Auch in Austin war früher nicht alles besser, aber ein bisschen kleiner. Zum Beispiel South by Southwest (SXSW), das im Jahr 1987 als Musikfestival mit 700 Besuchern in der Stadt in Texas begann. Heute, 30 Jahre später, beherbergt es neben einem Film- und Musikfestival eine der wichtigsten und hippsten Technik- und Start-up-Konferenzen der Welt, die mittlerweile mehr Besucher anzieht als die anderen beiden Festivalteile.

"Der Vibe hat sich komplett verändert", sagt Alan Berg. Er muss es wissen: Der Filmemacher lebt nicht nur in Austin, er hat vor einigen Jahren auch eine Dokumentation gedreht, die sich mit den Anfängen des Festivals beschäftigte. Einer Zeit, in der SXSW noch ein jährliches Treffen für Indie-Musiker und Bohemiens war und nicht "der Ort, an dem Twitter groß wurde", wie es seit 2007 in so ziemlich jedem Bericht über das Festival heißt. Auch, weil seitdem tatsächlich keine auf dem SXSW vorgestellte App mehr einen ähnlichen Erfolg schaffte.

Wer in diesen Tagen durch Downtown Austin läuft, sieht schnell, wer mittlerweile das SXSW dominiert. Unternehmen wie Sony, Samsung und Dell haben ganze Restaurants gekapert und in Werbezonen verwandelt. Neben stylischen jungen Menschen flanieren Anzugträger durch die Straßen und an jeder zweiten Ecke ruft ein Start-up eine Happy Hour aus, um seine neueste App zu präsentieren, während in vielen Vorträgen in den Hotels rund um das Kongresszentrum Buzzwords wie Branding, Content und Engagement fallen.

Politik und Technikbranche auf Kuschelkurs

Anders gesagt: Die Unternehmen aus der Internet-, Medien- und Marketingbranche haben das SXSW längst zu ihrer eigenen Spielwiese gemacht. Und nun ist es an der Zeit, neue Freunde zu finden. Bereits in den vergangenen Jahren ließen sich US-Senatoren, Geheimdienstler und Mitarbeiter des Weißen Hauses in Austin blicken. Doch so stark wie in diesem Jahr war die Annäherung zwischen Politik und Technikbranche noch nicht zu spüren.

Ein ganzer eigener Programmstrang des SXSW widmet sich dem Thema Government and Policy. In den Vorträgen geht es um die großen Themen wie ein angemessenes Urheberrecht für das digitale Zeitalter, Datenschutz und die Verwendung von Big Data. Aber es sind vor allem aktuelle und kommende Technologien, deren Entwicklung maßgeblich von der Politik und Gesetzgebung beeinflusst wird und die auf dem SXSW viel Aufmerksamkeit bekommen.

Vor vollem Haus erklärte etwa Chris Urmson von Google, wie das Unternehmen an seinem selbstfahrenden Auto arbeitet und welche Erfahrungen es dabei gemacht hat. Die Autos könnten, je nach Einschätzung, "in vielleicht drei oder dreißig Jahren auf den Markt kommen", sagt Urmson. Vermutlich stimme beides. Die Technologie selbst sei dabei nur ein Faktor, die Gesetzgebung ein anderer. Schließlich liegt es in deren Macht, die Technik zu erlauben, einzuschränken oder komplett zu verbieten.

Wenig Vertrauen in die Politik

Das Gleiche gilt für zwei weitere Schwerpunkte des diesjährigen South by Southwest: Roboter und das Internet der Dinge. Beide Technologien machen rasante Fortschritte; Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz und neuronaler Netzwerke führen zu immer neuen Anwendungsgebieten und das Internet der Dinge mitsamt seinen Auswirkungen und Angreifbarkeiten ist nicht mehr aufzuhalten, nur noch einzuschränken. Was unweigerlich zu der Frage führt: Können Politiker hier überhaupt noch angemessen entscheiden oder halten ihre Kompetenzen mit der technologischen Entwicklung nicht Schritt?

Geht es nach den Besuchern des SXSW, ist die Antwort klar: In einer Umfrage der Festivalveranstalter sagten 61 Prozent der Befragten, sie hätten mehr Vertrauen in technikbasierte Lösungen als in die Politik, wenn es um gesellschaftliche Probleme geht. Das könnte man mit einer hochnäsigen Einstellung der vollvernetzen und in der Regel besser gestellten SXSW-Besucher erklären. Es könnte aber auch unterstreichen, wie groß der Graben zwischen Politik und Internetszene mittlerweile ist.

Barack Obama ist Stargast

Barack Obama will das ändern. Er war in diesem Jahr der Stargast in Austin und tatsächlich ist den Veranstaltern ein Coup gelungen: Ein amtierender US-Präsident hat das Festival noch niemals besucht, geschweige denn während einer Keynote auf der Bühne gesessen und mit einem Journalisten über bürgerliches Engagement und die Verbindung von Silicon Valley und Washington gesprochen. Entsprechend groß waren die Erwartungen an seinen Auftritt. Erfüllen konnte er sie nur bedingt.

"Neue Technologien befähigen Menschen zu Dingen, die sie vorher nicht tun konnten. Aber gleichzeitig ermächtigen sie auch gefährliche Menschen", fasste Obama gleich zu Beginn das Dilemma zusammen, das die Politik mit der Technikbranche hat. Es sei ein zweischneidiges Schwert, aber er glaube dennoch daran, dass Technik sowohl die Regierung, Verwaltung als auch das gesellschaftliche Zusammenleben verbessern könne und dies bereits tue: Unter dem Gelächter des Publikums verwies er auf die zunächst gescheiterte Gesundheitsplattform healthcare.gov, die mit der Hilfe der "weltbesten Programmierer" schließlich doch erfolgreich starten konnte. Er sei eben der "Early-Adopter-Präsident" gewesen.

"Schweizer Bankkonto in der Hosentasche"

Eine Brücke zwischen der US-Regierung und den technikaffinen Besuchern des SXSW konnte Obama allenfalls mit locker eingestreuten Witzen wie diesem schlagen. Denn ausgerechnet seine Aussagen zum vielleicht wichtigsten Streitfall der jüngeren Geschichte blieben entschieden vage. Es ging um den Fall Apple gegen das FBI und die Frage, wie sich die Datensicherheit der Bürger und Technikunternehmen mit dem Sicherheitsdenken der Regierung und Behörden vereinbaren lassen.

Obama wollte den konkreten Fall nicht kommentieren, ließ seine Meinung mit einer Analogie aber erkennen: Die Polizei könne seit jeher mit einem Durchsuchungsbefehl in die Wohnung eines Verbrechers eindringen und die Kommode mit der Unterwäsche durchsuchen – und niemanden störe dieses Vorgehen, wenn dadurch ein Täter gefasst wird. Ginge es aber um Smartphones, sei die Sache plötzlich eine andere. Hier soll den Ermittlern der Zugriff nicht gestattet sein, jeder laufe plötzlich "mit einem Schweizer Bankkonto in der Tasche herum".

Von der Unterwäsche einmal abgesehen folgte Obama damit der Argumentation des FBI: Es solle in keiner Weise für die Behörden möglich sein, einfach so auf Smartphones zugreifen zu können. Aber es müsse trotzdem einen Weg geben, "eine maximal sichere Entschlüsselung anzubieten, auf die eine kleinstmögliche Zahl von Menschen Zugriff hat." Dass diese Argumentation so ihre Probleme hat, ignorierte der US-Präsident und warnte stattdessen vor "absoluten Entscheidungen" wenn es um unknackbare Verschlüsselung gehe.

Die Antworten Obamas zu diesem wichtigen Thema waren absehbar – und trotzdem enttäuschend. Denn schließlich bestätigten sie das alte Machtgefüge, das auf dem diesjährigen SXSW wenn schon nicht aufgelöst, dann doch zumindest diskutiert werden soll: dass Regulierungen und Gesetze eben nicht in den Hinterzimmern Washingtons beschlossen werden, sondern im Dialog mit Vertretern aus der Industrie und im besten Fall noch den Bürgern und Nutzern. Echtes engagement gewissermaßen. So weit ist es dann doch noch nicht, aber die langjährigen Besucher des SXSW wissen: Der Vibe kann sich ändern – in Austin wie in Washington.