Jörg Land sieht ein wenig erschöpft aus, als er zum Interview erscheint. Erschöpft, aber glücklich. Land hat mit seiner Firma Sonormed auf dem Technik-Festival South by Southwest (SXSW) in Austin einen Preis gewonnen, der für Start-ups ungefähr so bedeutend ist wie der Eurovision Song Contest für Musiker. Sonormed beziehungsweise dessen Produkt Tinnitracks ist jetzt sozusagen die Lena Meyer-Landrut der Start-up-Szene.

In Deutschland ist der Name Tinnitracks schon etwas länger bekannt. Seit 2012 hat die Hamburger Firma Sonormed bereits mehrere Preise abgeräumt. Der SXSW Accelerator Award verschafft Tinnitracks nun aber "beste Voraussetzungen für einen US-Start", sagt Mitgründer und Geschäftsführer Land.

Tinnitracks ist auf den ersten Blick eine Filtersoftware, mit der Tinnitus-Patienten ihre Lieblingsmusik so aufbereiten können, dass sie zur sogenannten neuroakustischen Tinnitus-Therapie taugt. Dabei stellt der Arzt oder Akustiker zunächst fest, auf welcher Frequenz der Tinnitus eines Patienten liegt. Diese Frequenz filtert Tinnitracks aus der Musik des Patienten heraus. Hört der Patient die so aufbereitete Version seiner Lieblingsmusik, wird dabei "gezielt der auditorische Kortex im Gehirn stimuliert", erklärt Land. "Dadurch wird dessen Überaktivität gelindert, die Lautstärke des Tinnitus also verringert." 

Tinnitracks ist nicht nur eine Software, sondern ein Service. Die Lizenz kostet 539 Euro im Jahr. Hinter dem Angebot stehe "eine ganze audiologische Infrastruktur", sagt Land. In Deutschland leiden nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga rund 1,5 Millionen Menschen unter einem chronischen schweren Tinnitus. Hinzu kämen weniger schwere oder vorübergehende Fälle. Die Deutsche Tinnitus-Stiftung geht sogar von elf Millionen Betroffenen aus. 

Größenwahn in Austin

Für SXSW-Verhältnisse ist das aber noch eine überschaubare Größe. Andere Start-ups wollen mit ihren Ideen ganze Industriezweige revolutionieren. Entsprechend größenwahnsinnig fallen ihre Pitches aus. Aber Showtalent allein reicht nicht, um die Jury in Austin zu überzeugen. Die Frau, die mit Schuhen "on demand" aus dem 3-D-Drucker die Massenfertigung von Schuhen über den Haufen werfen wollte, hat jedenfalls trotz grenzenlosem Selbstbewusstsein nicht gewonnen. Jörg Land sagt, er habe in Austin einige Präsentationen gesehen, die ihn an ein Schauspiel erinnert hätten. Er als Hamburger habe das aber eher nicht in die Wiege gelegt bekommen. Für den Sieg in der Kategorie Digital Health and Life Sciences Technologies hat es gereicht.

Trotz der mitunter unrealistisch erscheinenden Ansprüche der Teilnehmer gehört der Wettbewerb zu den rennomiertesten seiner Art. Das liegt weniger an den 4.000 Dollar Preisgeld, sondern am Ruf der Konferenz. Land wird jetzt herumgereicht, bekommt Kontakte, die er von Deutschland aus so nicht bekommen hätte. Der US-Markt sei groß und technikaffin, sagt er, deshalb will er mit Tinnitracks auch dort den Durchbruch schaffen. Dafür braucht er Kontakte, Expertise, Kapital.

Neidisch auf den Gründergeist in den USA

Auf die Frage, was er von den vagen Ankündigungen der Bundesregierung in ihrer Digitalen Agenda hält, die deutsche Start-up-Szene zu fördern, antwortet der 37-Jährige: "Ich war zum Nationalen IT-Gipfel eingeladen. Da merkte man schon ein Gefälle – es ging nur um Infrastruktur." Aber er sagt auch: "Meckern ist immer leicht." Tinnitracks sei auf lokaler Ebene von der Stadt Hamburg gefördert, aber auch vom European Institute of Innovation and Technology der EU unterstützt worden. Die Aufgabe der Bundesregierung sei es in erster Linie, gute Rahmenbedingungen für Start-ups zu schaffen. Den Rest müsse der Markt erledigen.

Neidisch auf die teils gigantischen Summen, die Risikokapitalgeber in den USA in einige Start-ups pumpen, ist er nicht. Eher auf den Gründergeist, den er gerne auch in Deutschland sähe: "Wenn ich mir die TU Harburg anschaue, dann stehen da nach dem Abschluss jedes Jahrgangs zwei Busse. Der eine fährt zu Airbus und der andere zu Siemens, und in die beiden steigen alle ein. Weil sie da gute Jobs kriegen." Der Stellenwert von Gründern – ob sie nun Erfolg haben oder scheitern – sei einfach nicht besonders hoch. "Wenn du es in Deutschland nicht schaffst, heißt es: 'Wusste ich's doch. Wärste mal bei Siemens geblieben'. Und wenn du es schaffst, heißt es: 'Der kriegt den Hals auch nicht voll'."

Trotz des Erfolgs in Austin soll Tinnitracks nun zunächst in Deutschland einen Schritt weiterkommen. Demnächst wird die Software auch als App erscheinen, damit der Upload und das Aufbereiten der Musik noch einfacher für die Patienten wird. Vorher darf Jörg Land noch ein wenig feiern gehen.