobilgeräte mit allerhand Software und einem eigenen App-Store. Ergebnis: Beim 16-Gigabyte-Modell des Samsung Galaxy S4 blieben dem Käufer gerade einmal 8,5 Gigabyte für eigene Daten. Eine Studie legt jedoch nahe, dass kaum jemand vorinstallierte Programme wie Samsungs "ChatOn" tatsächlich benutzt.

Selbst Apple muss sich mit einer Sammelklage auseinandersetzen. Die Kläger werfen dem Unternehmen vor, den internen Speicher von iPhones vollzupacken, um mehr Cloudspeicher zu verkaufen.

Wer nicht aufpasst, installiert mehr, als er wollte

Längst haben die Crapware-Anbieter neue Vermarktungskanäle entdeckt. So sind viele kostenlose Programme mit gleich mehreren Umsatzbringern verknüpft – daher muss man sehr genau aufpassen, wenn man neue Programme installiert. Wer sich achtlos durch den Installationsdialog klickt, hat schnell mehrere Programme installiert, die er gar nicht haben wollte. Das Download-Portal Download.com bündelt gar jedes auf der Plattform angebotene Programm mit zusätzlichen "Partnerangeboten", die insbesondere die Voreinstellungen des Browsers manipulieren.

Die Umsätze mit solchen Zusatzprogrammen sind insbesondere für Einzelentwickler lukrativ. Der Entwickler Long Zheng berichtete 2013, dass ihm ein Download-Vermarkter Einnahmen zwischen 90.000 und 120.000 Dollar in Aussicht gestellt habe, wenn er seinen Twitter-Client MetroTwit mit Crapware koppele.

Mozilla kassiert von Suchmaschinenbetreibern

Je mehr Nutzer man hat, desto mehr Geld lässt sich mit ihnen verdienen. So zahlte Google allein im Jahr 2012 rund 280 Millionen Dollar an die Mozilla Foundation, damit die Websuche des Konzerns an erster Stelle im Browser Firefox eingebunden ist. Auch Ebay und Amazon zahlten Millionenbeiträge. Die Kalkulation ist einfach: Je mehr die Nutzer über Google suchen, umso mehr Anzeigen kann Google verkaufen. Inzwischen hat Yahoo den Konkurrenten in den USA aber überboten

Solche Millionendeals wollen andere Anbieter unterlaufen. So versucht beispielsweise Oracle dem Anwender bei jedem Update der Java-Plattform unter Windows eine Toolbar des Werbeanbieters Ask.com unterzujubeln. Eine Petition, in der Oracle aufgefordert wird, diese Praxis zu beenden, ließ das Unternehmen unbeantwortet. Die Nutzertäuschung gehört mitunter zum Geschäftsmodell.