Wer zusehen möchte, wie sich ein Journalist innerhalb von vier Minuten vom Enthüller zum Deppen macht, dem sei das CNN-Interview mit Tom Harper von der britischen Sunday Times empfohlen.

Harper ist einer der drei Männer, die am Wochenende mit einem Artikel über Edward Snowden ein Medienschauspiel in Gang setzten, das für den Berufsstand gleichermaßen peinlich wie ärgerlich ist, aber leider auch typisch. Die Leidtragenden sind jene Leser, die sich nun aus einem wilden Mix aus Propaganda, Beißreflexen und einigen echten Argumenten eine fundierte Meinung bilden sollen.

Zurück zu Harper und seiner Story in der Sunday Times. Sie besagte, russische und chinesische Geheimdienste hätten die angeblich 1,7 Millionen von Snowden entwendeten Dokumente entschlüsselt. Britische Agenten im Ausland seien deshalb gefährdet und müssten abgezogen werden. Snowden habe "Blut an den Händen", darf eine anonyme Quelle sogar sagen, aber wenigstens weist die Zeitung darauf hin, dass es dafür laut der britischen Regierung keine Beweise gebe.

Alle Quellen sollen aus Kreisen der Regierung, des Außenministeriums und der Geheimdienste stammen, bleiben aber ungenannt. Belege für deren Behauptungen liefert die Zeitung genau null, stellt sie aber auch nicht infrage. Darauf von CNN angesprochen, antwortet Harper mit ein paar bemerkenswerten Sätzen: "Wir wissen nur, dass dies die offizielle Haltung der britischen Regierung ist". Kurz darauf, leicht abgewandelt: "Wir veröffentlichen nur, was wir für die derzeitige Haltung der britischen Regierung halten." Und auf Nachfragen zu den Details in seinem Artikel: "Ich weiß es nicht." Deutlicher kann man kaum sagen, dass man sich von der eigenen Regierung für Propaganda hat einspannen lassen.

Bis es zu dieser öffentlichen Selbstdemontage kam, hatte der Artikel aber schon weite Kreise gezogen, zumal die BBC fast zeitgleich einen sehr ähnlichen Bericht veröffentlicht hatte. Nachrichtenagenturen hatten beide übersetzt, deutsche Medien – darunter auch ZEIT ONLINE – griffen darauf zurück. Auch wenn die Agenturmeldungen ein wenig vorsichtiger formuliert waren, transportierten sie in erster Linie die unbewiesenen Behauptungen der britischen Regierung: Snowden soll Menschenleben gefährdet haben.

Als einer der ersten reagierte natürlich der Reporter Glenn Greenwald, der als erstes über die Snowden-Dokumente berichtet hat und sich seitdem schützend vor den Whistleblower stellt. Greenwald veröffentlichte einen 17.000-Zeichen-Wutanfall, in dem er die Sunday Times ausgiebig verfluchte, ihren unbewiesenen Behauptungen aber auch einige Argumente entgegenhielt. Unter anderem die Aussage des damaligen NSA-Direktors Keith Alexander, man wisse schlicht nicht, wie viele Dokumente Snowden eigentlich mitgenommen habe.

Unterstützt wurde Greenwald von seinem Kollegen Ryan Gallagher, der den Times-Artikel mit zehn Fragen auseinandernahm, sowie vom ehemaligen britischen Botschafter Craig Murray. Der veröffentlichte einen Blogpost, in dem er fünf zum Teil gute Gründe nannte, warum der vermeintliche Scoop der Sunday Times eine Lüge sein muss.