Die neunte re:publica in Berlin beginnt mit dem Namen Günther Oettinger. Als Mitorganisator Markus Beckedahl ihn in der Begrüßungsrede erwähnt, geht ein bitteres Lachen durch den Saal, denn vielen hier gilt der EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft eben nicht unbedingt als Internet-Experte. Es sei "absurd, ihn über unsere digitale Zukunft entscheiden zu lassen", sagt Beckedahl.

Neben Günther Oettinger stehen zum Auftakt der Konferenz noch andere aktuelle Aufreger auf der Tagesordnung. Der jüngste Skandal um die Beihilfe des BND bei den NSA-Spähprogrammen etwa, die Vorratsdatenspeicherung, aber auch die Situation der Flüchtlinge an Europas Grenzen und der Streik von Amazon-Mitarbeitern. Die Eröffnung zeigt: Es darf, soll und muss politisch werden.

Leichter gesagt als getan, glaubt Keynote-Speaker Ethan Zuckerman. Der Amerikaner hat Anfang der Neunziger beim Webhoster Tripod angeheuert und sich später als "Erfinder des Pop-ups" etabliert. Inzwischen ist er Direktor des MIT Center for Civic Media und setzt sich für neue Formen der Bürgerbeteiligung ein. Seine Zusammenfassung der politischen Lage auf beiden Seiten des Atlantiks fällt eindeutig aus: "Das System ist manipuliert und kaputt." Und fügt an: "Das ist eine gute Nachricht."

Misstrauen ist der neue Grundzustand

Zuckerman ist nicht allein mit dieser Meinung; sie lässt sich messen. Die Wahlbeteiligung sinkt in den meisten Demokratien, Politikverdrossenheit mündet in Resignation. Wählen scheint vielen Menschen keine Lösung mehr zu sein. Auch die Alternative, die zahlreichen Protestbewegungen der vergangenen Jahre, erzielten in vielen Fällen nicht die gewünschte Veränderung. Stattdessen leben wir in einer Zeit, in der das Misstrauen zum Grundzustand geworden ist, wie es Zuckerman beschreibt.

Das gilt nicht nur für die Politik. Zuckerman verweist auf das jährliche Trust Barometer des Beratungsunternehmens Edelman, welches das Vertrauen der Bürger in die NGOs, Politik, Unternehmen und Medien eines Landes analysiert. Demnach stand es nie schlechter um das Vertrauen der Bürger in die Institutionen. Auch in Deutschland ist es im vergangenen Jahr noch einmal gesunken, allen voran das Vertrauen in Unternehmen und Medien. Das "Unwort des Jahres" Lügenpresse lässt grüßen.

Bemerkenswert ist, dass nach den Befragungen Edelmans ausgerechnet das Vertrauen in die Politik im vergangenen Jahr von 49 auf 50 Prozent stieg. Dabei ließen sich doch hier viele gegenseitige Beispiele finden: Die Vorratsdatenspeicherung beispielsweise, die seit Jahren zu den Diskussionspunkten der re:publica zählt. Erstens, weil selbst erklärte Gegner unter den Politikern plötzlich ihre Position wechseln. Zweitens, weil die Vorratsdatenspeicherung alle Bürger von vornherein verdächtigt. Drittens, weil ihre Gegner befürchten, dass sie früher oder später auch zu anderen Zwecken als zur Aufklärung schwerer Straftaten eingesetzt wird. Intransparenz schafft ebenso Misstrauen wie Ungleichheit unter den Bürgern und gefühlte Machtlosigkeit.

"Wir haben eine Menge Scheiß geglaubt"

Eigentlich wäre jetzt die Zeit, das Internet als einen Ausweg zu preisen. Doch Ethan Zuckerman zeigt zunächst, dass auch hier längst nicht alle Versprechen gehalten wurden. Das Internet der neunziger Jahre sollte alte Monopole auflösen, die Privatsphäre schützen und Zensur umgehen. Stattdessen bekamen wir neue Megakonzerne, globale Überwachungsprogramme und personalisierte Werbung als Geschäftsmodell. "Wir haben eine Menge richtig dummen Scheiß geglaubt", sagt Zuckerman unter dem Applaus der Teilnehmer.

Auch der Autor und Aktivist Micah Sifry fragte im vergangenen Jahr in seinem Buch The Big Disconnect, wieso das Internet bis heute nicht die gewünschten politischen Veränderungen hervorgebracht hat. Sifrys Einschätzung: Auch nach 26 Jahren World Wide Web fehlen noch immer die richtigen Werkzeuge. Aber es gibt Ansätze, die Hoffnung machen.

Das Misstrauen ist der Antrieb der Veränderung

Das glaubt auch Zuckerman und kommt wieder zum Misstrauen zurück. Die Bürger dürften dieses nicht als Anlass zur Resignation nehmen, sondern als Antrieb zur Veränderung. Der Wissenschaftler erwähnt zum einen Initiativen, die Überwachung mit Code entgegnen. Seit den Snowden-Enthüllungen arbeiten mehr Unternehmen und Aktivisten denn je daran, sichere Kommunikation voranzutreiben. Dass es wirkt, zeigen die Reaktionen von Behörden wie dem FBI.

Eine zweite Möglichkeit sind neue Märkte und Normen. Unternehmen wie Tesla und ihre Ideen sind ambitioniert, manche sagen größenwahnsinnig, aber könnten nachhaltig für Veränderung im Energiesektor sorgen. Gleichzeitig sei es die Aufgabe der Medien, neue Normen zu schaffen, etwa in der Berichterstattung über die Polizeigewalt in den USA.

Open Data und neue Technologien

Eine dritte Möglichkeit, dem Misstrauen entgegenzuwirken ist eine Form des monitorial citizenship, eines kontrollierenden Bürgers. Zuckerman verweist auf Open Data-Initiativen wie das italienische Projekt Monithon, das der Verwendung öffentlicher Fördermittel nachgeht. Unter jungen Menschen sei das inzwischen "ein Freizeitspaß", sagt Zuckerman. Er selbst arbeitet am MIT an einem Promise Tracker, der den Versprechen der Politiker nachgeht.

Nicht zuletzt bestehe auch in neuen digitalen Technologien eine Chance auf echte Veränderung: Bitcoin als dezentralisierte Alternative zur Finanzwirtschaft, die sogenannten Mesh-Netzwerke als unabhängiges Internet für immer mehr Menschen.

Neue Plattformen, neue Techniken, neue Souveränität auf dem Weg zu neuem Vertrauen: Natürlich klingt in der Keynote von Ethan Zuckerman einmal mehr der Glaube in die transformative Kraft des Internets durch. Einige seiner Ausführungen bleiben, wie viele andere Präsentationen und Vorträge auf der re:publica, wohl vor allem Wunschdenken.

Doch sie enthalten eine Erkenntnis, die den Großteil der 6.000 Besucher noch bis zum Donnerstag und hoffentlich darüber hinaus antreibt: Im Misstrauen in das System steckt eine Chance. Und Günther Oettinger ist eben nicht das Ende, sondern der Anfang für Veränderung.