Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will diese Woche ihr Konzept für die digitale Kriegsführung der Bundeswehr vorstellen. Das berichtete der Spiegel am Wochenende und zitierte dabei aus einem internen Konzeptpapier, in dem es hieß, der virtuelle Raum werde "die Konflikte der Zukunft maßgeblich bestimmen".

 Zukunft?

Anderswo hat die längst begonnen. Stuxnet und die angebliche sehr viel größere Operation Nitro Zeus im Iran sind bereits Jahre her, jetzt greifen die USA nach eigenen Angaben des sogenannten Islamischen Staats (IS) digital an. "Wir werfen Cyberbomben auf sie", so drückt es der stellvertretende US-Verteidigungsminister Robert O. Work in der New York Times aus.

Cyberbomben?

Um nicht ganz so viel zu cybern wie die US-Regierung und die New York Times: Gemeint sind Hackerangriffe, das Infiltrieren von IS-Netzwerken und die Manipulation ihrer Daten. US-Präsident Barack Obama hatte gesagt, die Operationen würden die Kommando- und Kommunikationsstrukturen stören. Details bestätigt offiziell niemand, aber anonyme Quellen nannten der New York Times eine Reihe von mehr oder weniger konkreten Angriffszielen.

Mit Implantaten in den IS-Netzwerken habe das US Cyber Command demnach herausfinden wollen, wie die Kommandeure der Terrormiliz kommunizieren. Nun solle dieses Wissen genutzt werden, um Nachrichten zu verfälschen und IS-Kämpfer zum Beispiel in Gegenden zu locken, in denen sie leichter von US-Drohnen oder von lokalen Bodentruppen angegriffen werden können. Außerdem sollen Geldtransfers unterbrochen werden, damit der IS zum Beispiel Schwierigkeiten bekommt, seine Rekruten zu bezahlen.

Implantate? 

Gemeint sein könnten Schnittstellen in Netzwerken, die Datenströme kopieren und zur Analyse in die USA leiten, ebenso wie physische Wanzen aus den NSA-Katalog, die allerdings jemand ins Gefahrengebiet hätte schmuggeln müssen.

Thomas Rid, Professor im Department of War Studies am King's College in London, dessen Buch Maschinendämmerung über die Geschichte der Kybernetik gerade auf Deutsch erschienen ist, hält wenig von Begriffen wie Cyberbombe. Seine Faustregel: "Je mehr jemand cyber als Vorsilbe verwendet, desto geringer ist seine technische und taktische Fachkenntnis." An den Fähigkeiten der US-Militärhacker aber zweifelt er nicht: "Die Amerikaner können fraglos Friktion schaffen durch Computernetzwerkangriffe, also durch das Löschen und Modifizieren von Dateien." Zwei Fragen würden sich daraus aber ergeben: "Bringt das wirklich etwas? Und macht man durch solche Aktionen nachrichtendienstliche Quellen zunichte? Die Abwägung kann nur im Einzelfall getroffen werden."

Die Prahlerei der USA soll den IS verunsichern

Implantiert werden sollen aber auch Zweifel, darauf jedenfalls lassen diverse Aussagen von Beteiligten schließen. So sagte General Joseph F. Dunford Jr., der Vorsitzende des Befehlshabergremiums Joint Chiefs of Staff, die IS-Kommandeure sollen "Probleme erleben, die etwas mit uns zu tun haben und solche, die man im normalen Tagesgeschäft im Informationszeitalter eben hat." Anderes gesagt: Ob ein Computerabsturz etwas mit den US-Hackern zu tun hat oder nicht, ist egal. Hauptsache, die Zielperson zweifelt und wird unsicher. Psychologische Kriegsführung also, kurz: Psyop.

Bestätigt wird das von ungenannten Gesprächspartnern: Die Bekanntgabe der Angriffe durch die USA solle unter anderem das Vertrauen des IS in seine Kommunikation mindern sowie das Vertrauen von Rekruten, die mit den Militanten kommunizieren wollen.

Rid sagt: "Psyops funktionieren dann am besten, wenn wirklich etwas dran ist. Das wissen alle Beteiligten, insbesondere die Amerikaner. Das Problem wird sein, was man im Militär 'BDA' nennt, also bomb damage assessment: Wie kann man den Effekt einer solchen Aktion bewerten? Das wird extrem schwierig bis unmöglich sein, insbesondere wenn Erfolg bedeutet, dass nichts passiert."

Nicht direkt zur "Cyberbomben"-Strategie gehört der Versuch, die Propaganda des IS in Netzwerken wie Facebook und Twitter zu bekämpfen. Hierfür braucht die US-Regierung die Hilfe der Unternehmen, die entsprechende Posts löschen müssten. Obamas Sicherheitsberaterin Lisa O. Monaco jedenfalls dämpft die Erwartungen: "We are not going to kill our way out of this conflict. And we are not going to delete our way out of it, either"  – Wir kommen aus diesem Konflikt nicht durch bloßes Töten heraus, und auch nicht durch bloßes Löschen.