Anfangs wollte es niemand glauben. Als am 10. September 1993 die erste Folge von Akte X im US-Fernsehen lief, rechnete selbst der Sender Fox nicht mit einem großen Erfolg. Die Mystery-Serie begleitete die beiden FBI-Agenten Fox Mulder und Dana Scully auf ihren wöchentlichen Abenteuern, in denen sie sich mit Aliens, Monstern und Verschwörungstheorien herumschlugen und gleichzeitig einem der verworrensten roten Fäden der TV-Geschichte folgen mussten, den sich der Show-Erfinder Chris Carter nach und nach aus der Nase zog. Doch die Zuschauer liebten diese Mischung aus Science-Fiction, Krimi, Horror und humorvollen Zwischentönen. Als die Akte X im Jahr 2002 nach neun Staffeln abgeheftet wurde, galt sie längst als Kultserie.

Wer schon beim Titelsong nostalgisch wird, dürfte sich in diesem Jahr gefreut haben: 14 Jahre nach dem Ende der Serie – Kino-Adaptionen ausgenommen – kommt Akte X zurück. Ab dem 24. Januar erscheinen sechs neue Folgen mit den Schauspielern David Duchovny und Gillian Anderson. Ein guter Zeitpunkt, noch etwas tiefer in die Geschichte der Serie einzusteigen. Denn der Erfolg von Akte X war kein Zufall, sondern auch dem Internet geschuldet. Der Aufstieg des World Wide Web brachte die Fans zusammen – und die setzten Maßstäbe in Sachen Fan- und Netzkultur.

Paul Wartenberg war von Anfang an dabei. Der Bibliothekar und Blogger aus Florida hat anlässlich des Comebacks sein Fanblog The X-Files Senseless Shipper Surveys wiederbelebt. Er erinnert sich noch genau daran, wie er vor mehr als 20 Jahren zu Akte X kam: "Ich hatte zufällig in die zweite Folge reingezappt und fand die Sache mit den Ufos interessant. In der nächsten Folge dachte ich dann: Hä, wer packt jetzt einen leberfressenden Typen in meine Ufo-Show? Eine Woche später hatte ich die Serie akzeptiert und bald darauf gehörte sie zum Pflichtprogramm".

Die Geburt von Internet Fantum

Ähnlich ging es vielen Zuschauern, die während der ersten Staffeln einschalteten. Akte X war keine Serie, die den klassischen TV-Mustern folgte. Das "Monster der Woche", um das sich einzelne Folgen drehten, war häufig nur Fassade für eine ambitionierte Hintergrunderzählung, in der Entführungen durch Außerirdische ebenso eine Rolle spielten wie politische Verschwörungen und persönliche Schicksale. Mit dieser Mischung war Akte X besonders und folgte Mystery-Serien wie David Lynchs Twin Peaks. Gleichzeitig traf die Serie den Ton der Generation X, glaubt Wartenberg: "Es gab zu der Zeit nicht viel an der Schnittstelle von Science Fiction und Fantasy außerhalb von Star Trek: The Next Generation oder Quantum Leap."

Das Internet spielte dabei eine wichtige Rolle, wie die Fernsehkritikerin Joyce Millmans einst in der New York Times schrieb: "Akte X war eine kulturelle Momentaufnahme, in der das paranoide Misstrauen gegenüber der Politik zum Mainstream wurde, befeuert von der Verbreitung von Verschwörungstheorien im Internet." Fox Mulders Motto Trust No One – vertraue niemanden – war gewissermaßen auch das Credo einer Generation, die mit politischen Skandalen wie Watergate und der Iran-Contra-Affäre aufwuchs.

Es dauerte nicht lange, bis Serie und Internet zusammenkamen. Keine acht Wochen, nachdem die erste Folge im Fernsehen lief, entstand die Usenet-Gruppe alt.tv.xfiles. Das Usenet, eine Technik die älter ist als das World Wide Web, ist vereinfacht gesagt mit einem Forum zu vergleichen: Nutzer abonnieren einzelne Gruppen, in der jedes Mitglied Mitteilungen schreiben kann. Am ersten Tag von alt.tv.xfiles ging es um Mulders mysteriösen Informanten Deep Throat, um Scullys Diplom und die Einschaltquoten –  so weit, so unspektakulär. Doch je länger die Serie lief, desto breiter wurden die Diskussionen. "Die Gruppe war erfrischend", erinnert sich Wartenberg, "die Debatten waren engagiert und zielgerichtet und die Unmittelbarkeit des Internets war fantastisch – an einem Tag kamen zu einem Beitrag vierzig, sechzig, achtzig Antworten zusammen." Plötzlich musste man seine Begeisterung für die Serie nicht mit Arbeitskollegen oder Freunden ausleben. Man konnte es am heimischen Rechner tun, mit fremden Menschen rund um den Globus.

Scully und Mulder, das Traumpaar in spe

Das Netz der X-Philes, wie sich die Fans nannten, wuchs schnell. 1994 erschien der Webbaukasten GeoCities und mit ihm entstanden Tausende von Fans gebauten Websites. Längst nicht alle beschäftigten sich nur mit den tatsächlichen Geschehnissen in der Serie. Stattdessen entstanden Phänomene, die Elemente der heutigen vernetzten Fankultur vorwegnahmen. Geschlossene Mailinglisten wie die ausschließlich aus Frauen bestehende David Duchovny Estrogen Brigade beschäftigten sich nur mit dem Hauptdarsteller, während andere die Ufo-Gläubigen versammelten. Nicht wenige drehten sich um die Beziehung zwischen Mulder und Scully oder sagen wir besser: ihre Nicht- oder Fast-Beziehung.

Wenn es nämlich in Akte X mal nicht um Ufos oder Monster ging, standen die beiden Protagonisten im Mittelpunkt. Auf der einen Seite Fox Mulder, der sonnenblumenkernfutternde Verschwörungstheoretiker aus dem FBI-Keller. Auf der anderen Seite Dana Scully, die rationale Forensikerin, die Mulder zunächst nur im Blick behalten soll und schließlich immer tiefer in seine Welt hineingezogen wird. Mulder und Scully waren Partner im Sinne der Arbeit, doch viele Fans wünschten sich, sie wären auch Partner im romantischen Sinne gewesen. Diese Fans nannten sich Shipper in Anlehnung an das englische Wort für Beziehung, relationship. Und auch wenn Akte X nicht die erste Serie war, in der die Fans sich wünschten, dass Figuren zusammenkommen, so war sie doch prägend für das Fan-Phänomen des Shippings.

Sternstunden der Fanliteratur

"Das hat in Akte X so unfassbar gut funktioniert, weil es die Dynamik zwischen den beiden Figuren und diese Chemie zwischen den Darstellern gab", sagt Wartenberg, "beide mussten im Sinne der Serie immer unterschiedliche Standpunkte einnehmen, was ein besonderes Flirtpotenzial ergab." Bis heute beschäftigt die Mulder-Scully-Romantik, unter den Shippern als MSR abgekürzt, die Fans der Serie. In unzähligen Beiträgen und Videos wurde jedes hauchende "Mulder" von Scully analysiert, jeder schmachtende Blick diskutiert, bevor es zum Ende der Serie hin tatsächlich den ersten echten Kuss gab. I Want To Believe, der wohl bekannteste Slogan der Serie, war gleichzeitig das Motto der Shipper. Und wenn die Macher ihre Wünsche nicht erfüllen, wurden sie eben selbst kreativ.

Akte X war bei weitem nicht die erste Serie, die Fanliteratur hervorbrachte. Literatur, die auf bestehenden Figuren aufbaut, lässt sich Jahrhunderte zurückverfolgen. Moderne Vorreiter waren dann Bücher wie Sherlock Holmes und TV-Serien wie Star Trek, doch erst mit Akte X fand das Genre seinen Weg ins Netz, was vor allem einer Seite zu verdanken ist: dem Gossamer Project. Gegründet im Mai 1995, hatte sich Gossamer in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahren zu einer der größten Seiten für Fanfiction entwickelt. Fast 40.000 Geschichten  finden sich bis heute im Archiv, darunter auch einige von Paul Wartenberg: "Fanfiction war witzig, man konnte an einem Tag oder einem Wochenende eine Geschichte schreiben, die dann anschließend kritisiert, bemängelt, verbessert oder in Limericks lächerlich gemacht wurde. Gossamer kam später, aber die Leute dahinter haben damals einen tollen Job gemacht, gemessen daran, wie viele Storys eingesandt wurden."

Über die Qualität dieser "Literatur" lässt sich freilich streiten. Viele der Geschichten bestehen vor allem aus holzschnittartigen Szenen, in denen sich Scully und Mulder mal weniger und in vielen Fällen mal sehr nahe kommen. Aber auch homoerotische Slash-Fiktion, etwa zwischen Mulder und dem mysteriösen Bösewicht Alex Krycek, ist in den Archiven zu finden. Bis zum Aufstieg der Harry-Potter-Reihe um die Jahrtausendwende war Gossamer eine der vorherrschenden Fan-Communities im Netz, und die X-Philes eine "der ersten, die den Cyberspace nutzten, um virtuelle Fankultur und spezielle Interessensgruppen zu erschaffen", wie es die Filmprofessorin Adrienne McLean beschrieb. Als der Sender Fox in den Neunziger Jahren gegen einige Fan-Projekte urheberrechtlich vorging, protestieren diese in eine der ersten kollektiven Netz-Bewegungen für das Recht auf Remix.

Austausch mit Fans

Den Machern der Show blieb die Hingabe der Fans im Netz nicht verschlossen. Die Serie förderte den Austausch zwischen Fans, Produzenten und Schauspielern, und was heute im Zeitalter von Twitter und sozialen Netzwerken fast selbstverständlich ist, war Mitte der Neunziger Jahre praktisch Neuland: Kamen beide Seiten zuvor allenfalls auf offiziellen Veranstaltungen zusammen, war plötzlich ein unmittelbarer Austausch möglich. Der Produzent und Drehbuchautor Frank Spotnitz erinnert sich, dass einige Autoren zögerlich, ja fast schon ängstlich waren, die Fanseiten im Netz zu besuchen. Er aber habe immer heimlich die Beiträge im Usenet verfolgt und wurde bei mindestens einer Folge sogar von den Zuschauern inspiriert. Als die in der Community beliebte Fanfiction-Autorin Leyla Harrison 2001 starb, benannten die Macher eine FBI-Agentin in der Serie nach ihr.

Als Akte X nach knapp 200 Folgen zu Ende ging, hatte die Serie ihren Zenit überschritten. Die Mythologie war aufgeblasen, die Zusammenhänge selbst für Science-Fiction-Verhältnisse hanebüchen und die Nicht-oder-Doch-Beziehung zwischen Mulder und Scully mehr Satire als ernst gemeint. Doch selbst als die Serie aus dem Fernsehen verschwand, blieben ihre Fans im Internet aktiv. 2007, passend zum mäßigen Kinofilm, entstand mit X-Files News eine neue Website bestehend aus "Fan-Journalisten", die sich um ernsthafte Berichterstattung kümmerten. Die Fanliteratur wurde, gefördert von Plattformen wie Tumblr oder Deviantart, von Fankunst abgelöst. Auf YouTube finden sich heute Supercuts und Parodien, Podcasts wie The X-Files Files des Schauspielers Kumail Nanjiani (Silicon Valley) bringen die Serie einer neuen Generation näher.

Und was ist mit den alten Fans? Kann das Revival der Serie sie wieder hervorlocken oder sind die alten Usenet-Nutzer in Zeiten der sozialen Netzwerke überfordert? Die Reaktionen auf Twitter und Facebook in den vergangenen Monaten lassen zumindest vermuten, dass die X-Philes noch immer aktiv sind, und sowohl Gillian Anderson als auch David Duchovny nutzen ihre Accounts um gefühlige Nostalgie zu verbreiten

"Ich habe bis jetzt noch nicht so viele alte Bekannte im Netz getroffen, aber wenn es im Januar losgeht, werden wir bestimmt wieder zusammenkommen, uns freuen und darüber amüsieren, dass die Zusammenhänge wieder nicht stimmen", sagt Paul Wartenberg. Nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Fans, sie sind immer noch da draußen.