Weizenfelder und Sonnenblumen gibt es in Potwin. Zwei Kirchen, eine Grundschule, eine Highschool – und 450 Menschen. Die meisten Farmer. Angeblich. Es ist nicht viel los in dem Kaff im US-Bundesstaat Kansas, sollte man meinen. Doch wer IP-Adressen von Straftätern zurückverfolgt, merkt schnell: Pädophile, Spammer, Hacker, Steuerhinterzieher – eine stattliche Anzahl an Kriminellen tarnt sich offenbar in dem verschlafenen Nest als Farmer: Allen voran auf der Vogelman-Farm.

Die Geschichte ihrer Bewohner und deren Heimatstadt hat die Journalistin Kashmir Hill vom US-Online-Magazin Fusion entdeckt. Die Story versteckte sich in den Informationen aus einer Datenbank von MaxMind, einer Firma, mit deren Hilfe Kunden unter anderem IP-Adressen auf ihre geografische Herkunft prüfen können. Wer genau wissen will, woher der Besucher einer Website kommt, kann gegen eine Gebühr tiefer in der MaxMind-Datenbank suchen. Mit einem Sicherheitsforscher durchsuchte Hill die Daten nach Auffälligkeiten – und stieß auf den Fall aus Kansas.

Die Postanschrift im Internet

Zunächst kurz zur Technik: Jedes mit dem Internet verbundene Gerät und jede Website hat eine IP-Adresse. Von zeit.de kann das etwa die 217.13.68.251 sein. Für die meisten Privatnutzer ändert sich diese regelmäßig, meist täglich, sie wird vom Provider vergeben. Unternehmen oder Behörden können aber einzelne IP-Bereiche zugewiesen bekommen. So kann man zum Beispiel sehen, wer mit einer IP-Adresse der kanadischen Regierung gerade die Wikipedia editiert. Man kann sich IP-Adressen wie eine Anschrift im Internet vorstellen: Wer eine Website besucht, lässt sich die Daten an seine persönliche IP-Adresse, also seinen Computer oder sein Smartphone, schicken.

Die Adresse ist öffentlich, sofern sie nicht über Dienste wie VPN-Netzwerke oder Tor verschleiert wird. Jeder Website-Betreiber kann sehen, von welchen IP-Adressen aus seine Seiten besucht wurden. Und die Adressen lassen sich über Tracer- oder Tracker-Dienste im Netz zurückverfolgen, jedenfalls ein bisschen. Die obige IP-Adresse von zeit.de führt je nach Abfrage entweder zum Rechenzentrum in Braunschweig oder zum Hamburger Pressehaus, ist also recht genau. Für die meisten Privatnutzer endet die Rückverfolgung meist beim lokalen Providerknoten. Wer etwa O2-Kunde in Berlin ist, bekommt beim Abruf seiner IP-Adresse bloß Berlin als Endpunkt angezeigt, aber nicht die genaue Adresse seines Haushaltes. Diese Daten kennt nur der Provider und gibt sie in der Regel erst nach einem richterlichen Beschluss heraus, etwa im Fall von Abmahnungen.

Ortsmarke ungenau? Dann sind's die Vogelmans

Unternehmen wie MaxMind bieten IP-Abfragen in Form von Datenbanken für Geschäftskunden an. Es scannt regelmäßig IP-Adressen auf ihre Herkunft und reichert sie mit Informationen wie etwa dem Durchschnittseinkommen des jeweiligen Standortes an. Werbetreibende können damit dann genauere Analysen von Besuchern einer Website anlegen. Allerdings, das schreibt auch MaxMind auf seiner Website, seien die Herkunftsangaben nicht immer präzise und sollten deshalb nicht dazu verwendet werden, eine "bestimmte Adresse oder Haushalte zu identifizieren".

Dieses Kleingedruckte hat offenbar nicht alle Kunden von MaxMind erreicht. Deshalb kommen viele bei der Abfrage einzelner IP-Adressen bei der Farm von Familie Vogelman in Potwin heraus. 600 Millionen IP-Adressen sollen auf diesen Ort verweisen, berichtet Fusion.

Die Journalistin Hill hat inzwischen herausgefunden, wieso das so ist. Wann immer die Software von MaxMind eine amerikanische IP-Adresse nicht genauer lokalisieren kann, spuckt sie das geografische Zentrum der USA aus, was im Norden von Kansas liegt. Weil dessen Koordinaten allerdings etwas unschön sind, entschied MaxMind vor zehn Jahren, die Koordinaten auf- und abzurunden – mit dem Ergebnis, dass sie nun auf die Vogelman-Farm verweisen.