Dem großen Problem war die Verteidigungsministerin in der vergangenen Woche ganz nahe. Als Ursula von der Leyen die Bonn besuchte, das deutsche Flaggschiff des Nato-Einsatzes in der Ägäis, schritt sie am Navigationsrechner auf der Brücke des Kriegsschiffes vorbei. Auf dem Bildschirm prangte groß das Logo des Betriebssystems: Windows XP Professional – eine Software, die vom Hersteller Microsoft wegen ihres Alters nicht mehr unterstützt und auf den neuesten technischen Stand gebracht wird. Auf vielen Rechnern der Bundeswehr aber ist sie nach wie vor im Einsatz.

Die "Offensive im Cyber- und Informationsraum", die von der Leyen am Dienstag ankündigte, ist in erster Linie keine Offensive im militärischen Sinn. Die Streitkräfte müssen sich vor allem an der Heimatfront, aber auch in den weltweiten Einsätzen mit Problemen auseinandersetzen, die jedes Industrieunternehmen ähnlicher Größe angehen muss: Die Sicherheit von Netzwerken, eine vernünftige Computer- und Sicherheitsarchitektur und das ewige Bemühen, die Technik auf einem aktuellen Stand zu halten – und wenn das nur bedeutet, immer die aktuellen Updates einzuspielen.

Die Klage, dass die Bundeswehr auf dem immer wichtigeren Feld der Informations- und Kommunikationstechnik hinterherhinkt, ist nicht neu. Schon vor gut 15 Jahren kritisierte der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Hunderte von Inselnetzwerken, die in der Truppe existierten. Längst hat der Begriff "Drehstuhl-Schnittstelle" in der Bundeswehr einen festen Platz: Statt die Daten von einem System ins andere zu übertragen, muss ein menschlicher Bediener sie von einem Computer auf einen anderen transferieren.

13.500 Stellen werden neu organisiert

Der Aufschlag von der Leyens, befeuert durch die von der Beratungsfirma McKinsey geholte Staatssekretärin Katrin Suder und den ebenfalls von dort engagierten Beauftragten für Rüstungssteuerung Gundbert Scherf, war also nötig. Denn seit Scharpings Kritik hat die Verwundbarkeit von IT-Systemen kräftig zugenommen: Ohne E-Mail-Kommunikation, bei der Bundeswehr nach wie vor auf der Basis von Lotus Notes, käme schon der Grundbetrieb zum Stehen. Moderne Waffensysteme sind von ihrer Software längst viel abhängiger als von Stahl und Mechanik. Und jede neue Drohne vergrößert die Notwendigkeit, sich auf sichere Datenverbindungen verlassen zu können.

Künftig sollen alle Soldaten und Zivilbeschäftigten, die in irgendeiner Form mit Informationstechnik, Computern und Netzwerken zu tun haben, in einer neuen Abteilung zusammengefasst werden. Bundeswehrtypisch mündet das gleich in einer neuen Organisationsstruktur mit einem Drei-Sterne-General an der Spitze. Die 13.500 Dienstposten, mit denen der neue "militärische Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum" Anfang kommenden Jahres seine Arbeit aufnehmen soll, machen die neue Organisation fast so groß wie die ganze Marine.

Zunächst bedeutet das nur, das Türschilder ausgetauscht und Kommandostrukturen verändert werden; die Soldaten dahinter gibt es längst. Etwa die elektronische Kampfführung, die Fernmeldetrupps, die in Afghanistan oder Mali die Satellitenschüsseln für die Datenverbindung in die Heimat aufbauen. Oder die Spezialisten, mit deren Hilfe die deutschen Spionagesatelliten aus dem "Kommando Strategische Aufklärung" im westfälischen Rheinbach gesteuert werden. Das Rad, sagt ein hochrangiger Offizier, soll nicht neu erfunden werden. Aber "am Laufen gehalten werden, auch bei kleinen Rädern".

Der IT-Nachwuchs geht selten zum Bund

Die Herausforderung wartet an einer ganz anderen Stelle: "Wir suchen händeringend Nerds", heißt es aus dem Verteidigungsministerium. Schon seit einigen Wochen fährt die Bundeswehr eine Werbekampagne mit dem Namen "Projekt Digitale Kräfte". Die Herausforderungen der Netzwelt zwingen das Militär, sehr unmilitärisch zu denken.

Denn schon in ihrem Kerngeschäft hat die Armee Probleme, genügend Freiwillige für den Soldatenberuf zu finden. Die Bundeswehr war Ende März so klein wie noch nie in ihrer Geschichte, die Zahl der Zeit- und Berufssoldaten dümpelt deutlich unter der angestrebten Zahl. Die Bemühungen von der Leyens, die Streitkräfte als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren, haben das noch nicht wirklich ändern können.

In der IT-Welt, oder im Bundeswehrsprech "Cyber- und Informationsraum", ist das noch einmal schwieriger. Der Markt für Computer- und Softwarespezialisten, für Entwickler und Programmierer, ist ohnehin schon von der Industrie ziemlich leer gekauft. Und da soll die Bundeswehr mit ihrer Suche Erfolg haben – zudem bei einer Klientel, die in großen Teilen allem Militärischen nicht gerade in Zuneigung verbunden ist?

Der Bundeswehr gehen die Alternativen aus

Der Ausweg, so legen es die Architekten der neuen Cybertruppe nahe, liegt in einer kleinen Kulturrevolution. Im Bericht des Aufbaustabes für die neue Organisation wird die Werbung um "neue oder bislang unterrepräsentierte Bewerbergruppen" vorgeschlagen. Mit anderen Worten: Männer und Frauen, die bislang aufgrund fehlender Voraussetzungen nicht Soldat werden konnten – oder das gar nicht wollten.

Da geht es um Spezialisten, die für die Truppe bisher kein Thema waren – "wegen fehlender Eignung als Soldatin oder Soldat oder wegen explizit fehlendem Interesse an einer Tätigkeit als Soldatin oder Soldat, Menschen mit Migrationshintergrund, Staatsangehörige anderer Länder", heißt es in dem Bericht. Ausdrücklich genannt werden zudem "Kandidatinnen und Kandidaten ohne formalen Bildungsabschluss (z. B. Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher)", Bewerber "aus fachfremden Disziplinen, die über geeignete informell oder nicht-formell erworbene Kompetenzen verfügen und eine hohe Motivation für eine Auseinandersetzung mit Cyber-Aufgabenfeldern mitbringen", ohne eine klassische Vorbildung in naturwissenschaftlichen oder technischen Fächern nachweisen zu können.

Das lässt altgediente Soldaten schwer schlucken, doch etwas anderes bleibt den Streitkräften kaum übrig. Eine Alternative wird ein paar Jahre brauchen, bis die Truppe davon profitieren kann: An der Bundeswehruniversität München soll ein eigener Studiengang für Cybersicherheit eingerichtet werden, mit geplant jährlich 70 Absolventen. Der startet 2018 – bis die ersten davon in der Bundeswehr ankommen, ist das nächste Jahrzehnt angebrochen.

IT-Experten sollen zu Reservisten werden

Kurz- und mittelfristig setzen die Streitkräfte deshalb auf Reservisten, ehemals aktive Soldaten, die inzwischen im zivilen Leben in der IT-Welt zu Hause sind. Die müssten nicht wie bislang auslandsverwendungsfähig sein und auf Monate in einen Einsatz in aller Welt gehen wollen. Es reicht schon, wenn sie zur Wochenendschicht im Rechenzentrum zur Verfügung stehen oder im Notfall als Verstärkung. Geködert werden sollen sie, wie auch aktive Soldaten, mit Karrierechancen abweichend vom starren Beförderungsschema der Streitkräfte. Künftig könnte ein Oberst sein ganzes militärisches Leben im Netzwerk verbracht haben ohne jemals ein Bataillon kommandiert zu haben.

Ob all diese Vorstellungen funktionieren, wird von vielen praktischen Details abhängen. Begehrlich schauen die deutschen Planer auf die USA, wo unter anderem eine berühmte Einheit der Nationalgarde, die 262nd Squadron, stolz auf die Qualifikation ihrer Reservisten verweist: Die arbeiten im Zivilleben bei Microsoft oder Google. In der Bundeswehr kann es dagegen ganz anders laufen, wie ehemalige Soldaten in Internetdebatten beklagen: "Als ich vor einiger Zeit selbst mal über ein Engagement als Reservist nachgedacht habe, war die Frage: 'Können Sie Drucker reparieren?'"

Diese Mühen werden die Bundeswehr vorerst viel mehr beschäftigen als die öffentlich gern debattierte Frage, wie denn mit den offensiven Cyberkriegfähigkeiten der Bundeswehr umgegangen werden sollte. Immerhin wird die Truppe der Spezialisten für diese offensive Kriegführung von bislang rund 60 auf 80 aufgestockt. Ein offensiver Einsatz dieser Einheit muss aber weiterhin vom Bundestag genehmigt werden. Von den groß angekündigten Fähigkeiten des großen Verbündeten USA, "Cyberbomben gegen ISIS" einzusetzen, sind die deutschen Streitkräfte nicht nur politisch und rechtlich, sondern auch praktisch noch ein ganzes Stück entfernt.