WikiLeaks überrascht seit einiger Zeit abwechselnd mit ausgesprochen dummen Ideen und ausgesprochen wichtigen Veröffentlichungen. Die unreflektierte Veröffentlichung der Unterlagen und E-Mails von Sony Pictures Entertainment war unverantwortlich. Und der Versuch, eine Belohnung in Höhe von 100.000 US-Dollar für das Zuspielen der bisher unveröffentlichten Teile des Handelsabkommens TPP zu sammeln, ist zumindest problematisch.
Andererseits haben die Betreiber der Plattform aber auch für dringend nötige Transparenz in den Verhandlungen um ein anderes internationales Handelsabkommen gesorgt, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden: Vor knapp einem Jahr war WikiLeaks die erste Seite, die Dokumente zu den Verhandlungen über das Trade in Services Agreement (Tisa) veröffentlichte.
Der "bösere Bruder von TPP und TTIP"
Die USA, die EU, Japan und 21 weitere Länder (die Brics-Staaten gehören nicht dazu), verhandeln formal seit 2013 über die Liberalisierung und den Austausch von Dienstleistungen. Tisa ergänzt also das TTIP-Abkommen, in dem es neben Dienstleistungen auch um Güter und Investitionen geht. Manche nennen Tisa den "böseren Bruder von TTIP und TPP".
Nun hat WikiLeaks 17 weitere Dokumente aus den Tisa-Verhandlungen veröffentlicht, deren Inhalt bisher nur in Teilen und vor allem in Insiderkreisen bekannt war. Das gilt zum Beispiel für den Tisa-Anhang zu Elektronischem Handel.
Problematisch klingt darin unter anderem eine Passage über die Offenlegung von Software-Quellcode. In Artikel 6 des Entwurfs heißt es übersetzt: "Kein Unterzeichner darf den Transfer von oder den Zugang zu Quellcode von Software eines Unternehmens aus dem Land eines anderen Unterzeichners zur Bedingung für Dienstleistungen im Zusammenhang mit dieser Software machen."
In anderen Worten: Kein Land, das sich den Tisa-Regeln unterwirft, dürfte dann noch internationale Ausschreibungen vornehmen, in denen Freie oder Open-Source-Software eine Voraussetzung ist. Zwei Einschränkungen sind nach derzeitigem Stand allerdings vorgesehen: Die Regelung soll nur für Software für den Massenmarkt gelten (der nicht definiert wird) und gar nicht für Software, die für kritische Infrastrukturen verwendet wird.
Es wäre Behörden dann auch nicht verboten, Open-Source-Software einzusetzen. Sie dürften in ihren Ausschreibungen bloß nicht darauf bestehen und proprietäre Software grundsätzlich ausschließen. Würden Gemeinden oder Behörden ein neues Betriebssystem oder neue Office-Software suchen, müssten sie also immer auch Unternehmen wie Microsoft mitbieten lassen, statt von vornherein auf eine Linux-Distribution zu setzen.
Jan Philipp Albrecht, EU-Abgeordneter der Grünen, sagt: "Die Europäer dürfen so einem Vorschlag nie und nimmer zustimmen." Zum einen, weil die europäische Software-Industrie im Bereich Open Source besonders stark sei und "massiv benachteiligt" würde. Zum anderen gebe es in Europa ja insbesondere seit den Snowden-Enthüllungen eine Debatte darüber, verstärkt die Einsicht in Quellcodes zu verlangen, um mehr Kontrolle über die eigene Technik zu bekommen.
Kommentare
prefec2
#1 — 4. Juni 2015, 22:36 UhrUntersützt den Widerstand gegen TISA und TTIP
Hier noch als Ergänzung wichtig Seiten der stoppt TTIP, TISA, CETA usw.
- http://ttip2015.eu/
- https://stop-ttip.org/
- http://blog.campact.de/2015/…
- https://www.ensemble-fdg.org…
- http://stop-tisa.ch/wordpres…
- https://www.change.org/p/dr-…
- http://www.muenster-gegen-tt…
So und nun raus mit dem Scheckheft (ja ja natürlich geht das heute online ;-) und gespendet. Unterschreibt die Petition und reicht die Links weiter (gerne auch ergänzen).
Upageya
#1.1 — 5. Juni 2015, 4:16 UhrUnd dann....
Ihr träumt.....
Krababbel
#2 — 4. Juni 2015, 22:59 UhrEine Frage der Wirtschaftlichkeit!
Die Unternehmen werden niemanden fragen, ob sie Open Source verwenden dürfen, oder nicht. Unabhängig von TTP, TTIP oder sonstigem TISA. Wenn die Politiker drauf bestehen sollten, werden sie kurzerhand von der Wirtschaft durch andere Personen ersetzt - so einfach ist das. Politiker sind nur Marionetten, die sehr leicht ersetzbar sind.
Fragesteller
#2.1 — 5. Juni 2015, 0:32 UhrWer bestimmt wirklich über das Schicksal unserer Politiker?
Ja, und die Medien spielen dabei auch eine unrühmliche Rolle. Man hat gesehen, wie schnell Christian Wulff von Journalisten weggemobbt wurde, wegen fadenscheiniger Gründe. Er war ein Bundespräsident, der nicht jeden Gesetzesentwurf unterschreiben wollte, den man ihm vorlegte. Er nahm seinen von der Verfassung verliehenen Auftrag ernst und hat einige hinterfragt. Musste er deshalb weg?
Man denke auch an DSK und Edathi... wie schnell waren sie weg...
Könnte es sein, dass der militärisch-industrielle Komplex, der im Hintergrund die Fäden zieht und auch Medien und sogar Kultur beeinflusst, gezielt Leute auf bestimmte Posten hieft, die aufgrund von Schwächen erpressbar sind - und die man mit einem Skandal schnell aus dem Amt mobben kann, wenn sie nicht parieren?
Man sollte deshalb genau aufpassen, was gerade mit unserer Bundeskanzlerin geschieht. Ist der Vorwurf der "Lüge" vielleicht auch von den hinter unseren Medien stehenden US-Finanzmächten lanciert, um sie aus dem Amt zu mobben, weil sie bei Minsk II Rückgrad gezeigt hat und zusammen mit Präsident Hollande sich deren "Wünschen" widersetzt hat?
Ich bitte Sie, als Medienschaffende, die echten Werte zu vertreten und zu tun, was für die Bevölkerungen Europas gut ist - und nicht Vorgaben zu folgen, die den Bevölkerungen Europas schaden. Sanktionen gegen Russland und als "mehr Verantwortung" verbrämte Kriegstrommelei sind nicht im Interesse der Völker Europas, sondern sind lebensgefährlich.
BesserVertragen
#3 — 4. Juni 2015, 23:09 UhrAblenkung
meiner Ansicht nach nicht von Interesse. Wichtiger sind die Fragen nach den Bedingungen des Investorenschutzes und deren Auswirkungen!
Niizuki
#4 — 4. Juni 2015, 23:12 UhrTotalitäre Ökonomie
Nichts davon muss letztlich im Abkommen stehen, noch wird schließlich verhandelt. Aber eben hinter verschlossenen Türen.
Der Kapitalismus braucht zum Überleben zwingend Wachstum (Kapitalverwertung > aus investierten Geld mehr Geld machen). Das Problem, ist aber, dass es seit Jahrzehnen das notwendige Wachstum um den systemischen Kollaps abzuwenden, nur durch Betrug gibt (Immobilienblasen, "innovative Finanzprodukte, €-Einführung in den südlichen Weichwährungsländern, räuberische Plünderung der nat. Ressourcen, verschärfte Ausbeutung der Arbeiter usw.).
Jede Dienstleistung, die umsonst (geldfrei) erfolgt, schmälert die Einkommensmöglichkeit der Kapitalisten und frisst in der Tendenz potenzielles Wachstum weg.
Um nun das kapitalistische System weiterhin halbswegs stabil zu halten, muss staatlicherseits nun dafür gesorgt werden, dass Wachstum entsteht.
Ein Weg dabei ist natürlich, dass Dienstleistungen per Zwang profitorientiert (verwirtschaftlicht) stattfinden müssen.
Das passt gut in die Konzeption der EU gemäß Lissabon-Vertrag, demnach das zentrale Steuerungsmodell der nahen Zukunft der Profit(!!!) sein soll.
D.h. TISA konkretisiert die markttotalitären Ziele des Lissabon-Vertrag nur!
Infrastruktur, Daseinsversorge usw., all das soll "handelbares" (d.h. kapitalistisch verwertbares) Gut werden.
Töricht zu glauben, dass eigentlich genuin antikapitalistische Ideen wie freie Software in der Zukunft noch erlaubt wären...
suchenwi
#4.1 — 5. Juni 2015, 0:34 UhrAus der Praxis..
Zitat: "Jede Dienstleistung, die umsonst (geldfrei) erfolgt, schmälert die Einkommensmöglichkeit der Kapitalisten und frisst in der Tendenz potenzielles Wachstum weg.
Um nun das kapitalistische System weiterhin halbswegs stabil zu halten, muss staatlicherseits nun dafür gesorgt werden, dass Wachstum entsteht.
Ein Weg dabei ist natürlich, dass Dienstleistungen per Zwang profitorientiert (verwirtschaftlicht) stattfinden müssen."
..in der Entwicklungsabteilung eines größeren süddeutschen Elektrokonzerns (NEMESIS, Abb. ähnlich) kann ich nur berichten, dass Open Source-Software bei uns intensiv genutzt und z.T. auch an Kunden ausgeliefert wird. Dann allerdings ist ein komplexer Genehmigungsprozess fällig, um absolute Rechtssicherheit in Bezug auf Lizenzen (GPL!) herzustellen.
Viele Entwickler arbeiten vorrangig auf Linux. An Kunden werden allerdings Windows-Rechner und darauf lauffähige Software geliefert. Aber auch da gibt es ja z.B. Cygwin, um (fast) ähnliche Ergonomie zu schaffen... ;^)
Das Wachstum der Open Source-Bewegung wird in der Regel halt nicht in $/€ berechnet, sondern idealerweise in Zuwachs an Funktionalität, Stabilität usw.
Aber es kommt privaten Entwicklern ebenso wie Firmen zugute. Ich veröffentliche selbst Open Source-Quellcode (soweit in der Freizeit entstanden), um den "Riesen, auf deren Schultern wir stehen" (oder vor allem den anderen "Zwergen") etwas zurückzugeben.
Und kein "Handelsabkommen" soll mich daran hindern.