Utopia liegt in Brandenburg – Seite 1

Es ist heiß. So richtig heiß. So heiß, dass die Augustsonne auf dem Kopf pikt. Und staubig. Trotzdem arbeiten Hunderte hier, schrauben, hämmern, löten. Sie haben Zelte mitgebracht und Planen, tonnenweise Lebensmittel, Bierfässer, Seile, Sofas, Lampen, Antennen, Musikanlagen. Sie haben aus dem ganzen Land kilometerweise Kabel für Strom und Internet herangeschleppt, Crêpes-Backautomaten, einen meterhohen Fernsehturm, ein komplettes Telefonnetz, das jeder kostenlos nutzen kann, um mit jedem anderen hier zu reden. Und Computer. Zahllose Computer.

Sie bauen eine Stadt. Ihre Stadt. Chaos Communication Camp heißt sie und besteht aus kleineren und größeren Dörfern, Villages, die sich Geraffel nennen oder schwedische Botschaft, BER oder MUC und deren Bewohner sich in einem Wiki selbst organisiert und überlegt haben, was sie mitbringen wollen.

Alle vier Jahre wächst diese Stadt irgendwo in Brandenburg, wenn der Chaos Computer Club seine Mitglieder und Freunde zum Sommercamp ruft. Mit Lastwagen, Bussen, Kleinlastern, Campern kommen sie dann in die nordbrandenburgische Öde, um ihren Traum zu leben, ihr Utopia. Fast 5.000 sind es dieses Mal.

Dahinter steht kein großes Unternehmen, keine Eventagentur. Niemand bekommt Geld dafür, diese Stadt zu organisieren, sie mit Wasser, Strom, Abwasser und dem schnellsten Internet zu versorgen, das es in Deutschland für normale Menschen gibt. Das Ganze organisiert sich selbst. Es funktioniert, weil alle mitmachen.

"Be excellent to each other", steht überall auf Schildern, die an Lampenmasten und verrostenden Industriedenkmalen hängen. Das ist nicht als Warnung gemeint, nur als freundliche Erinnerung an etwas, das hier als Selbstverständlichkeit verstanden wird: Seid großartig zueinander.

Und das sind sie. Hier darf jeder sein, wie er will, solange er niemandes Freiheit einschränkt. Schwarz oder bunt, laut oder leise, Mann oder Frau, schwul oder lesbisch oder alles zusammen – in den Augen der Bewohner ist jeder immer nur eins: Mensch.

Kultur des Teilens

Wer etwas braucht, fragt seinen Nachbarn. Wer helfen kann, hilft. Wer geben kann, gibt. Sharing culture heißt das im Internet, die Kultur des Teilens. Im Chaos Camp wird sie gelebt. Das Gimmick, das jeder, der will, kostenlos bekommt, hat viele Menschen monatelang beschäftigt. Für das Rad1o Badge haben sie von Herstellern Tausende Chips erbettelt, Software programmiert, Platinen gelötet. Die Mitglieder des Münchner Chaos Clubs fanden, dass die Gemeinschaft auf dem Camp sich mit digitalem Funk beschäftigen sollte. Also bauten sie ein Funkgerät, das jeder selbst programmieren kann, um beliebige Frequenzen zu empfangen und zu senden.

Klar, auch hier laufen Idioten, Frustrierte, Diebe herum. Aber ihre Dichte ist geringer als anderswo. Häufiger dagegen sind solche Sätze: "Hinweis bekommen, dass das Handy beim Infopunkt liegt, ehe man überhaupt gemerkt hat, dass es weg ist."

"Der Kapitalismus hat hier Pause"

HDR-Aufnahme des Chaos Communication Camps 2015

Selbstverständlich ist auch der Eintritt nicht umsonst, kostet das Essen an den Ständen und Garküchen Geld, genau wie das Bier und die Mate an den Bars. Aber vieles ist zum Selbstkostenpreis kalkuliert. Und noch viel mehr wird einfach von irgendwem erledigt, weil er Lust dazu hat oder helfen will, damit das Ganze funktioniert, unvergesslich wird.

Wie der "Trainquilizer". Eine alte Schmalspurbahn roppelt über das Gelände. Früher schleppte sie in ihren Loren die Lehmziegel, die in den Öfen der Ziegelei gebrannt wurden, um daraus Berlin zu bauen. Seit das Areal ein Museum ist, zerren die kleinen Dieselloks Touristen über die Wiese. Die Hacker im Camp haben das rostige Züglein ein wenig umgebaut. Die Lok bekam ein Namensschild, Girlanden und einen Blumenkasten auf den Puffer. Der Zug bunte Leuchten, Liegewagen, eine Bar, ein komplettes Bällebad, gar einen eigenen Twitter-Account. Wer mitfahren will, kauft eine Karte für 20 Euro. Nicht pro Fahrt, als Flatrate für die gesamte Woche des Camps. Der Lokführer des Museumsparks fährt tagsüber juchzende Kinder, abends feiernde Hacker. Er hat die ganze Zeit ein Grinsen im Gesicht.

Sämtliche Arbeiten, die es braucht, um eine solche Stadt am Leben zu halten, vom Einweisen der Ankommenden auf dem Parkplatz bis hin zum Putzen der Klos und Duschen, werden von Freiwilligen übernommen. Sie heißen Engel, klar. Jeder kann sich für solche Engelschichten melden und mehr als 1.000 tun es. Ein Viertel der Besucher engelt mindestens ein paar Stunden. Sie bekommen dafür keinen freien Eintritt, keine Vergünstigungen. Ihr Dank ist der Respekt der anderen und das Gefühl, mitgearbeitet, diesen Ort möglich gemacht zu haben.

Alle Arbeit im CCC ist ehrenamtlich. Sie wollen niemanden bezahlen im Club, nicht die Organisatoren, nicht die Sprecher, nicht die Vortragenden. Aus Sorge, irgendwann könnte es jemand für das Geld machen und nicht, weil er Spaß daran hat. Das ist oft mühsam, vor allem, wenn sich für einen Job, der eigentlich erledigt werden müsste, mal keiner findet. Aber es ist auch die Basis dieser Kultur des Teilens. "Der Kapitalismus hat hier Pause", sagt einer.

Bildung für alle

Im Zentrum des Ganzen steht das Symbol dieser Utopie: eine sieben Meter hohe grüngelbe Rakete. Sie ist seit Jahren bei jeder großen Veranstaltung des CCC dabei. Bei den Camps steht sie bunt beleuchtet im Mittelpunkt, auf der zentralen Wiese, der Freiluftlounge, auf der unter offenen Zelten Sofas stehen, auf der Tag und Nacht Musik läuft und viele Menschen reden, träumen, tanzen. Fairydust heißt die Rakete, Feenstaub. Dass sie nicht fliegen, nicht abheben kann, ist auch ein Symbol. Allen ist klar, dass das Camp eine Illusion ist, geschaffen auf Zeit.

Doch ist es auch ein Ziel. In fairy dust we trust, lautet einer der Sätze, die zur Identität des Chaos Computer Clubs gehören. Und wie in Utopia, dem namengebenden Roman, den Thomas Morus 1516 schrieb, ist alles Wissen öffentlich, ist sich weiterzubilden die liebste Freizeitbeschäftigung. Das Camp ist nicht Selbstzweck. Je komplexer die Welt, desto mehr Wissen braucht es, um darin zu überleben. In zwei riesigen Zirkuszelten gibt es Vorträge, natürlich über 3-D-Drucker, Verschlüsselung, Mobilfunk, aber auch darüber, wie man Pflanzen in Hydrokulturen zieht oder veganen Käse herstellt. Überall auf dem Gelände werden Workshops organisiert, bilden sich Gruppen von Lehrenden und Lernenden. Bildung für alle ist ein Ideal der Hacker – und der Griff nach den Sternen.

Nach einer Woche ist alles vorbei, dann nehmen alle alles wieder mit. Jedes Stück Draht, jede Zigarettenkippe, jede mühsam gezimmerte Konstruktion. Zurück bleibt eine kahl getretene Wiese. Und die Erinnerung an eine Stadt in den Wolken, eine Insel, wo es keine Konflikte gibt und keine Ausbeutung und wo jeder für den anderen da ist.