Willkommen in der Nischen-Nische – Seite 1

Der Evergreen unter den Linux-Witzen geht so: "[Jahreszahl] wird das Jahr der Linux-Desktops." Der Satz ist so etwas wie das Gegenteil einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Linux-Desktops haben nie einen auch nur halbwegs nennenswerten Marktanteil erreicht. Dabei gibt es gute Gründe, ihnen zumindest eine Chance zu geben.

Erstens gibt es sie, wie Cornflakes, in den verschiedensten Geschmacksrichtungen: einsteigerfreundlich, ressourcensparend oder supernerdig, um nur einige zu nennen. Zweitens kann man Windows und OS X mittlerweile durchaus für überladene Riesensysteme mit haarsträubenden Fehlermeldungen und fragwürdigen Voreinstellungen halten.

Drittens stellen sie Systemanforderungen, die alte Hardware nicht mehr leisten kann. Das lässt Nutzern nur die Wahl zwischen veralteter, potenziell unsicherer Software oder dem Kauf neuerer Hardware. Linux-Nutzer sind vergleichsweise sicher vor den üblichen Computerschädlingen, wenn auch längst nicht unverwundbar.

Viertens lohnt sich ein Blick über den Tellerrand prinzipiell immer. Deshalb habe ich drei Linux-Distributionen ausprobiert, die weniger bekannt sind als Ubuntu, Debian oder openSUSE. Die Frage, die ich mir beantworten wollte, lautet: Ist eine davon eine alltagstaugliche Alternative für mich als mäßig begabten Anwender, der bislang vor allem mit Ubuntu gearbeitet hat?

Die Kandidaten:

  • Zorin OS, das stark an eine Windows-Oberfläche erinnert
  • elementary OS, das OS X ziemlich ähnlich sieht
  • Tails, das vollgepackt ist mit Werkzeugen zum Schutz der Privatsphäre

Die Hardware: Zorin und elementary habe ich mir für einen ersten Eindruck zunächst in einer virtuellen Maschine auf einem MacBook von 2011 angeschaut. Dieser Weg sei hiermit allen empfohlen, die nur mal einen Blick auf eine Linux-Distribution werfen wollen, ohne ihr eigenes System anzutasten. Entsprechende Anleitungen gibt es hier für Zorin OS und hier für elementary.

Installiert habe ich beide Systeme anschließend auf einem ThinkPad T400 von Lenovo, Baujahr 2011, mit Intel Core 2 Duo und zwei Gigabyte Arbeitsspeicher. Auf einer ziemlich alten Maschine also.

Tails habe ich auf einem bootfähigen USB-Stick installiert. Denn fest auf einem Rechner kann man das System gar nicht einrichten. Im Gegenteil, es gehört zu den Stärken von Tails, es mit sich zu nehmen und auch auf fremden Rechnern starten zu können, ohne auf diesem Spuren zu hinterlassen.

Die Testkriterien: Wie intuitiv sind Einrichtung und Bedienung (wobei ich die Einrichtung eines Druckers nicht testen konnte), wie einfach finde und installiere ich Software für den Alltagsgebrauch, was fehlt mir im Vergleich zu den Betriebssystemen, die ich schon kenne? Um meinem Anfängerurteil etwas entgegenzusetzen, habe ich zu jeder Distribution auch einen versierten Anwender befragt.

Zorin OS – Linux für Windows-Anhänger

Der Zorin-Desktop mit Startmenü nach Art von Windows 7 © Screenshot ZEIT ONLINE

Mein erstes Testsystem heißt Zorin OS und basiert auf der wohl bekanntesten Linux Variante Ubuntu, ähnelt auf der Oberfläche aber Windows 7. Die Zielgruppe sind "Linux-Neulinge", wie es auf der Website heißt.

Das System gibt es in mehreren Versionen. Ich habe Zorin OS 9 Core getestet. Zwar wurde Version 10 bereits veröffentlicht, doch für Version 9 gibt es eine Langzeitunterstützung bis April 2019. Core bedeutet, dass alle wichtigen Anwendungen vorinstalliert sind. Es gibt auch eine Lite genannte Version, die weniger üppig ausgestattet, aber dafür so optimiert ist, dass sie selbst auf sehr alter Hardware noch schnell laufen soll. Core und Lite sind kostenlos, ebenso die Educational genannten Varianten für den Einsatz an schulischen Einrichtungen. Neun beziehungsweise zehn Dollar kosten hingegen die Versionen Business und Ultimate, sie enthalten zusätzliche Anwendungen. Wer die Entwickler unterstützen möchte, kann hier spenden.

Nach dem Start des Betriebssystems öffnet sich ein fast leerer Desktop mit einem eleganten, blauen Hintergrundmotiv. Vorinstalliert ist Firefox, alternative Browser wie Chrome, Opera und Midori lassen sich am schnellsten mit dem Zorin Web Browser Manager installieren.

Neben dem Firefox-Icon in der Menüleiste am unteren Bildschirmrand gibt es eines für den File-Manager Nautilus, also die von Ubuntu bekannte Datei- und Ordnerverwaltung. Windows-Nutzer werden sich darin trotz fehlender Laufwerkbuchstaben problemlos zurechtfinden. Jedenfalls bis sie mal in die Systemordner müssen, was aber eher selten der Fall sein dürfte.

Das dritte Icon an dieser Stelle öffnet den Rhythmbox-Mediaplayer. Den zu bedienen, ist auch keine Hexerei. Er erkennt neben Android-Smartphones übrigens auch iPods und iPhones problemlos, die Musikverwaltung ist also auch ohne iTunes möglich.

Zorin sieht auf Wunsch aus wie Windows XP

So kann es auch aussehen: Zorin-Desktop mit Startmenü nach Art von Windows XP. © Screenshot ZEIT ONLINE

Das eigentliche Startmenü wird über den Z-Button ganz links geöffnet. In der Standardeinstellung sieht das Menü praktisch so aus wie in Windows 7. Es lässt sich aber auch umstellen: Über die Systemeinstellungen im Startmenü gelangt man zum Zorin Look Changer, wer mag, kann seinem System hier auch den Windows-XP-Look verpassen.

Neben den selbsterklärenden Listen von Anwendungstypen (Büro, Internet, Zubehör) findet sich im Startmenü auch das Software Center, eine Art App Store für Ubuntu-basierte Systeme wie eben Zorin. Zur Auswahl stehen einige Tausend kostenlose und kostenpflichtige Programme und Spiele, die in der Regel aber anders heißen als ihre Windows-Pendants.

Wer partout Windows-Software statt der kostenlosen Open-Source-Alternativen für Linux nutzen will, kann auch das relativ einfach tun. Die nötigen Programme Wine und PlayOnLinux sind in Zorin bereits enthalten, nur die Installationsdateien für die gewünschten Anwendungen muss man sich noch herunterladen. Um sie zu starten, klickt man die jeweilige Datei mit der rechten Maustaste an und wählt "Mit Wine Windows-Programmstarter öffnen". Im Test klappte das problemlos mit Programmen wie Microsofts Word Viewer oder der beliebten Freeware Mp3tag. Spiele (aber auch andere Programme) laufen über PlayOnLinux.

Die Windows-Illusion endet schnell

Das alles funktioniert übrigens auch in einer virtuellen Maschine. Hier noch einmal der Link zur entsprechenden Anleitung. Weil die Performance aber nicht dem entspricht, was Rechner und Software zusammen leisten können, habe ich Zorin außerdem dauerhaft auf meinem Thinkpad installiert. Dort startet es etwas behäbiger, als ich erwartet habe, und manche Programme öffnen sich erst nach einer irritierenden Wartesekunde, aber im Vergleich zu älteren Windows-Installationen ist das absolut im Rahmen. Und alles, was sofort funktionieren sollte, funktioniert sofort: Internet, Office-Anwendungen, Datei-Import, USB-Erkennung und Postfach-Einrichtung zum Beispiel bereiten keine Probleme.

Die Illusion, ein Windows-System zu benutzen, hält allerdings nicht lange. Wer zum Beispiel bestimmte Programme nachrüsten will, merkt schnell, dass er in der Linux-Welt ist. Als privater Ubuntu-Nutzer finde ich mich darin zurecht. Für Linux-Neulinge dürfte es aber keinen großen Unterschied machen, ob sie Zorin OS, Ubuntu oder eine andere Distribution vor sich haben. In die Grundlagen einarbeiten müssen sie sich in jedem Fall.

Mein Fazit: Zorin ist so freundlich zu bisherigen Windows-Nutzern, wie es eben geht. Die Bedienung ist ziemlich intuitiv, die Animationen gefällig, die Software-Auswahl groß, die Ansprüche an die Hardware niedrig genug, um auch von einem fünf Jahre alten Laptop erfüllt werden zu können.

Die Ähnlichkeit mit Windows ist aber eher oberflächlich. Jeder Nutzer wird früher oder später zu spüren bekommen, dass er eigentlich einen Ubuntu-Abkömmling vor sich hat. Der Vorteil: Die Linux- und speziell die Ubuntu-Community ist groß und rege, im Netz finden sich Antworten auf alle möglichen Fragen. Der Nachteil: Die Antworten haben oft etwas mit Befehlszeilen im Terminal zu tun. Wer bisher alle Einstellungen und Updates mit ein paar Klicks auf der Windows-Benutzeroberfläche vorgenommen hat, muss sich dann ein Stück weit in eine neue Welt wagen.

Was der Experte über Zorin OS sagt

Der Zorin-Dateimanager © Screenshot ZEIT ONLINE

Christoph Z., Systemadministrator und langjähriger Linux-Nutzer, nutzt Zorin OS in einer Virtuellen Maschine. Sein Erfahrungsbericht:

"Der erste Eindruck nach dem Booten ist: 'Wow'. Die Oberfläche sieht sehr modern aus, ist trotz vieler Effekte erstaunlich schnell und leicht anzupassen. Man merkt sofort, dass die Ähnlichkeit zu Windows nicht von ungefähr kommt, offensichtlich soll Umsteigern der Wechsel auf Linux nicht allzu schwer gemacht werden.

Mein Eindruck ist, dass sich die Entwickler zu allen Ecken und Kanten Gedanken gemacht haben – sei es, die Farben des Standard-Themes sogar ins Terminal zu integrieren oder den File-Manager thematisch anzupassen. 

Das System kann sofort verwendet werden. Eine aufwendige Konfiguration ist nicht nötig, was es Einsteigern leicht macht. Als Linux-Kenner kann man aber auch sehr viel direkt im GUI verändern.

Was bei der Benutzung von mehreren Displays nervt, ist die Tatsache, dass man über die "Display"-Einstellungen nicht auswählen kann, welcher der primäre und welcher der sekundäre Monitor sein soll. Zorin entscheidet das anscheinend selbst und nicht immer sinnvoll.

Nachdem ich das Betriebssystem nur in der Virtuallen Maschine getestet und nicht als "daily driver" eingesetzt habe, fehlen mir eindeutig die alltäglichen Erfahrungen damit. Ich kann aber insgesamt sagen, dass ich sehr positiv überrascht war. Wenn die Entwickler weiter derart motiviert dran arbeiten, sehe ich keine Probleme für Zorin, auch Linux-Neulinge zu begeistern."

Teil 2 und 3 der Serie veröffentlichen wir am 16. und 17. März.