Code ist Kunst, Algorithmen sind eine Ausdrucksform. Wer jetzt nur an den Wust der 40 Millionen Codezeilen in Windows XP denkt, mag das für Unsinn halten. Aber manchmal reichen schon zwei bis sechs Zeilen aus, um die Welt zu verändern. Um solche Beispiele geht es Benjamin Gleitzman und Fernando Cwilich Gil. Sie wollen die Schönheit von Computercode würdigen und veranstalten deshalb die weltweit erste Algorithmen-Auktion.

Geboten werden kann auf sieben Werke, darunter der berühmte "Hello, World"-Programmcode in der Programmiersprache C, geschrieben von Brian Kernighan in den siebziger Jahren. Er dient bis heute als Vorlage für Anfänger: Praktisch jeder, der programmieren lernt, soll als erstes ein Hallo-Welt-Programm schreiben. Weil sich die Bedeutung des Codes an sich schlecht greifbar machen lässt, bekommt der oder die Meistbietende die zwei von Kernighan handgeschriebenen Codezeilen eingerahmt auf säurefreiem Computerpapier. Derzeit steht das Gebot bei 3.000 US-Dollar.

Andere Algorithmen sind weniger bekannt als der von Kernighan. Zum Beispiel der von Chris Coyne, Max Krohn, Sam Yagan und Christian Rudder, den Gründern der Flirtplattform OKCupid. Er gewichtet die Antworten zweier Menschen auf eine Reihe von Fragen je nach der Bedeutung, die beide der jeweiligen Frage und Antwort beimessen. Das Ergebnis ist von zentraler Bedeutung für die Vermittlung passender Partner auf OKCupid. Wer bereit ist, mehr als 1.800 Dollar zu bieten, kann sich eine Zeichnung der vier Gründer sichern, auf der sie ihren Code illustrieren.

Versteigert wird außerdem eine Nutzungslizenz für insgesamt 12.238 Zeilen Javascript, HTML und CSS, die Sehgeschädigten die Nutzung von Computern erleichtern sollen. Entwickler Chris Maury leidet unter Morbus Stargardt, einer seltenen degenerativen Augenkrankheit, die den schrittweisen Verlust der Sehkraft mit sich bringt. Maurys Programme sollen auch ihm selbst helfen.

Code als Ausdruck von Meinungsfreiheit

Dass Code auch eine politische Botschaft transportieren kann, zeigen die sechs (manche sagen sieben) Zeilen von Keith Winstein und Marc Horowitz in der Programmiersprache Perl, aufgedruckt auf einer Krawatte. Ihr "qrpff" genannter Algorithmus half im Sommer 2001, Kopierschutzmaßnahmen auf Hollywood-DVDs zu umgehen. Damit war "qrpff" auch eine Art Protest gegen den Digital Millennium Copyright Act, das umstrittene Urheberrechtsgesetz von 1998. Derzeit bietet jemand 1.300 für die beschriebene Krawatte, die Winstein einst in seiner Vorlesung am MIT nutzte, um die Bedeutung von Code für die freie Meinungsäußerung zu verdeutlichen.

Kritik bekommen die Initiatoren Gleitzman und Gil für ihre einseitige Auswahl. Alle zur Versteigerung stehenden Algorithmen wurden von weißen Männern geschrieben. Dabei stammt der erste für einen (letztlich nie gebauten) Computer geschriebene Algorithmus von einer Frau: Ada Lovelace.

Wer trotzdem online mitbieten will, muss sich beeilen. Die Auktion endet am morgigen Freitag. Alle Gewinne gehen an das Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum in New York.