Im Silicon Valley kursiert folgende Geschichte über Sundar Pichai: Als Google-CEO Larry Page das Start-up Nest für mehr als drei Milliarden Dollar kaufen wollte, schickte er Pichai zu dem Hersteller der vernetzten Thermostate und Rauchmelder. Er sollte Nest-CEO Tony Fadell überzeugen, dass er auch bei Google viel zu sagen haben und mit dem als anstrengend geltenden Page schon klarkommen würde.

Man erzählt sich auch diese Anekdote: Als Page im vergangenen Jahr dem WhatsApp-CEO Jan Koum den Verkauf seiner Messaging-App an Facebook ausreden wollte, nahm er Android-Chef Pichai mit zu dem Treffen. Nicht etwa Vic Gundotra, der damals für Googles Social-Networking-Aktivitäten verantwortlich war und die wohl naheliegendere Wahl gewesen wäre.

Koum verkaufte zwar dennoch an Facebook, für 19 Milliarden Dollar. Fadell aber verkaufte Nest an Google. Und für viele Beobachter stand fest: Sollte Page in absehbarer Zeit abtreten, würde er Pichai zu seinem Nachfolger küren. 

Immenser Erfolgsdruck

Lange mussten sie nicht warten. Am Montag ernannte Page Pichai zum neuen Google-CEO und kündigte gleichzeitig einen Konzernumbau an. Page wechselt an die Spitze einer neuen Konzern-Holding namens Alphabet, die er als ein "Sammelsurium an Unternehmen" bezeichnet.

Pichai führt künftig einen der mächtigsten Technologiekonzerne der Welt: die größte Alphabet-Tochter, die fast den ganzen Umsatz und Gewinn erwirtschaftet. Sie wird weiterhin Google heißen und das hochprofitable Such- und Anzeigengeschäft umfassen, das marktbeherrschende Smartphone-Betriebssystem Android, sowie Google Maps, Apps und YouTube.

Alle anderen Aktivitäten, die viel Geld verschlingen und eine ungewisse Zukunft haben, werden in andere Alphabet-Tochtergesellschaften gesteckt: langfristige Projekte wie selbstfahrende Autos, Roboter oder die Erforschung von Alterskrankheiten und lebensverlängernden Technologien. Umso wichtiger wird es sein, dass Pichai es schafft, weiterhin sehr viel Geld mit den Google-Diensten zu verdienen. Mehr Erfolgsdruck als er dürfte niemand innerhalb der neuen Holding haben.

Pichai ist der Mann hinter Chrome und Chrome OS

Der 43-jährige Inder hat eine steile Karriere hingelegt. Als er vor elf Jahren bei Google anfing, war er für das Suchfeld oben rechts in Webbrowsern zuständig, einer von rund zwölf Produktmanagern. Aber Pichai baute seine Zuständigkeiten schnell aus. Er brachte seine Vorgesetzten dazu, mit einem eigenen Browser in den hart umkämpften Markt einzusteigen. Als Google im September 2008 auf einer Pressekonferenz im Googleplex den Chrome-Browser enthüllte, stand Pichai erstmals im Rampenlicht der Medien. Die wenigsten anwesenden Journalisten hätten damals prophezeit, dass Chrome zum Marktführer unter den Browsern aufsteigen würde. Oder dass der sehr schlanke Mann mit der sanften Stimme, der die Vorzüge des Browsers pries, sieben Jahre später an der Spitze von Google stehen würde. 

Nach dem Chrome-Launch wurde Pichai zum Vice President befördert, später zum Senior Vice President. Er verantwortete den Ausbau von Chrome zu einem kompletten Notebook-Betriebssystem. Vor vier Jahren übernahm er auch die Verantwortung für Google-Anwendungen wie Gmail und Google Docs. Larry Page holte ihn in sein exklusives "L-Team", eine Schaltzentrale für Topmanager, die direkt an Page berichteten.

2013 machte Page ihn zum Chef des für Google wichtigen Smartphone-Betriebssystems Android. Und er überließ ihm in der Öffentlichkeit immer öfter die Bühne: In den vergangenen Jahren bestritt Pichai weite Teile der Pressekonferenzen oder Präsentationen auf den gut besuchten Google-I/O-Entwicklerkonferenzen in San Francisco. Vor zehn Monaten dann ernannte Page Pichai zum Chef aller Produkte. "Sundar sagt seit einiger Zeit die Dinge, die ich gesagt hätte – und manchmal sagt er sie besser!", schrieb Page in seinem Blog-Eintrag, in dem er Pichai als neuen Google-CEO ankündigte.