Unter Windows-Nutzern heißt es, jede zweite Version des Betriebssystems ist Murks und man kann sich das Upgrade deshalb sparen. Zumindest für dieses Jahrtausend scheint das zu stimmen: Windows ME war ein Flop, während sich XP bis heute großer Beliebtheit erfreut. Vista gilt als Rohrkrepierer, Windows 7 dagegen als eines der zuverlässigsten Betriebssysteme überhaupt. Windows 8 und 8.1 verstörten mit ihrer neuen, für mobile Geräte optimierten Oberfläche viele Nutzer, und ab dem heutigen Mittwoch ist Windows 10 verfügbar, die möglicherweise letzte Versionsnummer. Setzt Windows 10 die Tradition fort, müsste es eigentlich wieder brauchbar sein.

Natürlich bin ich skeptisch. Mein Windows-7-System ist eine einzigartige Welt, über Jahre hinweg optimiert und eingerichtet. Ich bin jedenfalls mehr als zufrieden damit, aber auch ein bisschen neugierig, wohin die Entwicklung von Windows geht. Dieser Artikel ist kein Test von Windows 10, der alle neuen Funktionen betrachtet und auf Bugs und Kompatibilitätsprobleme hinweist. Das haben die Kollegen von ars technica oder golem.de viel ausführlicher getan. Stattdessen soll es darum gehen, wie mir das neue System nach einigen Stunden auf einem Testsystem gefällt. Windows 8 hatte ich weitestgehend ignoriert, weshalb ich ausschließlich auf die Unterschiede zu Windows 7 eingehen kann und werde. Nicht zuletzt möchte ich wissen: Liefert Windows 10 genug Gründe zum baldigen Wechsel oder schreit schon der erste Anblick förmlich nach "format c:"?

Dezenter, dunkler Look

Spoiler: Tut er nicht. Tatsächlich präsentiert sich Windows 10 auf dem – von Microsoft voreingerichteten – Testgerät auf den ersten Blick wie, nun ja, ein Windows eben. Unten rechts befindet sich der System Tray mit seinen kleinen Icons, die Taskleiste und das Startmenü sind dort, wo sie sein müssen und auf dem Desktop fristet der gute alte Papierkorb ein ebenso einsames wie leeres Dasein. Keine ausgefallenen Experimente, keine aufgeblasenen Animationen wie bei Aero. Im Gegenteil: Windows wirkt so elegant wie nie, die Icons auf der Taskbar sind flach, der Kontrast ist stärker und die dunkle Farbpalette kommt meinen persönlichen Vorlieben sehr entgegen.

Das neue Startmenü von Windows 10 © Microsoft Deutschland

Also rein ins Startmenü. Was im Vorgänger zum Schock vieler Nutzer fast komplett fehlte, ist wieder zurück, wenn auch mit einigen Veränderungen. Die großen bunten und teils animierten Kacheln aus Windows 8 haben nämlich überlebt, nur wurden sie in Windows 10 ins Startmenü eingegliedert. Prompt springen sie mich an: Blaue Kacheln mit Kalender, Fotos, Wetter und Mail, grüne Kacheln mit Xbox-Spielen und einige animierte Kacheln, hinter denen sich Sport- oder Kochinhalte verbergen. Sie lassen sich frei anordnen, per Rechtsklick entfernen oder vergrößern und verkleinern.

Die klassischen Programme hingegen befinden sich in der linken Spalte hinter dem fast schon versteckten Icon "Alle Apps". Windows 10 listet sie alphabetisch und nicht mehr in Ordnern. Die alte Ordnerstruktur im Startmenü hat ausgedient, und das ist auch schon der erste große Unterschied zu Windows 7 und seinen Vorgängern. Das Ganze ist ungewohnt, aber nicht übermäßig irritierend, zumal sich alle Inhalte aus dem Startmenü auch einfach auf den Desktop ziehen oder an die Taskbar heften lassen.

Apps vs. Programme

Dass die Kacheln und die Programmliste im Startmenü in trauter Zweisamkeit auftauchen, hat gute Gründe: Da Windows 10 wie sein Vorgänger den Spagat zwischen Desktop und Mobilgeräten schaffen soll, unterscheidet das System quasi zwischen klassischen Programmen, die sich ganz normal installieren lassen, und Apps, die mitgeliefert werden oder über Microsofts App Store kommen und somit auch als schicke Kacheln funktionieren. Testweise installiere ich ein älteres, garantiert nicht gecracktes WinRAR. Es funktioniert, aber wer solche traditionellen Anwendungen zur Kachel machen möchte, bekommt wegen der fehlenden Optimierung optisch kein sehr schönes Startmenü.

Beim Öffnen des App Stores folgt das erste richtige Zähneknirschen: Zum ersten Mal in meinem Leben möchte Windows, dass ich mich irgendwo zusätzlich einlogge, und zwar mit meinem Microsoft Account. Meinem was? Habe ich nicht. Wobei: Zufällig lerne ich, dass ich auch mein Xbox-Konto (und offenbar auch ein Skype- oder Office-Konto) in ein universelles Microsoft-Konto konvertieren und mich damit als Nutzer in Windows 10 anmelden kann. Etwas seltsam ist das schon, und das liegt nicht nur an meinem albernen Xbox-Nickname, sondern daran, dass Windows aus diesem Account plötzlich automatisch ein eigenes Nutzerkonto erstellt. 

Das neue Info Center in der Taskleiste – und der klassische Explorer. © Screenshot

Alteingesessene Windows-Nutzer werden diese etwas undurchsichtige Verknüpfung zwischen lokalen und über mehrere Geräte hinweg verwendbaren Microsoft-Konten hassen, ist es doch eine Art der Bevormundung, die man eher von anderen Betriebssystemen kennt. Allerdings sei gesagt, dass sich sämtliche Programme auch weiterhin manuell installieren lassen, sofern sie Windows 10 unterstützen. Wer wie ich ohnehin seit Jahren die gleichen Anwendungen nutzt und daran auch nichts ändern möchte, kann den App Store vermutlich ignorieren und versuchen, nur mit lokalen Konten zu arbeiten.

Andere Funktionen zu ignorieren wird schon schwieriger. Im System Tray etwa versteckt sich das sogenannte Info Center, das im Kern ähnliche Funktionen bietet wie die obere Leiste in Smartphones: Die Nutzer bekommen hier schnellen Zugriff auf Einstellungen wie WLAN, Bluetooth oder die Helligkeit des Displays sowie Benachrichtigungen angezeigt. Was für mobile Geräte sicherlich hilfreich ist, wirkt auf einem Desktop PC etwas fehl am Platz, zumal ältere Programme das neue Info Center scheinbar gar nicht nutzen können und deshalb Benachrichtigungen in bekannter Weise über die Taskbar oder den Desktop ausspielen. Es ist ein Feature für die Zukunft.