Alleine zur Fremdsprache – Seite 1

Stefano lernt seine neue Nachbarin, signora Marchi, kennen. Sie unterhalten sich auf italienisch: "Guten Tag! _____ Frau Marchi?" "__, das bin ich." "______! _______?" "Gut, danke." "__________!" Anschließend trennen sich die beiden wieder.

Das war kein echtes Gespräch, es fand auf der Lernplattform Babbel statt. Die Nutzer müssen zuvor gelernte Wörter wie , Arrivederci oder come sta in die Lücken eintragen. Haben sie die richtigen Wörter eingetippt, liest ein Sprecher den Satz vor.

Eine Million Menschen versuchen, mit Babbel eine andere Sprache zu lernen. Das teilte das Berliner Unternehmen Mitte Februar mit. Diese Menschen zahlen sogar fünf bis zehn Euro pro Monat, um das Angebot im Browser oder in einer App zu nutzen. Laut Babbel verlängern mehr als 50 Prozent ihr Abonnement nach einem Jahr, springen also nicht sofort wieder ab.

Babbel passt jedes Sprachenpaar an

Wieso tun sie das? Sprachenlernen macht ja eigentlich wenig Spaß, es ist Arbeit: Lektionen durchgehen, Vokabeln auswendig lernen, Grammatik pauken. Natürlich haben die Nutzer Ziele: im Dönerladen auf Türkisch bestellen, mit Russischkenntnissen angeben oder ein Praktikum in Schweden überleben. Warum funktioniert das bei Babbel besser als bei vielen Fitnessstudios, für die Leute Verträge abschließen, weil sie nächste Woche ganz sicher anfangen zu trainieren, es aber doch nie tun?

Der Hauptgrund ist, sagt Miriam Plieninger, bei Babbel für Didaktik zuständig, dass jede Lernsprache an die Ausgangssprache angepasst wird. Will ein Engländer Italienisch lernen, muss man ihm zum Beispiel den Unterschied zwischen Du und Sie erklären, weil das Englische diese Höflichkeitsform nicht kennt. Will ein Deutscher Italienisch lernen, muss man ihn damit nicht lange belästigen. "Das ist ein gewisser Aufwand, den Mitbewerber nicht mitmachen und der uns ganz deutlich abgrenzt", sagt Plieninger. Um die Didaktik allein kümmern sich bei Babbel 30 Festangestellte, dazu kommen 100 Freie. 14 Sprachen können die Nutzer lernen, aus 7 Ausgangssprachen. Von den Klassikern wie Englisch und Französisch bis hin zu Russisch, Türkisch oder Indonesisch. 

Miriam Plieninger ist seit 2009 bei Babbel und kümmert sich heute um die Didaktik. © Babbel

Ein Team von "Language Nerds"

Babbel braucht also beispielsweise einen Mitarbeiter, der Schwedisch und Türkisch spricht, am liebsten einen Muttersprachler. Ein multikulturelles, vielsprachiges Team ist so entstanden. "Wir bewegen uns auf dem Arbeitsmarkt in einer wahnsinnigen Nische", sagt Plieninger. Um passende Mitarbeiter zu finden, schreibt die Firma nicht nur Stellen aus, sondern sucht gezielt an Volkshochschulen und Universitäten.

Plinienger bezeichnet sich bei Twitter als Language Nerd. Sie spricht neben ihrer deutschen Muttersprache Englisch fließend und hat Grundkenntnisse in fast allen Sprachen, die Babbel anbietet. Stolz erzählt sie, wie sie an einer schwedischen Kasse gefragt wurde, ob sie eine Tüte möchte, und fließend antworten konnte.

Linguistik trifft Geschäftszahlen

Babbel-Geschäftsführer Markus Witte im Büro in Berlin. © Babbel

Markus Witte ist kein Language Nerd. Der Geschäftsführer und Mitgründer von Babbel wollte ursprünglich Software entwickeln, mit denen Musiker zusammenarbeiten können. Aber es gefällt ihm, in einem weltoffenen Unternehmen zu arbeiten. Die Mitarbeiter kommen aus 30 Ländern, das Unternehmen expandiert in die USA, Frankreich und Italien sind sehr wichtig, aber auch Kanada oder Australien stehen im Fokus. Das Büro von Babbel liegt außerdem nicht zufällig im multikulturellen Berliner Stadtteil Kreuzberg.

2007, als es um das Musikgeschäft eher schlecht bestellt war, entdeckten Witte und seine beiden Mitgründer eine Nische. "Wir haben irgendwann festgestellt, dass es im Netz keine anständige Software zum Sprachenlernen gibt. Den einzigen digitalen Ansatz dafür haben wir auf CD-ROM gefunden", sagt Witte. Sie gründeten die Lesson Nine GmbH,  sammelten Geld von Investoren und starteten 2008 Babbel.com mit fünf Sprachen.

Witte glaubt an das digitale Sprachengeschäft und sein Unternehmen leitet er erfolgreich. Er spricht ohne Aufregung: "Wir sind noch am Anfang." Nach neun Jahren sieht er Babbel immer noch als Start-up, fertig sei sein Produkt noch lange nicht.

Auf die Frage, was er gerne ändern würde, antwortet Witte nach kurzem Nachdenken: "Alles." Und lacht. Es ist schwieriger geworden, radikale Änderungen durchzuführen, trotz Start-up-Modus. Neue Ideen werden daher heimlich getestet. Aber natürlich aufbauend auf dem jetzigen Produkt.

Sechs neue Mitarbeiter pro Monat

Zwischen Glaswänden voller bunter Post-its, Fotos und Sprüchen werden im Kreuzberger Büro Stühle hin- und hergetragen. Das Unternehmen wächst. Insgesamt arbeiten 400 Menschen für Babbel. Jeden Monat stellt die Personalabteilung durchschnittlich sechs neue Mitarbeiter ein, die Küchenwand mit Fotos der Angestellten kommt nur schwer hinterher.

Damit das Team hinterher kommt, gibt es Blind Lunches, bei denen sich einander bisher unbekannte Mitarbeiter zufällig zum Mittagessen verabreden. So trifft der Techniker beispielsweise den neuen Buchhalter oder den Sprachexperten für Indonesisch. Die Dynamik und die Ziele des Unternehmens sind offensichtlich: mehr Mitarbeiter, mehr Kunden, mehr Umsatz.

Hin zum Personal Trainer

Das Lernziel hingegen setzen sich die Babbel-Mitglieder selbst. Die Nutzer können eingerostete Sprachfähigkeiten auffrischen, spezielle Lektionen zur Grammatik durchgehen oder alle Kurse der Reihe nach absolvieren. Diese Freiheit kann zum Problem werden, die anfängliche Motivation kann schwinden, siehe Fitnessstudio.

Babbel weiß um diese Schwäche. "Wir merken, dass viele Nutzer an die Hand genommen werden wollen. Daher möchten wir unter anderem neu lernen und wiederholen noch stärker verknüpfen", sagt Didaktikerin Plieninger. Die Leute brauchen einen strengen Lehrer, der ihnen auf die Finger schaut und sie antreibt. Immerhin gibt es schon einen Wiederholmanager. Darin werden alle Vokabeln gespeichert, die die Nutzer in den Lektionen lernen. Vokabeln, die sie gut beherrschen, werden nicht so oft abgefragt wie die mit einer hohen Fehlerquote. Doch der Wiederholmanager ist noch kein harscher Personal Trainer, sondern zaghaft und unauffällig. Ein kleiner Kasten rechts auf der Webseite zeigt an, wie viele Wörter man heute lernen sollte, in der App ist es eine kleine Zahl im roten Kreis.

Bisher kann der Nutzer entscheiden, ob er das tut oder lässt. In Zukunft könnte das anders aussehen. Wenn die Kunden einen Personal Trainer haben wollen, muss Babbel darauf eingehen, schließlich sind die Abonnements die Geschäftsgrundlage.

Von Werbung zum Bezahlmodell

Das war nicht immer so. Als Babbel begann, sollte es noch Werbung sein, die die  Plattform finanzierte. Die Annahme war damals, dass das Projekt von seinen Nutzern lebt. Wäre die Masse groß genug, würde Werbung als Geschäftsmodell funktionieren. Doch dann stellte sich heraus, dass derjenige, der eine Sprache lernt, sich auf die Lektionen konzentrieren will – und nicht auf die Banner und Anzeigen drumherum. "Werbung muss gesehen werden, sonst verdient man kein Geld damit", sagt Witte.  Er änderte 2009 das Geschäftsmodell, was damals in einem Unternehmen mit nur zehn festen und zwölf freien Mitarbeitern vergleichsweise einfach war.

Auch eine andere Ursprungsidee hat sich heute als Fehlannahme erwiesen. "Wir haben am Anfang gedacht, die Community wird ein großes Thema", sagt Witte. Leute aus aller Welt sollten untereinander Kontakt herstellen, hatte man sich gewünscht, wer wolle, könne Italienisch von einem Italiener lernen, Türkisch von einem Türken. Doch solche  Lernpaare oder eine Lerngruppen haben sich einfach nicht gebildet. Es blieb bei oberflächlichen Gesprächen, die selten über ein Hallo hinauskamen. Gemeinsam Zeit zum Lernen zu finden, war das nächste Problem.

Vom gemeinschaftlichen Lernen hält Witte heute nicht mehr viel. Es ist effektiver, wenn die Babbel-Nutzer der fiktiven signora Marchi zuhören und nicht Toni aus der Pizzeria nebenan. Sie weiß wenigstens, wie man Italienisch unterrichtet.